Leider ungeil: Über den Einsatz von PowerPoint im Consulting

Consulting im Style-Check – Kolumne von Wolfram Saathoff

Für Menschen, denen das Texas Chainsaw Massaker zu öde ist, hält Microsoft seit 38 Jahren eine zuverlässige Quelle ständigen Grusels bereit, die selbst den ganz Hartgesottenen unter uns Träume übelster Art beschert: PowerPoint. Wolfram Saathoff über die Verwendung von PowerPoint im Consulting.

Davor gruselt es selbst Cthulhu: PowerPoint. (Bild: Haus am Meer)

Kennen Sie Billie Eilish? Nicht? Okay, wie erklär ich das ...? Das, was in Ihrer Jugend Hartmann von Aue  war, ist Billie Eilish für die coolen Kids von heute: Ein Grund, warum Kinder unseren Glauben an das Böse bestärken.

Auch wenn ich (noch?) nicht zu denen gehöre, die Sachen sagen wie »Das neue Album von Westernhagen ist richtig knorke«, ist Billie Eilish eigentlich nichts, was sich auf meinem Radar befindet. Dennoch weckte jemand mein Kurzzeitinteresse für die knuffige Sängerin, als er sagte:

»Billie Eilish guckt immer so, als würde gerade jemand eine PowerPoint-Präsentation halten.« Ich googelte und musste sehr lachen. Um es mit Loriot zu sagen: »Das ist fein beobachtet.« Googeln Sie ruhig selbst mal, Sie werden es erkennen.

Aus der Zeit gefallen

A propos PowerPoint — wo ist eigentlich das Problem? Warum sehen PowerPoint-Präsentationen immer so aus, als hätten sie sich gegen die menschliche Fähigkeit zu sehen verschworen? Wie viel kürzer wäre der Herr der Ringe geraten, hätte man Saurons allsehendem Auge einfach eine PowerPoint-Folie präsentiert — es wäre sofort erblindet!

Da wäre zunächst einmal das Programm selbst. 1984 entwickelt (man könnte auch sagen: der Hölle entstiegen) und konsequent auf diesem Stand verblieben ist PowerPoint für 3D-Effekte und Textschatten was Brüssel für alt- und ausgediente Unions-Politfressen ist: der Gnadenhof. Der Ort, an dem neue Probleme entdeckt werden. Wenn Stephen King die Ideen ausgehen, startet er PowerPoint.

Machen wir es kurz: Wenn Sie eine E-Mail schreiben wollen, hilft Ihnen ein Faxgerät kaum weiter. Während PowerPoint ästhetisch noch in einer Zeit weilt, als zu heiraten bedeutete, der Mann zieht der Frau eine Keule über den Kopf, hat sich die Welt weiterentwickelt. Nicht nur, dass Frauen heute mitentscheiden dürfen, wen sie heiraten — wir haben zudem andere Bildschirme und neue Sehgewohnheiten.

PowerPoint ist nicht (alleine) schuld

Auf der anderen Seite muss man allerdings auch mal ganz offen und ehrlich sagen: Das Problem sitzt allzu häufig vor dem Bildschirm. Jajaja, über Geschmack lässt sich streiten, Popelgrün und Zahnsteingelb mögen in manch einem Auge eine funktionierende Kombination ergeben, meinetwegen. Außerdem ist Beratung Ihr Job, nicht Gestaltung.

Ich sehe sie vor meinem geistigen Auge, die alten, weißen Männer, die fluchend mit zusammengekniffenen Augen auf Bildschirme starren, die Knöchel an der die Maus haltenden Hand weiß hervortretend ihre Präsentationen bastelnd, ›nie wieder Microsoft‹ murmelnd seit dreißig Minuten vergeblich die Farbe einer Linie ändern wollend. Sie wissen es so gut wie ich und jeder andere Mensch in dem uns bekannten Universum: PowerPoint macht so viel Spaß wie eine Lomi Lomi-Massage von Freddy Krueger.

Kann man geile Präsentationen basteln? Klar, das kann man. Nur eben nicht in PowerPoint! Am Ende entscheiden sich die Kunden in der Regel aber dennoch für die Bildzeitung unter den Präsentationsprogrammen, und zwar aus einem einzigen Grunde: Sie wollen selbst Änderungen an ihrer Präsentation vornehmen können. Das ist auch vollkommen legitim. Wenn sich am Ende eine Zahl verändert, will man das fix auf den neuesten Stand bringen können, vollkommen d’accord.

Was dabei vergessen wird: Eine PowerPoint-Präsentation ist ein Kundenkontakt. Wie eine Visitenkarte, eine Website, eine Unternehmensbroschüre. Und während letztere drei in der Regel mit Sinn und Verstand gestaltet werden (zumindest sollten), darf dann eine Präsentation einfach irgendwie aussehen? Ist das Ihr Ernst?

Guckt eh keiner hin

Es gibt adäquate Alternativen zu Bill Gates’ hässlichem Baby: Das cloud-basierte Visme, dessen kostenlose Version erstaunlich weit bringt. Das grafisch anspruchsvollere Prezi, das mit subtilen grafischen Effekten aufwarten kann. Das für alle Mac-User kostenlose Keynote. Oder Slidebean, das für Faule mit diversen Vorlagen angeritten kommt wie ein strahlender Ritter auf seinem digitalen Ross.

Im Idealfall aber wenden Sie sich an eine versierte Agentur, die was von ihrem und Ihrem Fach versteht und den ganzen Bums für Sie übernimmt. Denn — ich sage es noch einmal — auch eine Präsentation ist ein wichtiger Kundenkontakt. Unterschätzen Sie das nicht! Niemals! Never ever!

Aber vielleicht ist es ja auch egal. Letztenendes ist Consulting schließlich wie eine Gruppenarbeit in der siebten Klasse: Man wird einem Team zugeteilt, man denkt sich ein paar Dinge aus, packt die in eine PowerPoint-Präsentation und präsentiert sie Leuten, die nicht zuhören. Von daher darf die Präsentation vielleicht wirklich irgendwie aussehen — guckt eh keiner  hin!

Über Wolfram Saathoff

Wolfram Saathof (Bild: Simone Scardovelli)
Warum sehen Beratungsunternehmen eigentlich so aus wie sie aussehen? Diese Frage stellt sich Wolfram Saathoff (Schuhgröße 43) in seiner monatlichen Kolumne. Der Kommunikationsdesigner und Trendforscher hat in Hamburg an der Design Factory International studiert und führt seit 2004 zusammen mit seinem Partner in Crime Steffen Kratz die Werbeagentur Haus am Meer in Barcelona. Gemeinsam machen sie die Beratungsbranche schöner. Mehr über die Agentur für Berater: www.hausammeer.org

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