Die (ganz) neue Bescheidenheit?

Schwarzmanns Horizont – Kolumne von Oliver W. Schwarzmann

Ist die derzeitig beobachtbare Bescheidenheit nur eine durch die Pandemie und Naturkatastrophen hervorgerufene Begleiterscheinung, die bald wieder verschwinden wird? Wirtschaftsdichter und Zukunftsbeobachter Oliver W. Schwarzmann über unser archaisches Hierachiesystem und die daraus resultierenden Folgen für die Natur.

Tatsächlich ein Trend?

Bescheidenheit scheint wieder angesagt.
Demut, Achtsamkeit, bewusster Verzicht: Was als Mantra der Wellness- und Life-Coaching-Szene schon lange bekannt ist und ebenso lange belächelt wird, könnte sich nun zur ernsten Sache mausern, sprich: zur notwendigen Tugend.

Nach der Phase des schier unendlichen Wachstums, der Selbstoptimierung und Selbstdarstellung verliert die Verherrlichung von Erfolg, Prominenz und Macht an Einfluss. Doch nicht, weil uns Wohlfühl-Philosophien schließlich überzeugt, gar bekehrt hätten, nein, der Mensch lernt, wenn überhaupt, aus der Tragödie.

Ansonsten sind Bewahrung und Bequemlichkeit die Treiber des sogenannten Fortschritts. Auf neue Realitäten wird nur reagiert, wenn sie unausweichlich sind, aber dann mit alternativlosem Aktionismus. Schließlich soll alles wieder werden, wie es war. Publicityträchtig und nachhaltig.

Corona ist so eine Tragödie. Sie hat deutlich gemacht, dass nichts sicher und selbstverständlich, dass niemand unverwundbar und Besitz tatsächlich nicht alles ist. Zwar sind die Reichen in der Pandemie reicher und die Armen ärmer geworden, dennoch hat das Virus uns allen unsere Schwächen und Grenzen aufgezeigt. Klimakollaps und Flutkatastrophe tun ihr Übriges – wir sehen, spüren und erleben Tag für Tag, dass unsere Lebensgrundlage schwindet; wir begreifen, dass es so nicht weitergehen kann. Und wird. Für jeden.

Zeit also, genügsamer zu werden?
Endlich, muss man hinzufügen.
Doch – wollen wir wirklich mit dem Verhalten der Vergangenheit brechen, um die Zukunft zu retten? Oder handelt es sich um eine Life-Style-Duftkerzen-Mode oder einen Entschuldigungs-Reflex wegen des schlechten Gewissens, das uns wegen der Katastrophenbilder überkommt? Und auf was lassen wir uns da überhaupt ein?
Viele kannten bisher kaum Mangel und Einschränkungen und sind der Verheißung von Erfolg, Prominenz und Macht nur zu gerne gefolgt, nun, weshalb es für manche echt schwer werden wird, mal ein paar Gänge zurückzuschalten.

Aber – und das ist die gute Nachricht: Bescheidenheit ist kein Verzicht oder Verlust, sondern tatsächlich ein Gewinn. Nicht nur für Romantiker und Träumer.

Das Los mit dem Lassen

Loslassen werden wir müssen.
Das scheint tatsächlich alternativlos.
„Bisher galt: Was heute Luxus ist, ist morgen Standard. Bald wird gelten: Was heute Standard ist, ist morgen Luxus“ – das habe ich schon vor Jahren geschrieben und nun wird es zur Wahrheit, die es zu akzeptieren gilt.

Das betrifft vor allem unsere Einstellung zum Wachstum, die bisher nichts anderes bedeutet als Vergrößerung und Vermehrung. Auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen führt das unausweichlich und gleichzeitig zu Verkleinerung und Verringerung. Die Natur und nicht so privilegierte Länder, Staaten und Menschen zahlen die Zeche. Das ist nichts Neues, ich weiß, aber nun stehen diese Folgen vor unserer Haustür.

Bedeutet loslassen. Im Sinne: Wir brauchen eine neue Wachstumsmetapher. Ideen und Theorien dazu gibt es viele. Angelehnt oft an die Natur – dort ist Wachstum eine Transformation, die permanent, aber phasenweise verläuft. Natürliche Systeme sind zudem autopoietisch, erschaffen und organisieren sich selbst, setzen dabei auf eine ganzheitliche Entwicklung und Symbiosen. Die Folge: balanciertes Wachstum, Vielfalt und Komplexität.

Bescheidenheit & Komplexität – geht das zusammen?

Ja, denn Bescheidenheit heißt eben nicht Reduzierung, was viele zwar fordern. Aber auch der Mensch hat mittlerweile komplexe Systeme geschaffen, es hapert bei uns noch mit Balance und Symbiosen, doch unsere Wirtschaftswelt ist ebenso differenziert, vielschichtig und äußerst eng miteinander verwoben. Auch das hat Corona gezeigt, man denke nur an die Lieferketten. Komplexität bedeutet eben immer auch Abhängigkeit, was selbst für autopoietische Systeme gilt. Nichts auf dieser Welt agiert insoliert.

Die Natur reagiert bei der Störung ihrer Systeme mit Aussterben, für uns ist das keine Lösung, klar. Wollten wir also in unseren komplexen Systemen ein balanciertes Wachstum erreichen, müssten wir sie alle zu Kreisläufen umbauen. Heißt: Transformation und Austausch mit dem, was entsteht und komplett wiederverwendet wird, wenn es seinen Zyklus durchlaufen hat.

Unser Wachstum würde nie Überschuss produzieren, also nie mehr als notwendig oder möglich ist. Müll gäbe es nicht. Zudem müssten alle Länder, Staaten, Menschen ihre Unterschiedlichkeit und individuellen Stärken einbringen können – bei totaler Gleichstellung. In der Natur ist das Wasser auch nicht weniger wert als die Sonne.

Doch da begeben wir uns in das Reich der Utopie. Denn unsere Menschenwelt ist hierarchisch angelegt. Das hat in archaischen Gesellschaften durchaus Vorteile gebracht. Aber es führte eben auch zu Unterschieden, die ungleiche Machtverhältnisse zur Folge hatten.

Wahre Bescheidenheit heißt gleichwertig

Zwar sind unsere Systeme komplex und bedürften ganz anderer Strukturen, aber unsere archaische Hierarchie steht uns da im Weg. Wir denken einfach in Unterschiedlichkeiten – was leider nicht zu Diversität führt, wie in der Natur, sondern zu Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Zu privilegiert und nicht-privilegiert.

Die westlichen und nun auch fernöstlichen Industriestaaten und ihre Unternehmen profitieren von diesem archaischen Hierarchiesystem. Balanciertes Wachstum, Co-Evolution und Symbiosen sind so kaum möglich; die Ungleichgewichte sind zu groß und verschärfen sich bei klassischem Wachstum nur weiter.

Um eine annähernde Gleichwertigkeit auf der Welt herzustellen, müsste statt Umverteilung eine gigantische Gleichverteilung stattfinden. Zudem dürfte man nicht nur Staaten, Unternehmen und Menschen in diese Verteilung einzubeziehen, sondern auch die Natur. Nachhaltigkeit reicht da bei weitem nicht aus, es müsste zum viel bewunderten „Einklang“ kommen.

Dann wären wir bescheiden, würden uns also nicht mehr über andere und anderes stellen und alles ausnutzen, sondern für andere und anderes mitdenken. Wachstum wäre die Entfaltung von Vielfalt und das Erzeugen von Fülle für alle und alles.

Der Mensch wird nie bescheiden

So ist der Mensch einfach nicht gestrickt.
Die Hierarchie ist in unserem Denken viel zu stark präsent. Es gibt immer eine/n Erste/n, Zweite/n, immer eine/n Bessere/n und Schlechtere/n. Unterschiedlichkeit können wir nicht gleichwertig betrachten, wir müssen (zwanghaft) urteilen.

Hierarchie ist ein Erfolgsmodell, daran besteht kein Zweifel.
Aber nur, wenn Entwicklung in eine Richtung gehen soll.
Nur, wenn es um einseitige Vergrößerung und Vermehrung geht.
Um Privilegien.
Und Macht.

Auch wenn die Natur den Menschen zu einem Nullpunkt führen würde und uns zu einem Neuanfang zwänge, wären wir in einigen Jahrhunderten wieder an derselben Stelle. Und alle Versuche, eine gleichwertige Gesellschaft zu erschaffen, sind zudem gescheitert. Das scheint einfach unser Schicksal zu sein.

Da Aussterben keine Option ist, glaube ich an die Möglichkeit, die archaisch-hierarchische Welt der Menschen durch Technologie in die Zukunft zu retten. Darauf können wir bauen – und so weitermachen wie bisher, Krisen eingeschlossen.

So wird es auch laufen: Technologien retten den Reichen ihre Paradiese, während sich Staaten dabei aufreiben, immer mehr Arme (halbwegs) aufzufangen. Tatsächlich könnte es dabei zu (erzwungenen, aber friedlichen) Ausgleichs-Umverteilungen kommen, zu denen u.a. auch ein bedingungsloses Grundeinkommen gehörte, aber nun, wir werden sehen.

Trotzdem oder gerade deshalb sollten wir viel für unsere eigene Bescheidenheit tun.
Indem wir versuchen, uns der Natur anzunähern.
Mit Freude.
Nicht mit Verzicht.

Über den Autor

Oliver Schwarzmann (Bild: Schwarzmann)
Oliver W. Schwarzmann ist „der Banker, der zum Poeten wurde“.
Als Wirtschaftsdichter und Zukunftsbeobachter schreibt er Weisheiten, Kolumnen
und Geschichten über Wirtschaft, Unternehmen, Menschen.

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