Der Mythos von der "digitalen" Transformation

Grenzgänger: Kolumne von Dr. Björn Stüwe

Verfolgt man die Diskussionen über die Zukunft von Unternehmen oder auch staatlichen Institutionen, so kommt man an einem Schlagwort nicht vorbei: digitale Transformation. Wie die Transformation am Besten gelingt, erklärt Björn Stüwe von Stuewe Consulting.

Alle wollen und müssen augenscheinlich sich selbst sowie ihre Organisationen in die digitale Welt transformieren und hetzten mehr oder weniger ahnungslos in den Transformationsprozess. In jedem Business Club wird wild über Industrie 4.0, AI oder IoT fabuliert - auch wenn die Protagonisten oft gar nicht wissen, was das alles eigentlich bedeutet. Das will man aber nicht zugeben, da man sonst wie ein grenzdebiler Tattergreis belächelt wird.

Die App-Falle

Am schönsten kann man dieses Phänomen beobachten, wenn man fragt, wer alles in den letzten Jahren irgendeine App gelauncht hat. Antwort: alle. Wenn man dann aber fragt, wer diese App noch nutzt bzw. für wen sich die App gelohnt hat, erntet man meist betretenes Schweigen. Man brauchte eben eine App, weil alle eine hatten. Welche Ziele man damit verfolgte, hat man entweder nie definiert oder schon wieder vergessen. An der App-Falle wird klar, dass die Digitalisierung kein Selbstzweck und kein Transformationsziel sui generis ist. Transformationsziele sind vielmehr kürzere Reaktionszeiten im Customer Journey Management, die Integration der Produktentwicklung in die Kunden-Lebenswelt, eine höhere organisatorische Prozess-Effizienz oder die Implementierung neuer Geschäftsmodelle. Die Digitalisierung kann helfen diese Ziele zu erreichen, sie selbst bleibt ohne klare Ausrichtung aber nutzlos und ist schlimmstenfalls zusätzlich sehr teuer.

Digitalisierung als Treiber der Transformation

Allerdings spielt die Digitalisierung der privaten und beruflichen Lebenswelten natürlich eine große Rolle als Transformationstreiber. Die physische, analoge Realität ist längst nicht mehr von der digitalen, virtuellen Wirklichkeit zu trennen – weder in der Kundensphäre noch bei den Mitarbeitern. Durch das Zusammenspiel der unterschiedlichen Realitätselemente entstehen sowohl in der Konsum- als auch in der Arbeitswelt völlig neue Realitäten. Mobile virtuelle Welten werden a la Pokémon Go in die lokale Realität integriert und faktische Elemente wie Amazon Echo werden Teil der hybriden Austauschprozesse.

Dabei lassen sich die Eigenschaften der neuen Realität nicht auf die Summe der isolierten Eigenschaften der bestehenden Realitätselemente zurückführen: 1+1 ist hier nicht gleich 2, sondern gleich 3 oder 4 – es entsteht etwas völlig Neues. Durch diese Übersummativität bzw. Emergenz im Rahmen der Realitätsbildung sollte man eher von einer "Emergent Reality" statt von einer "Augmented Reality" sprechen.

Das sind aber nicht die einzigen Ursachen für die Transformationsnotwendigkeit. Genauso gewichtig sind steigender Kosten- und Wettbewerbsdruck, sinkende Margen, drohende Übernahmen oder instabile politische Rahmenbedingungen. Unternehmen müssen also auch jenseits der Digitalisierung schneller, flexibler und vernetzter werden, um in Zukunft erfolgreich sein zu können.

Digitalisierung als Mittel zur Transformation

Dabei kann die Digitalisierung aber enorm helfen. Neben ihrer Rolle als Transformationstreiber bietet die Digitalisierung entscheidende Instrumente, um Unternehmen erfolgreich zu transformieren. Die Virtualisierung und die damit einhergehende Automatisierung von organisatorischen Prozessen oder die Substitution der analogen Speicherung und Übermittlung von Daten durch digitale Alternativen bergen ein immenses Effizienzsteigerungs-Potential. Digitale Kanäle und soziale Netzwerke eröffnen Marketing und Vertrieb völlig neue Möglichkeiten, sich mit den Kunden zu vernetzten. Big Data und Artificial Intelligence schaffen die Basis für neue Angebotslogiken und Geschäftsmodelle - in dieser instrumentellen und inspirierenden Funktion liegt die treibende Kraft der Digitalisierung für die Transformation von Institutionen und Systemen.

Kein sinnloses Transformationsmanagement

Für den Erfolg des Transformationsmanagement ist es also entscheidend, dass die Ursachen für eine Transformation klar analysiert und die Ziele, die durch die Transformation erreicht werden sollen, eindeutig definiert werden. Hier sei nochmal betont: die Digitalisierung ist sowohl Transformationsursache und -treiber als auch ein Instrument, um zu transformieren – ein eigenständiges Transformationsziel ist sie nicht. Allerdings bietet die Digitalisierung einen immens großen und teils völlig neu bestückten Instrumental-Baukasten für die unternehmerische Transformation an. Diesen aufgrund einer klaren Analyse zielgerecht einzusetzen, wird in Zukunft erfolgsentscheidend sein.

Zum Autor: Dr. Björn Stüwe ist der Rocker unter den Beratern. Der promovierte Betriebswirt machte Ende der 90er und in den 00 Jahren als Sänger und Gitarrist der Metal-Band "Dante's View" die Republik unsicher. Daneben baute er als geschäftsführender Gesellschafter die Marketing Verbund Gruppe auf. Björn Stüwe ist seit 1996 als Strategie- und Marketingberater tätig und ist heute Geschäftsführer von Stuewe Consulting in Köln. Seine Kolumne erscheint monatlich auf CONSULTING.de

Veröffentlicht am: 14.05.2019

 

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