Hund beißt Mann – und großes Beratungshaus will hunderte neue Consultants einstellen

#1Blick vom Beratungsforscher

Wenn Beratungen berichten, dass sie mehrere Hundert neue Beraterinnen und Berater einstellen wollen, dann soll dies meist das Publikum beeindrucken. Das darf sich aber in vielen Fällen entspannt zurücklehnen. Warum, das entschlüsselt ein Gedankenspiel im #1Blick.

Prof. Thomas Deelmann "Hund beißt Mann" | CONSULTING.de

Klingt gut

Nachrichten mit dem folgenden Tenor gibt es häufiger: Ein großes Beratungsunternehmen will in den kommenden zwölf Monaten mehrere hundert Beraterinnen und Berater einstellen.

Dies kann als Überschrift für einen Text nach einem Pressegespräch vollkommen passend sein – wenn sich nichts anderes ergeben hat. Die Aussage ist auch für Nachwuchsberaterinnen und -berater hilfreich, da sie ein Signal über Einstellungsmöglichkeiten sendet. Und für das Beratungshaus ist die kommunizierte Zahl sicherlich auch wichtig, da dann typischerweise ein Kraftakt beim Recruiting und Onboarding bevorsteht.

Darüber hinaus ist der Nachrichtenwert von „Wir stellen hunderte neue Consultants ein“ oft vergleichbar groß (beziehungsweise klein) mit dem von „Hund beißt Mann“.

Gedankenspiel zur Dekonstruktion

Ein Blick hinter die Zahlen hilft bei der Einordnung.

Schritt 1 – Ausgangssituation: Zur Unterstützung dient ein kleines Gedankenspiel, dessen Basis eine gedachte Unternehmensberatung mit 2.000 Beraterinnen und Beratern ist. Das klingt zunächst sehr groß, ist aber nicht ungewöhnlich. Die Lünendonk-Listen zur Management- und IT-Beratung kennen ungefähr 20 Unternehmen dieser Größe. Die konkrete Personalstärke ist hier aber auch nicht entscheidend, runde Zahlen und einfache Werte in der richtigen Größenordnung sollen das Gedankenspiel lediglich etwas leichter machen.

Schritt 2 – Fluktuation: Größeren Beratungen darf man eine jährliche Personalfluktuation von circa 12 bis 15 Prozent unterstellen. Möchte die Beispielberatung an ihrer aktuellen Größe von 2.000 Beraterinnen und Beratern festhalten, dann muss sie pro Jahr eine angenommene Fluktuation von 15 Prozent ausgleichen und dafür 300 Consultants neu einstellen.

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Schritt 3 – Marktentwicklungen: Der BDU geht davon aus, dass der Beratungsmarkt in 2021 um 9 Prozent wächst, der Umsatz von größeren Beratungen sogar um 9,3 Prozent. Für das Gedankenexperiment wird der Wachstumswert der Einfachheit halber von 9,3 auf 10 Prozent gesetzt. Möchte jetzt das Beratungsunternehmen einfach nur seine Position im Markt behaupten, also weder Marktanteile hinzugewinnen, noch welche verlieren, dann muss es mit dem Markt wachsen. Bei gleichbleibenden Honoraren etc. bedeutet dies, dass nochmal 10 Prozent von 2.000 Beraterinnen und Beratern, also 200 Consultants, eingestellt werden müssen.

Schritt 4 – Zwischenfazit: Das Beratungshaus muss also bisher 500 Personen einstellen, nur damit es im Wettbewerb dort verharrt, wo es sich heute befindet. Neue Märkte sind hier noch nicht adressiert, ein notwendiger Zuwachs an Support-Kräften noch nicht berücksichtigt und Wachstumsziele für die Wertsteigerung von Partnerschaftsanteilen noch nicht formuliert. (Das wären Ansatzpunkte für Verfeinerungen des Modells.)

Nachrichtenwert

Eine Einstellungszahl von mehreren Hundert neuen Consultants oder eine Einstellungsgröße von, wie im Gedankenspiel, 25 Prozent der aktuellen Beratungsbelegschaft ist also derzeit kaum bemerkenswert – und bewegt sich auf „Hund beißt Mann“- oder „Wir verhelfen unseren Kunden zu mehr Erfolg“-Niveau: Nichts Besonderes.

Einstellungsaussagen gehen dann über Standard-PR hinaus und sollten allgemein aufhorchen lassen, wenn die Beratung massive Vergrößerungen (beziehungsweise Verkleinerungen oder anderweitige Veränderungen) verkündet. Dann wird aus „Hund beißt Mann“ das nachrichtliche „Mann beißt Hund.“

Über den Autor:

Thomas Deelmann
 Professor Thomas Deelmann arbeitet seit über 20 Jahren als, mit, für und über Berater. In seiner consulting.de-Kolumne #1Blick kommentiert er Marktentwicklungen aus der Vogelperspektive und schaut hinter die Kulissen der Arbeit von Beratern und ihren Kunden. Er lehrt an der HSPV NRW, twittert @Ueber_Beratung, berät bei strategischen Fragen, ist unter anderem Herausgeber des Handbuchs der Unternehmensberatung und hat mit Prof. Dr. Andreas Krämer „Consulting – Ein Lehr-, Lern- und Lesebuch“ geschrieben.

/jr

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