German Angst – nicht beim Datenschutz!

Warum Datenschutzskandale Verbraucher nicht aufrütteln, sondern in ihrer Nachlässigkeit bestärken.


Von Dr. Anna Schneider

Die mediale Berichterstattung zum Thema Datenschutz hat fast täglich neue Highlights zu bieten: "18 Millionen E-Mail Konten gehackt" (Handelsblatt), "Bundestag kann Cyberangriff nicht stoppen" (Zeit Online), "PSN-Konto gehackt, Opfer bleibt auf Kosten sitzen" (Computer Bild).

Klar ist, dass die Gefahr zum Opfer virtueller Angriffe zu werden, gleichermaßen über Unternehmen, Regierungen und Bürgern schwebt. Doch was löst diese diffuse und in den Medien allgegenwärtige Bedrohung aus? Betrachtet man aktuelle Untersuchungsergebnisse, wird klar: Die deutsche Bevölkerung reagiert scheinbar gelassen. Aktuell stimmt jeder vierte Deutsche (24 Prozent) der Aussage zu, die häufig stattfindenden Diskussionen über Datenschutz in Deutschland seien übertrieben und grenzten an Panikmache!

Aufgeklärte Konsumenten schützen sich? Weit gefehlt!

Doch woran liegt diese scheinbare Gelassenheit? Man könnte meinen, dass die deutschen Verbraucher der ewigen Diskussionen müde sind, weil sie sich schon längst entsprechend vor virtuellen Übergriffen abgesichert hätten. Und wo keine Gefahr droht, wendet man seine kognitiven Ressourcen lieber drängenderen Themen zu.

Betrachtet man jedoch die Studienergebnisse genauer, wird schnell klar, dass hier das Prinzip "was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß" gilt. Der Gefahr des Datenmissbrauchs wird nicht proaktiv begegnet, vielmehr wird sie im digitalen Alltag schlicht aus den Gedanken verbannt. So zeigt sich deutlich (siehe Grafik), dass Datenschutzmaßnahmen in sämtlichen Bereichen der privaten Internetnutzung zu nachlässig betrieben werden.

Datenschutz bei privater Internetnutzung (Bild: Anna Schneider, YouGov)
Datenschutz bei privater Internetnutzung, Darstellung in %; Abstimmung auf siebenstufiger Skala, Basis: gültige Angaben ohne "weiß nicht“-Kategorie (Bild: Anna Schneider, YouGov)

Was ist denn nur los mit den Deutschen?

Um zu verstehen, wieso die Deutschen so handeln, wurde eine qualitative Befragung durchgeführt. Es zeigte sich, dass das Thema Datenschutz Verbraucher schlichtweg überfordert und Machtlosigkeit auslöst. Das Selbstbild vom "mündigen Konsumenten" wird dabei mit verschiedensten Argumenten nahezu krampfhaft versucht aufrechtzuerhalten: Datenschutzdiskussionen würden übertrieben und das Sammeln von Daten sei doch eine positive Entwicklung, weil sie zum Fortschritt beitrage und das Leben bequemer mache. Außerdem würde die Verbrechensbekämpfung erleichtert, Werbung sei auf eigene Bedürfnisse zugeschnitten und, und, und…

Dass Daten in die Hände von Kriminellen, der Regierung oder Firmen geraten, ist aus Sicht vieler Verbraucher unvermeidbar, aber auch nicht weiter schlimm. Denn man habe ja auch nichts zu verbergen oder sei ohnehin in der "grauen Masse" geschützt. Diese Äußerungen zeigen deutlich, dass Verbraucher die Gefahren im virtuellen Raum sehr erfolgreich verdrängen. Vorsichtig werden Verbraucher erst dann, wenn ihnen die Gefahren ins echte Leben folgen könnten: Bankdaten und Telefonnummern werden nur ungern herausgegeben, Datenschutz vergleichsweise aktiver betrieben als in anderen Bereichen. Zwischenfazit: In Zeiten, in denen digitale Technologien den Alltag jedes Einzelnen immer stärker durchdringen, verhalten sich Verbraucher grob fahrlässig.

Grobe Fahrlässigkeit oder Opfer von Erpressung?

Mitunter ist der lässige Umgang mit eigenen Daten jedoch nicht bloße Fahrlässigkeit, sondern wird von diversen Anbietern und Diensten nahezu ab-erpresst: Verbraucher, die den Zugriff auf eigene, sensible Daten nicht erlauben, hätten einen Rollenverlust im digitalen Alltag zu beklagen. Denkt man an Apps, die selbstverständlich fordern, dass man ihnen die Bildrechte an allen mittels des Services versendeten Fotos abtritt (WhatsApp), solche die den Vollzugriff auf sämtliche Telefonkontakte und Ortungsdienste verlangen - wird die Entscheidung solchen AGB zuzustimmen wirklich bewusst getroffen? Nein! Erstens weil "normale Konsumenten" keine realistische Vorstellung davon haben (können), was mit ihren Daten passiert. Zweitens weil sie im Alltag weder über ausreichend Zeit zur Lektüre von AGBs verfügen, geschweige denn über entsprechende juristische Kenntnisse. Damit ist das Setzen von Häkchen, mit denen man die AGBs akzeptiert, nicht die "bewusste Entscheidung" als die es sich so vorzüglich tarnt. Das belegen die folgenden Beispiele recht eindrucksvoll.

Absurde Stilblüten und ein letzter Weckruf

So gibt der Guardian "praktische Tipps", wie man sich Erstgeborene sichern kann: Man muss nur einen Gratis-Wlan-Spot anbieten und die folgende Passage in die AGBs einbetten: "Mit der Benutzung dieses Dienstes willigen Sie ein, Ihr erstgeborenes Kind F-Secure zu überlassen. Zeitpunkt und Nutzungsart werden vom Unternehmen festgelegt. Falls keine Kinder produziert werden, wird stattdessen Ihr Haustier genommen. Diese Bestimmungen gelten für die Ewigkeit." Die Firma F-Secure hätte sich im Rahmen dieses kleinen Experiments übrigens sechs Erstgeborene sichern können.

Auch Seelenhändler kommen auf ihre Kosten: So versteckte ein britischer Spielehändler die folgende Passage in seinen AGBs "Mit einer Bestellung am ersten Tag des vierten Monats im Jahre des Herrn 2010 über diese Website, gewähren Sie uns eine nicht übertragbare Option auf Ihre unsterbliche Seele, für jetzt und immer[…]." Ganze 90 Prozent der Kunden stimmten diesen Vertragsbedingungen ungelesen zu, die Firma sicherte sich so knapp 7.500 Seelen. Keine schlechte Quote für einen Tag, nicht wahr? Wie beruhigend, dass es sich hier bloß um einen Aprilscherz handelte.

"Ich habe die Allgemeinen Geschäftsbedingungen gelesen und akzeptiert." Seien Sie gut zu sich selbst und verwenden Sie das nächste Mal mehr als die durchschnittlich 1,5 Sekunden zur Lektüre der AGBs. Und wagen Sie es getrost, AGBs auch mal abzulehnen. Ein "Nein!" an richtiger Stelle kann ein verdammt gutes Gefühl sein.

Über die Erhebungen:

Für die quantitative Befragung wurden auf Basis des YouGov Omnibus insgesamt 1.011 Personen vom 08.06. bis 10.06.2015 repräsentativ befragt.

Auf Basis des YouGov OmnibusQualitative wurden 15 Personen (ausgehend von Mikrozenzus-Daten ausgewogene Zusammensetzung nach Alter und Geschlecht für Deutschland) in einer online-gestützten Fokusgruppe am 19.05.2015 20 Minuten zum Thema Datenschutz befragt. Das mithilfe eines Leitfadens strukturierte Gespräch gewährleistet die Beantwortung der Forschungsfragen und lässt den Teilnehmern gleichzeitig Raum für spontane und individuelle Reaktionen.

Ein Whitepaper mit detaillierten Studienergebnissen findet sich hier: http://yougov.de/white-paper-datenschutz/

Zur Person:

Anna Schneider (YouGov)
Dr. Anna Schneider, Senior Consultant, ist erste Ansprechpartnerin für qualitative Forschung bei YouGov. Ihre besonderen Schwerpunkte liegen auf qualitativen Online-Methoden und der Innovationsforschung.

Veröffentlicht am: 22.07.2015

 

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