Fachkräftemangel und hohe Fluktuation bereiten den Beratungen große Sorgen

Deep Dive Consulting: Kolumne von Jörg Hossenfelder, Lünendonk

Fachkräftemangel und Fluktuation behindern die Leistungsfähigkeit und den Erfolg von Unternehmensberatungen deutlich mehr als im Vorjahr. Jedes zehnte Projekt muss inzwischen aus Personalmangel abgesagt werden. Das geht aus einer exklusiven Vorabauswertung der „Lünendonk®-Studie 2022: Managementberatung in Deutschland“ hervor. In seiner Kolumne erläutert Jörg Hossenfelder weitere zentrale Ergebnisse und ihre Folgen für die Branche.

Hossenfelder Kolumne Mai 2022

Man möchte meinen, dass der Arbeitsmarkt in Zeiten von Pandemie, Lieferketten­problematik, Ukrainekrieg und steigender Inflation angeschlagen wirkt. Die Bundesregierung hat erst kürzlich ihre Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im laufenden Jahr von 3,6 Prozent auf 2,2 Prozent nach unten korrigiert. Dem Beschäftigungsmarkt scheint all das bisher nichts anzuhaben. Die Unternehmen rekrutieren unbeirrt weiter, mit 1,74 Millionen offenen Stellen in Deutschland im ersten Quartal 2022 (Quelle: IAB) ist ein neues Allzeit-Hoch erreicht – nie waren mehr Arbeitsplätze unbesetzt.

Fachkräftemangel beeinflusst Consulting-Business immer mehr

Dass es der grundsätzlich als Arbeitgeber sehr attraktiven Consulting-Branche da nicht anders ergeht, legen erste Auswertungen der noch unveröffentlichten Lünendonk-Studie 2022 zum deutschen Managementberatungsmarkt nahe.

Recruiting bleibt das Thema Nummer eins bei den Beratungen.

Auf die Frage, welche Faktoren die Entwicklung und den Erfolg ihres Unternehmens derzeit besonders behindern, werden die personalrelevanten Themen Fachkräftemangel und hohe Fluktuation unangefochten an erster Stelle genannt – und haben sich zudem weiter verschärft, wie ein Vergleich zur Studie des vergangenen Jahres zeigt. 55 Prozent (Vorjahr: 23 Prozent) der Beratungshäuser sehen den Fachkräftemangel als sehr starken und 38 Prozent (Vorjahr: 56 Prozent) als eher starken Hemmschuh für das eigene Business.

Fluktuation in Beratungshäusern (Quelle: Vorabauszug der Lünendonk®-Studie 2022: Managementberatung in Deutschland)

Die Fluktuation in Beratungshäusern nimmt zu. (Quelle: Vorabauszug der Lünendonk®-Studie 2022: Managementberatung in Deutschland)

Die Wechselbereitschaft nimmt zu

Auch die zunehmende Fluktuation bereitet nun bereits etwa jeder zweiten Beratung Sorgen: Für 8 Prozent der Befragten ist sie sehr stark, für 41 Prozent eher stark hinderlich für die Unternehmensentwicklung. Im vergangenen Jahr galt dies für lediglich jedes fünfte Unternehmen (2021: 6 Prozent sehr stark; 13 Prozent eher stark). Drei von zehn Beratungshäusern beklagen eine Fluktuationsrate von mehr als 15 Prozent, bei weiteren 48 Prozent haben zwischen 9 und 15 Prozent der Mitarbeitenden das Unternehmen verlassen. Im Durchschnitt verzeichneten die Consulting-Unternehmen 2021 eine Fluktuation von 13,3 Prozent, im Vorjahr lag der Wert bei lediglich 10,7 Prozent.

Weshalb die Bereitschaft für Jobwechsel in der Beratung zugenommen hat, dürfte mehrere Gründe haben. Anzunehmen, dass durch Corona und die dadurch bedingte wirtschaftlich unsichere Lage ein bereits vorhandener Wechselwunsch zunächst vielleicht zurückgestellt wurde und nun ein Nachholeffekt eingetreten ist. Darüber hinaus hat die Pandemie das Beratergeschäft grundlegend verändert.

Die zunehmende Akzeptanz von Remote Consulting und Homeoffice erweitern allein geographisch das Spektrum möglicher Arbeitgeber.

Executive-Search-Aktivitäten verstärkt

Und nicht zuletzt – in Zeiten von Beratermangel und dringend gesuchten Experten schnüren Consulting-Häuser attraktive Gesamtpakete für Neueinsteiger, die nicht nur eine vermeintlich bessere Vergütung, sondern zunehmend auch weitere Benefits und alternative Modelle für Karrierepfade enthalten, die der veränderten Vorstellung von Work-Life-Balance der nachrückenden Berater-Generation weiter entgegenkommen. Fakt ist auch: Lateral Hiring – auch via Personalberater – gewinnt weiter an Bedeutung.

Faktoren, die das Beratungsgeschäft und den Unternehmenserfolg aktuell am meisten beeinträchtigen. (Quelle: Vorabauszug der Lünendonk®-Studie 2022: Managementberatung in Deutschland)

Faktoren, die das Beratungsgeschäft und den Unternehmenserfolg aktuell am meisten beeinträchtigen. (Quelle: Vorabauszug der Lünendonk®-Studie 2022: Managementberatung in Deutschland)

Jedes zehnte Projekt wird aufgrund fehlender personeller Kapazitäten abgelehnt

Der Personalmangel hat seinen Preis, nicht nur im Sinne steigender Gehälter. Im Geschäftsjahr 2021 konnten im Durchschnitt 10,3 Prozent der Projektanfragen nicht bedient werden und wurden abgelehnt – das sind 3,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Als Ablehnungsgründe werden von 52,2 Prozent der Befragten fehlende personelle Kapazitäten genannt. Es überrascht daher nicht, dass die Beratungshäuser einen besonderen Fokus auf Neueinstellungen legen. Der Anteil der für 2022 geplanten Neueinstellungen, in Prozent der aktuellen Belegschaft, liegt bei 22,3 Prozent – und damit deutlich höher als im Vorjahr (16,4 Prozent). Der Anteil an Berufseinsteigern an den gesamten geplanten Neueinstellungen soll mit 45,8 Prozent weitestgehend konstant bleiben.

Betrachtet man die absolute Zahl an neuen Köpfen, die im Laufe dieses Jahres eingestellt werden sollen, liegt diese bei den internationalen Beratungen im Durchschnitt bei rund 640 Neueinstellungen, bei den Top 15 der deutschen Consulting-Unternehmen sind im Mittel 218 neue Mitarbeitende geplant.

Ob die Beratungen diese Zahlen tatsächlich rekrutieren werden können, wird sich zeigen. Mehr Insights zu diesem Top-Thema sind in der neuen Lünendonk-Studie enthalten, die Mitte Juli 2022 erscheint.

Der War for talents bleibt ein Dauerbrennerthema

Auch für die Zukunft - der Kampf um die Talente im Beratungsmarkt wird ein Dauerbrennerthema bleiben. 21,7 Prozent der Studienteilnehmer sehen qualifizierte Berater als einer der Top-3-Erfolgsfaktoren, damit ihre Beratung auch in fünf Jahren noch ein relevanter Player am Markt ist. Rekrutierung und Mitarbeiterbindung stehen dem mit 18,8 Prozent der Nennungen nur wenig nach, Attraktivität für Mitarbeitende wird von immerhin noch 7,2 Prozent als eines der drei wichtigsten Kriterien für zukünftigen Unternehmenserfolg gesehen.

Die nächste Generation an Beraterinnen und Beratern wird es zu schätzen wissen.

Quellen:
- Vorabauswertung bzw. Vorabauszug der Lünendonk®-Studie 2022: Managementberatung in Deutschland (voraussichtliche Veröffentlichung Mitte Juli 2022). Die hier genannten Werte können von den finalen Auswertungsdaten abweichen.
- Lünendonk®-Studie 2021: Managementberatung in Deutschland

Über Jörg Hossenfelder

Jörg Hossenfelder, Geschäftsführer - Lünendonk & Hossenfelder
Jörg Hossenfelder ist Kommunikations- sowie Politikwissenschaftler und studierte bis 2000 an den Universitäten Mainz und Bologna. Nach seinem Studium beriet er als Kommunikations-Berater Business-to-Business-Unternehmen. 2004 übernahm er die Leitung der Research-Abteilung bei Lünendonk & Hossenfelder. Seit Juli 2005 ist Hossenfelder Geschäftsführer, seit 2009 Geschäftsführender Gesellschafter. Jörg Hossenfelder verantwortet die Marktsegmente Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Advisory und Business Consulting.

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