Ist es soweit? Trennung von Prüfung und Beratung

#1Blick vom Beratungsforscher

Bei den Big Four ist das Prüfungsgeschäft ordentlich gewachsen und das Beratungsbusiness sogar stärker. Leider schlummern in dieser Situation verschiedene Herausforderungen und Risiken, die nicht leicht zu meistern sind. Die Trennung von Beratung und Prüfung wäre eine Lösung, die auch Politiker und Regulierungsbeamte regelmäßig fordern – bisher aber ohne größeren Erfolg. Jetzt überlegen EY und Deloitte, diesen Weg selbstbestimmt zu gehen. Um Hintergründe und Erwartungen geht es in diesem #1Blick.

Wird bald der Keil zwischen Prüfungs- und Beratungsgesellschaft bei EY und Deloitte getrieben? (picture alliance/dpa | Horst Galuschka)

Aufteilung bei EY und Deloitte?

Seit Jahrzehnten arbeiten viele Wirtschaftsprüfer und Berater unter einem gemeinsamen unternehmerischen Dach. Ihre Ausgangsidee ist dabei, dass derjenige, der die Bücher eines Kunden kennt, auch Informationen über Schwachstellen entdecken und sie anschließend für ein ordentliches Honorar beheben kann. Vor rund 20 Jahren ist dieses Modell u. a. auf Grund des Enron-Skandals zunächst ins Wanken geraten und hat sich anschließend wieder stabilisiert. In den vergangenen Wochen war zu hören, dass zwei der Big Four über eine erneute Aufteilung ihres Geschäftes nachdenken.

Der Hintergrund

Dem Scoop von Michael Sainsbury in Australien zufolge – den dann das Wall Street Journal, das Manager Magazin etc. aufgegriffen haben – wird bei EY überlegt, das Consulting- vom Prüfungsgeschäft zu trennen. EY selber ordnet diese Gedanken als Teil eines regelmäßigen Planspiels ein, Kommentatoren verknüpfen die Aufteilung mit der Wirecard-Affäre. Letzterer Grund verliert an Stichhaltigkeit, wenn die Wettbewerber von Deloitte einen ebensolchen Trennungsschritt wagen wollen: Dort gibt es keine engere Verknüpfung zu Wirecard und auch andere Skandale werden derzeit nicht intensiv diskutiert.

Druck gibt es hingegen von Teilen der Politik, beispielsweise im Vereinigten Königreich. Dort wird über eine Trennung bzw. stärkere Regulierung intensiv diskutiert. Im Vorfeld der Bundestagswahl 2021 hat die Trennung in einigen Wahlprogrammen ihren Platz gefunden – im Koalitionsvertrag war davon dann aber nicht mehr die Rede. Das Thema scheint zwar nicht komplett vom Tisch zu sein (beispielsweise hat sich Olaf Scholz seinerzeit für eine Trennung ausgesprochen), aber es drängt sich derzeit nicht in den Vordergrund.

Ein weiterer und vielleicht gewichtigerer Grund könnte in der internen Geschäftslogik der Big Four enthalten sein: Prüfung und Beratung passen temporär zusammen, haben aber nur für eine begrenzten Zeit das Potenzial, sich wechselseitig zu unterstützen; anschließend droht Konfliktpotenzial, zum Beispiel über das Zustandekommen und die Verteilung der Gewinne. Ein Ausweg aus diesen Konflikten könnte in der Aufteilung des Geschäfts liegen – und einen solchen Schnitt mag man offensichtlich bei EY und Deloitte lieber früher und in Eigenregie exekutieren, denn später und mit einem von Politik und Verwaltung geführten Messer.

Erwartungen

Von außen betrachtet können sich solche Aufteilungen zunächst spektakulär gestalten („We are proud to announce the worlds biggest / largest / toughest / … consulting company!“), anschließend mag sich aber beispielsweise für einzelne Kunden doch nicht so viel ändern (außer die Visitenkarte des Client Engagement Partners und ein paar Stammdaten im SAP-System).

Aus jedem Konglomerat wird ein Prüfungsbereich hervorgehen, der vermutlich den alten Namen behält und eine Consulting-Company, die einen neuen Namen bekommt. (Vielleicht „Monday“ oder „Braxton“ … ?)

Dieser wird dann mit großem Aufwand kommuniziert, damit zum einen die eigenen Mitarbeiter die Veränderung gut verkraften und sich zum anderen Wettbewerber, Kunden und potenzielle Mitarbeiter mit der neuen Situation arrangieren können.

Die Geschäftslogiken selber sind recht gut zu trennen, rechtlich mag es etwas komplizierter werden, was aber von außen nur schwer einzuschätzen ist, da es sich bei den Big Four nicht um jeweils ein großes Unternehmen handelt, sondern um Verbünde aus Landes- und Fachgesellschaften. (Möglich ist dieser Schritt aber, wie die Reaktionen der Big Four auf den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine zeigen.) Die Partner bzw. Gesellschafter werden hier mit spitzem Bleistift rechnen, was eine Trennung für sie jeweils bedeutet und wie Gewinne, Markenrechte, Intellectual Property etc. aufgeteilt werden können. Für die neuen Consulting-Units besteht en passant die Möglichkeit, aus der aktuellen Wachstumsfalle herauszukommen.

Für die die größeren bzw. professionelleren Kunden sollte mit der Aufteilung kaum ein Problem einhergehen, da sie es schon jetzt gut verstehen, zwischen den beiden Geschäftsmodellen der Big Four zu unterscheiden.

Ein netter Nebeneffekt könnte sich zeigen, wenn etwas mehr Transparenz in den Consulting-Markt gelangt. Zunächst ist zu erwarten, dass im Rahmen einer Aufteilung mindestens einmalig recht genaue Aussagen über Mitarbeiter- sowie Umsatzzahlen getätigt werden und vielleicht Rückschlüsse auf andere Finanzkennzahlen möglich sind. Mögliche Börsengange der Beratungseinheiten zögen weitere, dauerhafte Berichts- und Offenlegungspflichten nach sich.

Nach der Aufteilung ist vor der Aufteilung

Und wenn dann wieder Ruhe eingekehrt ist, dann wird es nicht lange dauern, bis die Prüfer wieder eigene Beratungsteams aufbauen, denn: Die Partner sind hungrig auf Wachstum und dann ist die Idee ja nicht so abwegig, dass derjenige, der die Bücher eines Kunden kennt, auch Informationen über Schwachstellen entdecken und sie anschließend beheben und dadurch neues Geschäft generieren kann.

Über Thomas Deelmann

Thomas Deelmann
Professor Thomas Deelmann arbeitet seit über 20 Jahren als, mit, für und über Berater. In seiner consulting.de-Kolumne #1Blick kommentiert er Marktentwicklungen aus der Vogelperspektive und schaut hinter die Kulissen der Arbeit von Beratern und ihren Kunden. Er lehrt an der HSPV NRW, twittert @Ueber_Beratung und berät bei strategischen Fragen. Als Buch erschien von ihm zuletzt „Die Berateraffäre im Verteidigungsministerium“ (2021, Erich Schmidt Verlag, 49,95 Euro). 

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