Hat das Geschäftsmodell der "Big Four" ein Mindesthaltbarkeitsdatum?

#1Blick vom Beratungsforscher

Eigentlich ungerecht: Der Wirecard-Skandal bietet keinen sachlichen Grund, aber trotzdem ist er Anlass dafür, dass wieder über die Trennung von Consulting und Prüfung gesprochen wird. Was steckt hinter diesen Überlegungen, sind sie überhaupt wichtig und können sie den "Big Four" gefährlich werden?

"Big Four"

Seit Jahren werden die großen globalen Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungskonzerne als "Big X" bezeichnet. Aus den ursprünglichen Big Eight wurden im Laufe der letzten circa dreißig Jahre die heute aktiven Big Four: Deloitte, EY, KPMG und PwC.

Ihr aktuelles Geschäftsportfolio umfasst im Kern die Bereiche Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung und Consulting. Die Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsbereiche sind die älteren Geschwister. Es lag seinerzeit aber nahe, die intimen Kenntnisse über die Finanzdaten der Kunden zu nutzen, um das Geschäftsmodell auszuweiten und den Kunden auf dieser Basis auch bei Management-Fragestellungen zu beraten. Seit den 1970er Jahren haben die Consulting-Schwestern einen Schub bekommen.

Das neue Geschäftsfeld bietet also Wachstumsmöglichkeiten. Diese sind enorm wichtig für Professional Services Firms, die partnerschaftlich organisiert sind, eine pyramidale Personalstruktur aufweisen und ein Up-or-Out-Modell verfolgen – also zum Beispiel die Big X.

Skandale: Enron und Wirecard

Ein großer Rückschlag für dieses integrierte Geschäftsmodell zeichnet sich im Zuge des Enron-Skandals Anfang der 2000er-Jahre ab. Neben dem Bilanzskandal und der Frage, warum Wirtschaftsprüfungsunternehmen die Unsauberkeiten nicht entdeckt oder gar eine forcierende Rolle eingenommen haben, gerät auch die Dualität des Angebots von Beratungs- und Prüfungsleistungen aus einer Hand in die Kritik. Zweifel bestehen hier an der Unabhängigkeit und Neutralität des Prüfungsunternehmens eines Kunden, wenn die verschwisterte Consulting-Sparte ebendiesem Kunden beratend zur Seite steht.

Kritiker monieren, dass eine Unabhängigkeit nicht in allen Fällen angenommen werden kann, wenn multiple Dienstleistungen aus einer Hand angeboten werden. Im Ergebnis sind nach Enron verschiedene Beratungseinheiten aus den integrierten Konzernen zunächst verschwunden – wurden anschließend aber sukzessive wieder aufgebaut. Derzeit machen sie zwischen knapp 40 und knapp 60 Prozent des Umsatzes der Big Four in Deutschland aus. Das Beratungsvolumen entspricht ungefähr zehn Prozent des gesamten deutschen Beratungsmarktes.

Auf den Fall Enron wird auch aktuell bei Wirecard des Öfteren referenziert. Auch hier scheint wieder ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen die vorgelegten Finanzdaten des Kunden nicht, nicht genau genug oder nicht kritisch genug angesehen zu haben – die Aufarbeitung des Falls läuft noch. Über eine einschlägige Beteiligung der Beratungssparte von EY, sie waren die Wirtschaftsprüfer von Wirecard, gibt es bisher keine Berichte.

Erzwungene Aufspaltung?

Die Diskussion um eine von außen erzwungene Aufspaltung der Big Four, welche die Beratungsaktivitäten von den Prüfungsaufgaben trennt, klingt zwar vor dem Hintergrund des unterstellten Verlustes einer Unabhängigkeit der beiden Bereiche voneinander nicht völlig abwegig. Die Nutzung von untauglichen Beispielen beschädigt jedoch dieses Ansinnen. In Deutschland verlief ein solcher Versuch vor einigen Jahren erfolglos, im Vereinigten Königreich wird zurzeit intensiv darüber diskutiert.

Ob eine Aufspaltung erzwungen werden kann, erscheint also zweifelhaft. Zum einen fehlt ein hinreichender Nachweis für ein Fehlverhalten, zum zweiten sind personelle Verflechtungen und "Leiharbeiten" zwischen der Privatwirtschaft und verschiedenen Bundesministerien nicht unüblich (der Bundesrechnungshof weist kritisch und mahnend auf diesen Einsatz Externer hin) und zum dritten ist zu erwarten, dass Lobbybemühungen ihr Übriges beitragen werden, sodass entsprechende Initiativen vermutlich nur abgeschwächt Eingang in die öffentliche Diskussion finden.

Das Geschäftsmodell: Mit Sollbruchstelle

Spannender erscheint die Frage, ob die Gedanken über eine zentral forcierte Aufspaltung nicht durch Big Four-interne Überlegungen und mögliche Querelen obsolet werden. Oder anders ausgedrückt: Warum Energie für etwas aufwenden, das vielleicht aus sich selbst heraus geschieht?

Mit etwas Abstand betrachtet zeichnet sich nämlich eine Sollbruchstelle im Geschäftsmodell der Big Four ab. Oben wurden ihre Beratungsbereiche schon als wichtig für das (Umsatz-) Wachstum der Gesamtkonzerne herausgestellt. Zudem sind sie typischerweise profitabler als die übrigen Service Lines.

Diese Möglichkeit des profitablen Wachstums ist ein Grund für die Expansion der Big Four-Prüfungsgesellschaften in das so genannte Beratungs-, Consulting- oder Advisory-Feld, die sehr schnell nach der Enron-Zeit wieder eingesetzt hat. Für die ersten wieder hinzugewonnenen Beraterinnen und Berater ist die Möglichkeit, ihre Dienstleistungen unter einer etablierten Marke anbieten zu können, positiv und sie profitieren von dieser Situation. Wenn aber die Beratungsbereiche eine Größe erreicht haben, mit der sie als eigenständige Organisation nicht nur überleben, sondern vielleicht sogar besser leben können, dann mag es hier zu einem Umdenken und zu Unruhe kommen. Nicht, dass die Marke belastet ist und ein Problem darstellen könnte.

Eine Sollbruchstelle liegt in der partnerschaftlichen Struktur und der Gewinnverteilung. Entsprechend den Partnerschaftsanteilen werden oft auch die Gewinne aus einem großen Topf verteilt. Das ist fair, solange alle einen ähnlichen Beitrag geliefert haben. Wenn nun aber die eine Gruppe (hier: die Consultants) zunächst mit einer dauerhaft höheren Profitabilität arbeitet, als die anderen, dann aber immer wieder einen vergleichsweise geringeren Profit als Bonus ausgezahlt bekommt, dann sind Missstimmungen vorprogrammiert.

Fazit

Unstimmigkeiten dieser Art waren nicht unschuldig beim Bruch zwischen Arthur Andersen und Andersen Consulting, der zum Jahreswechsel 2000/2001 vollzogen wurde. Diese Trennung hatte kaum etwas mit dem Verschwinden von Arthur Andersen zu tun; hier war der Enron-Skandal relevant.

Aber Parallelitäten zwischen Arthur Andersen und Enron beziehungsweise zwischen EY und Wirecard werden derzeit vielfach gezogen. Es gibt wieder große Prüfungskonzerne, es gibt Skandale, die das Geschäftsmodell der Big Four in das Licht der Öffentlichkeit rücken und es gibt dort hausintern unterschiedliche Geschäftsmodelle, die im Zusammenspiel Konfliktpotential tragen. Diese Melange kann zu einem Bruch beitragen; und der MHD-Aufkleber für die Big Four kann beschriftet werden.

Autor:

Professor Thomas Deelmann arbeitet seit über 20 Jahren als, mit, für und über Berater. In seiner consulting.de-Kolumne #1Blick kommentiert er Marktentwicklungen aus der Vogelperspektive und schaut hinter die Kulissen der Arbeit von Beratern und ihren Kunden. Er lehrt an der HSPV NRW, twittert @Ueber_Beratung, berät bei strategischen Fragen und ist unter anderem Herausgeber des Handbuchs der Unternehmensberatung.

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