Internet der Dinge – Toll! Ein anderer macht's – oder?

Wieso Verbraucher die Zügel lieber in der Hand behalten wollen und damit "einen Kampf gegen Windmühlen" riskieren.


Von Dr. Anna Schneider

Der Begriff "Internet der Dinge", englisch "Internet of Things" (Kurzform: IoT), bezeichnet die Verknüpfung eindeutig identifizierbarer physischer Objekte (things) mit einer virtuellen Repräsentation in einer Internet-ähnlichen Struktur – so heißt es auf Wikipedia. Der Hype um das IoT ist enorm, laut Experten gehört es zu den wichtigsten Zukunftstrends.

Der Großteil der Verbraucher kann hingegen nicht sagen, was sich genau hinter dem Begriff "Internet der Ding" eigentlich verbirgt (siehe Abbildung). Dabei nutzen viele Verbraucher das Internet der Dinge schon längst.

Abb.1: Inwiefern ist der Begriff "Internet der Dinge" bekannt? (Bild: YouGov)
Abb.1: Inwiefern ist der Begriff "Internet der Dinge" bekannt? (Bild: YouGov)

Im Rahmen einer großangelegten Studie (siehe Eckdaten zur Untersuchung) wurde die geringe Bekanntheit des Schlagwortes "Internet der Dinge" berücksichtigt. Um die Aussagekraft der Untersuchung zu steigern, wurden statt abstrakter Konzepte ganz konkrete Anwendungsbeispiele und Entwicklungen mit Verbrauchern diskutiert. Sobald Begriffe wie "vernetzte Gegenstände" oder aber konkrete Beispiele genannt wurden, lag die Bekanntheit bei nahezu 100%.

Wer Erleichterung will, muss delegieren können (und wollen)

Grundsätzlich macht das Internet der Dinge neugierig und begeistert die meisten Menschen. Herbeigesehnt werden vor allem die Erleichterung des eigenen Alltags und ein erheblicher Komfortgewinn. Das stärkste Argument gegen das IoT, Sie ahnen es vielleicht, ist der Kontrollverlust. Auch wenn viele Verbraucher ach so gerne lästige Tätigkeiten loswürden und sich damit Zeit, Stress, und Kosten ersparen möchten, wollen sie jederzeit das Recht und auch die Macht haben, Entscheidungen dieser "Dinge" abzusegnen. Maschinen sollen also bitte unterstützen, aber nicht selbst entscheiden. Man möchte "die Zügel selbst in der Hand behalten". Diese Forderung ist verständlich, aber doch so hoffnungslos. Nicht nur weil die zugrundeliegende Technik kaum beherrschbar ist oder sein will (denn vollständige Transparenz scheint nicht unbedingt der wichtigste Anspruch der Entwickler zu sein), sondern vor allem weil unser aller Tag letztendlich auch nur 24 Stunden hat und eine laufende Überwachung, Absegnung und Korrektur der "Entscheidungen" der Dinge nicht zulässt.

Die Ursache des Misstrauens dürfte vor allem darin liegen, dass wir uns alle gerne als flexibel, spontan, kreativ - ja einfach als das Gegenteil eines vorhersehbaren Gewohnheitstieres darstellen wollen. Für einige Anwendungen spielt das kaum eine Rolle: auf eine technikgesteuerte Wohlfühltemperatur von konstanten 22 Grad im Wohnbereich und 18 Grad im Schlafzimmer kann man sich bedenkenlos einlassen. Geht es aber um Bereiche in denen Abwechslung und Spontanität bedeutsamer sind, ist das eine ganz andere Sache: Man möchte einem Kühlschrank einfach nicht zutrauen, Kaufentscheidungen zu treffen – insbesondere, wenn diese über die Bestellung von Basislebensmitteln wie Butter oder Eiern hinausgehen. Während Systeme zur Steuerung der Heizung also von Verbrauchern gut bewertet werden (80 Prozent positive Bewertungen), schneidet der selbstständig agierende, Lebensmittel-ordernde Kühlschrank mit nur 38 Prozent positiven Bewertungen vergleichsweise schlecht ab.

Gourmet-Algorithmus – das nächste große Ding?

Spannend wäre nun die Frage ob komplexe "Gourmet-Algorithmen" hier Abhilfe leisten können. Vielleicht würden diese nach der Welle von Kaffeevollautomaten im Gegenwert von Kleinwagen oder den allgegenwärtigen "Foodies" auf Instagram und Co. das "nächste große Ding" und ultimative Statussymbol darstellen? Denn basierend auf komplexen Algorithmen übertreffen Maschinen in Sachen Kreativität schon jetzt scheinbar die meisten von uns. Ein besonders faszinierendes Beispiel: Google lässt Maschinen malen.  Unter der Überschrift "Wenn Google in die Wolken starrt" fragte die Süddeutsche "Wovon träumen Computer?" und zeigt eine Auswahl gleichermaßen beeindruckender wie verstörender Werke. Wenn Maschinen jetzt schon kreativ werden, wo lässt sich dann in Zukunft die Grenze zwischen Mensch und Maschine ziehen? Ängste werden vor allem dann geschürt, wenn der Mensch sich nicht mehr überlegen fühlen kann.

"Kinder" brauchen Regeln

Sicher ist, wohin auch immer die Entwicklung gehen wird, das IoT steckt in den Kinderschuhen. Und wie das bei Kindern halt so ist: Sie entwickeln sich rasend schnell und sprunghaft, leiden aber oft auch an "Kinderkrankheiten". Für eine gesunde Entwicklung braucht es Zuwendung, Pflege und klare Regeln. Vor allem aber muss man sie vor denen schützen, die ihnen Böses wollen. Daher ist es an der Zeit, umfassende, gesetzliche Regelungen zu etablieren und damit einen soliden Grundstein für die Zukunft des Internet der Dinge zu legen.

Über die Ergebnisse:

Quantitative Befragung im YouGov Online-Panel, bevölkerungsrepräsentative Stichprobe, n=1778, im  März 2015. Qualitative Befragung im Rahmen eines dreitägigen Online-Forums mit n=18 Befragten im Februar 2015.

Weiteren Studieninformationen

Zur Person:

Anna Schneider (YouGov)
Dr. Anna Schneider, Senior Consultant, ist erste Ansprechpartnerin für qualitative Forschung bei YouGov. Ihre besonderen Schwerpunkte liegen auf qualitativen Online-Methoden und der Innovationsforschung.

Veröffentlicht am: 26.08.2015

 

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