Eine Einführung in den Jahresabschluss

Blick in die Bilanz: CONSULTING.de-Kolumne von Bert Erlen

Alle sprechen vom Jahresabschluss, oder? Sie nicht? Na ja ok, vielleicht sprechen Sie über Unternehmen. Über Biontech, Curevac und Moderna, über Daimler, Tesla und VW, über Amazon und Apple, über Ihr Fitnessstudio, Ihre Autowerkstatt oder den Bäcker um die Ecke. Und vielleicht sprechen Sie dann über Produkte und Märkte und Strategien und darüber, warum diese Unternehmen erfolgreich sind oder nicht. Aber ehrlich: Damit sprechen Sie eigentlich doch über den Jahresabschluss!

Denn der Jahresabschluss ist DAS Instrument, um den Zustand eines Unternehmens zu erkennen. Er ist wie eine Zwischenstandsmeldung zu der zentralen Frage: Was ist da los? Geht's dem Unternehmen gut? Eine Antwort auf diese Frage brauchen und wollen alle, die mit dem Unternehmen zu tun haben: die Mitarbeiter und das Management, die Eigentümer, Kunden und Lieferanten, Banken, die Öffentlichkeit, der Staat usw. Denn nur wenn es dem Unternehmen gut geht, geht es auch den Stakeholdern gut. Fragen Sie mal den Stadtkämmerer von Leverkusen, den Wirtschaftssentor von Berlin und den griechischen Regierungschef!

Die Bestandteile eines Jahresabschlusses

Also schauen wir uns den Jahresabschluss an. Und zwar die Kernbestandteile:

  1. Gewinn- und Verlustrechnung,
  2. Bilanz und
  3. Kapitalflussrechnung.

Es gibt noch mehr Bestandteile, zum Beispiel den Lagebericht, die Gesamtergebnisrechnung, die Eigenkapitalveränderungsrechnung und den Anhang. Diese Bestandteile enthalten weitergehende Informationen und ordnen die Informationen der drei Kernbestandteile in den größeren Kontext. Für den Haupteindruck reichen aber die Gewinn- und Verlustrechnung, die Bilanz und die Kapitalflussrechnung.

Die Gewinn- und Verlustrechnung

In der Gewinn- und Verlustrechnung analysieren wir die Profitabilität, also ob das Unternehmen Gewinn oder Verlust macht. Und das ist die zentrale Frage! Denn Unternehmen, die nicht genug Geld für Ihre Eigentümer verdienen, haben keine Existenzberechtigung. - Der Grund dafür ist ganz einfach: Würden Sie ihr Geld dort investieren, wo es keine Rendite erwirtschaftet?

Ob das Unternehmen Gewinn erwirtschaftet, hängt ganz wesentlich von seiner Differenzierungsmöglichkeit am Markt und von seiner Kosteneffizeinz ab. Konnten die Preise erhöht werden, konnte mehr verkauft werden? Sind die Personalkosten oder die Sachkosten gestiegen und warum? Wie ist überhaupt das Gehaltsniveau und die Produktivität der Mitarbeiter? (Wichtige Hinweise auf die Unternehmens- und Führungskultur).

Gewinn und Verlust, Strategie, Führung

Auf diese und noch zahlreiche andere Fragen bekommen wir interessante Antworten. Letztlich geht es um die Frage: Steht das Unternehmen, die Mitarbeiter und das Management, unter Druck oder nicht? Oder macht es richtig Spaß? Und wenn es leider gerade nicht richtig Spaß macht, wie kommen wir wieder dahin?

Dafür ist die Gewinn- und Verlustrechnung der wichtigste Ansatzpunkt. Übrigens auch für Ihre Führung.

 

Die Bilanz

In der Bilanz, dem zweiten wichtigen Jahresabschlussinstrument, steht einerseits das Vermögen und andererseits, wie das Vermögen finanziert ist. Das Vermögen sind zum Beispiel Grundstücke, Gebäude, Maschinen, Lagerbestände, die Kasse usw., die alle dazu da sind, den Gewinn zu erwirtschaften. Ohne Vermögen kein Unternehmen!

Und ohne Finanzierung kein Vermögen! Deshalb stehen die Finanzquellen - das Eigenkapital von den Eigentümern und das Fremdkapital von anderen Geldgebern, zum Beispiel Banken - neben dem Vermögen ebenfalls in der Bilanz aufgelistet.

Die Komplexität reduzieren

Die Bilanz ist oft komplex, insbesondere bei großen Unternehmen. Viele Vermögensgegenstände und auch viele Finanquellen sind auf den ersten Blick nicht selbsterklärend. Der Grund dafür ist einfach: ALLES wird in der Bilanz erfasst, und wo viele Menschen Entscheidungen treffen, passiert viel! Lassen sie sich von dieser Komplexität aber nicht abschrecken. Wenn wir bei den wesentlichen Positionen bleiben, können wir schonmal viel Erkenntnisse gewinnen.

Tabelle von Bert Erlen

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Die Kapitalflussrechnung

Bleibt als drittes zentrales Jahresabschlussinstrument die Kapitalflussrechnung. Sie ist eine Veränderungsrechnung der Kasse und verdeutlicht, durch  welche Transaktionen die Kasse voller oder leerer geworden ist. Als Kasse bezeichne ich hier übrigens vereinfachend das gesamte zur Verfügung stehende Geld, also auch Bankguthaben.

Die Kasse ist zwar einerseits nur einer der in der Bilanz aufgelisteten Vermögensgegenstände, aber eben ein ganz besonderer. Denn Geld - und das ist der zentrale betriebswirtschaftliche Kreislauf aus meinen letzten drei Kolumnen - fließt zu Beginn der unternehmerischen Tätigkeit von den Kapitalgebern in die Kasse hinein, wird dann durch die Investition in Vermögen ausgegeben, um schließlich durch den Verkauf der produzierten Produkte und erbrachten Dienstleistungen wieder in die Kasse hineinzufließen.

Der Cashflow ist zentral

An welcher Stelle dieses Geldkreislaufs das Unternehmen gerade steht, ob es ein Startup ist, ein Unternehmen in der Wachstumsphase, oder kurz vor dem Exodus steht, sehen wir insbesondere in der Kapitaflussrechnung.

Die Geldflussgrößen heißen Cashflows, die Kapitalflussrechnung gliedert sich dann in einen Cashflow aus operativer Tätigkeit, einen Cashflow aus Investitionstätigkeit und einen Cashflow aus Finanzierungstätigkeit. Man spricht von Liquidität.

Und Corona?

Corona lässt die Jahresabschlüsse vieler Unternehmen implodieren. Die Lufthansa, TUI, die Veranstaltungswirtschaft, die Sportbranche, das Gastgewerbe. Reihenweise führen erhebliche Umsatzrückgänge zu Gewinneinbrüchen, zu Liquiditätsengpässen und in der Folge zu Insolvenzen. Das fällt im Moment noch nicht so auf, weil die Politik die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt hat. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Andererseits profitieren aber auch viele Branchen. Impfstoff- und Medizintechnikhersteller machen jetzt das Geschäft ihres Lebens. Und auch der Onlinehandel und die Streaminganbieter sehen deutliche Umsatzsteigerungen, beeindruckende Gewinne und satte Cashflows.

Das alles können wir in den Bilanzen, den Gewinn- und Verlustrechnungen und den Kapitaflussrechnungen nachlesen.

Jahresabschlüsse sind ein offenes Buch

Sie finden die Jahresabschlüssse der meisten Unternehmen im Internet. In Deutschland muss jede Kapitalgesellschaft, das sind im wesentlichen GmbHs und AGs, ihren Jahresabschluss veröffentlichen, und zwar im Bundesanzeiger. Der Bundesanzeiger ist eine für jedermann frei zugängliche Datenbank. Wie umfangreich und aussagekräftig diese Abschlüsse sind, hängt von der Größe des Unternehmens ab, aber Basisinformationen finden Sie immer.

Börsennotierte Akiengesellschaften müssen ihre Jahresabschlüsse sogar auf ihrer Website veröffentlichen. Und diese Abschlüsse sind toll gelayoutete Publikationen. Sie sind immer spannend zu lesen, man erfährt erstaunlich viel über das Unternehmen, seine Märkte und Ressourcen.

Zahlen, Daten, Fakten - oder nicht?

Für den Jahresabschluss gilt: Hier steht es schwarz auf weiß! Und die Zahlen sind vom Wirtschaftsprüfer geprüft und testiert, was uns (hoffentlich - Stichwort Wirecard) Vertrauen einflößt.

Aber: Wenn Sie sich mit Jahresabschlüssen beschäftigen, stellen sie schnell fest, dass die zahlenmäßige Abbildung menschlichen Verhaltens - und nichts anderes ist ein Jahresabschluss - auch Interpretiationsspielraum zulässt. Und damit wird es interessant. Denn mit diesem Interpretationsspielraum und angereichert mit vielen qualitativen Informationen, die wir über das betreffende Unternehmen und sein Marktumfeld haben, puzzlen wir uns allmählich ein Gesamtbild zusammen.

Das Schweizer Pharmaunternehmen Roche hat das im Titel seines 2017er Jahresabschlusses perfekt ausgedrückt.: "Eine Geschichte hinter jeder Zahl". Um diese Geschichten, um Erkenntnisse aus einer Jahresabschlussanalyse geht es in der nächsten Kolumne. Freuen Sie sich auf einen Abriss zu der Frage: Wie kann ich den Jahresabschluss lesen und interpretieren?

 Zur Person

Bert Erlen
Bert Erlen begleitet Unternehmen in Veränderungsprozessen. Er begeistert Führungskräfte für unternehmerisches Denken und Handeln, erleichtert die Kommunikation zwischen Controllern und dem operativen Management und stärkt die Finanzielle Führung in Organisationen. Gerade in betriebswirtschaftlichen Schwächephasen kann er mit Wissen und Klarheit eine neue Vision vermitteln. Er ist zertifizierter Unternehmercoach, langjähriger Managementtrainer für Finanzielle Führung, Blogger und veröffentlicht einen Business Podcast.

/cb

Veröffentlicht am: 05.01.2021

 

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