Mieses Berufsprestige von Consultants? Macht nix! – Wirklich nicht?

#1Blick vom Beratungsforscher

Das Beratungs-Berufsprestige ist schlecht. Was das Bauchgefühl immer schon sagte, belegt nun auch eine repräsentative Studie schwarz auf weiß. In Teilen der Consulting-Community scheint dies keine große Rolle zu spielen. Drei Gründe, warum dies kurzsichtig sein könnte.

Berufsprestige repräsentativ untersucht

Im September haben exeo und Rogator eine repräsentative Studie zum Berufsprestige von Consultants vorgestellt. Sie untersucht die Wahrnehmung von Unternehmensberaterinnen und Unternehmensberatern in der Öffentlichkeit. Die Ergebnisse sind nicht sehr beflügelnd: Die Branche räumt beim Berufsprestige die schlechtesten Werte ab. Sie liegt nicht nur hinter (erwartbar) hochgeschätzten Berufen im Pflege- oder Sicherheitsbereich, sondern sie läuft auch den benachbarten Tätigkeiten der Steuerberater und Rechtsanwälte hinterher.

Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Vertrauenswürdigkeit oder ein soziales Engagement werden Consultants kaum zugeschrieben. Dafür werden sie als karriere- und erfolgsorientiert sowie durch Geld motiviert beschrieben.

Die Studie ermöglicht neben einem Quervergleich zwischen verschiedenen Berufen und Tätigkeiten auch den Vergleich zwischen unterschiedlichen Ländern (Deutschland, Österreich, Schweiz und Schweden). Die Ergebnisse können im Detail hier nachgelesen werden. Einer der Studienautoren teilt in dem Artikel 'Die Aura des allwissenden "Welterklärers"' seine Interpretation und steht Rede und Antwort.

Einschätzungen

Eine dumpfe Ahnung, dass die Branche nicht immer über das allerbeste Image verfügt, hatten vermutlich viele. Dieses Bauchgefühl hat sich mit der vorliegenden Untersuchung jetzt aber als auf breiter Front zutreffend herausgestellt. Sie ist die erste bevölkerungsrepräsentative Studie in Deutschland, die sich der Unternehmensberatung widmet und Themen wie Kenntnisse über den Beruf, Berufsattraktivität und -prestige abfragt.

Die Reaktionen auf die Veröffentlichung sind so inhaltlich interessant wie vielfältig: Sie reichen von hemdsärmeligen Unterstützungsnoten bis hin zur faktischen Negation der Ergebnisse. Selbstredend bleibt es jedem selbst überlassen, ob mit den Studienergebnissen gearbeitet werden soll oder nicht.

Zwei Dinge gilt es jedoch zu beachten: Die Ergebnisse einer repräsentativen Studie sollten nicht mit denen verglichen werden, in denen Berater (selbst oder mittels eines Intermediäres) lediglich zum Beispiel die bereits vorhandenen Kunden nach ihrer Einschätzung fragen. Dass hierbei eine größere Akzeptanz der Beratungsarbeit ermittelt und eine höhere Zuschreibung vermeintlich positiver Eigenschaften erfolgen wird, liegt nahe.

Der damit verbundene wichtige zweite Punkt liegt in der Relevanz der ermittelten bevölkerungsweiten Einschätzung des Berufsprestiges. Es sollte aus mindestens drei Gründen eher aktiv verbessert, denn passiv vernachlässigt werden.

Aktuelle Mitarbeiter

Das schlecht Berufsprestige einfach auszuhalten oder auszusitzen ist schade für alle derzeit aktiven Consultants - soweit man c.p. davon ausgeht, dass die meisten Menschen lieber einer Tätigkeit nachgehen, die gesellschaftliche Wertschätzung erfährt, als einer, die geringgeschätzt wird.

Das direkte Umfeld von Beraterinnen und Beratern zeigt zwar ein relativ großes Verständnis für die Consulting-Tätigkeit; vielleicht weil in direkten Gesprächen Hintergründe des Handels offengelegt werden oder andere persönliche Gründe dafür ausschlaggebend sind. Je weiter die Befragten aber von einzelnen Consultants "weg" sind, desto geringer ausgeprägt ist die Zuschreibung positiver Eigenschaften und die Wertschätzung der Arbeit.

Zu befürchten ist zudem, dass ein allgemein schlechtes Image der Beratung zu einer Verkürzung von Verweildauern in Beratungen führen kann, wenn beispielsweise neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur den "Skalen- und Lerneffekt der ersten zwei Jahre mitnehmen" und anschließend bereit sind, die Beratung bei der nächstbesten Gelegenheit zu verlassen.

Neue Mitarbeiter

Die Rekrutierung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist für das "People Business" Beratung wichtig. Diese Aufgabe könnte zukünftig jedoch noch wichtiger und schwieriger werden. Ein kleines Rechenbeispiel soll diesen Gedanken illustrieren.

Der BDU hat für 2019 etwa 128.000 Beraterinnen und Berater sowie einen Branchenumsatz von 35,7 Mrd. Euro gezählt. Diese Personenzahl übersteigt zwar schon deutlich die circa 33.000 Berater in 1990 oder die knapp 70.000 zur allgemeinen Boom-Zeit der 2000er Jahre, aber die aktuelle Zahl sowie das bisherige Recruiting erscheinen noch überschaubar - insbesondere im Vergleich mit anderen Berufen und Tätigkeiten.

Dies kann sich aber schnell ändern, wenn man das Branchenwachstum sowie die Fluktuationszahlen berücksichtigt. Für 2020 können wir erwarten, dass der Branchenumsatz um ein paar Prozent sinkt, ab 2021 wird aber schon wieder mit einem ordentlichen Wachstum gerechnet. (Das Markforschungshaus Lünendonk kommt in seiner aktuellen Corona-Blitzbefragung zu einer recht positiven Aussicht.) Bei einem Wachstum von durchschnittlich sieben Prozent pro Jahr ab 2021 wächst der Markt bis 2030 auf 67 Mrd. Euro an. Bleibt der Umsatz pro Consultant der Einfachheit halber konstant (er beträgt heute knapp 280.000 Euro), dann sind zur Erzielung dieses Umsatzes circa 240.000 Consultants erforderlich - also gut 110.000 mehr als heute. Eine durchschnittliche Fluktuationsrate von zehn Prozent ist vielleicht am unteren Ende der Erwartungen angesiedelt; allerdings gilt es, die ausgeschiedenen Personen nachzubesetzen. Gemeinsam führen diese Entwicklungen dazu, dass die Beratungsbranche bis 2030 kumuliert knapp 300.000 neue Beraterinnen und Berater (plus Backoffice) einstellen muss.

Die bisherigen, gut eingespielten Beschaffungskanäle reichen in Zukunft vielleicht nicht mehr aus, um den Rekrutierungsbedarf zu decken, so dass neue Quellen erschlossen werden müssen. Hier mag ein positives Berufsprestige hilfreicher sein, als das aktuelle negative.

Neue Auftraggeber

Die annähernde Verdoppelung des Marktvolumens bis 2030 bedingt vermutlich auch einen deutlichen Anstieg der Zahl durchgeführter Projekte sowie ein Mehr an individuellen Kunden beziehungsweise Auftraggeberinnen. Vielleicht bilden einige der Consulting-Alumni (siehe oben) einen guten Pool für neue Projektauftraggeber. Vielleicht ist dieser Zuwachs an "natürlichen" neuen Kundinnen, die der Branche gegenüber positiv eingestellt sind, aber auch noch viel zu gering.

In einem solchen Fall mögen auch hier positive Branchenzuschreibungen besser für den Vertrieb von Beratungsleistungen geeignet sein, als die aktuellen. Ein Verzicht auf externe Beratungsprojekte könnte von Seiten der notwendigerweise neu zu akquirierenden, aber vielleicht skeptischen Kunden durch mehr Linienkräfte oder Stabsfunktionen, den Auf- und Ausbau von internen Beratungseinheiten, hausinterne Projektorganisationen etc. ausgeglichen werden.

Auch dies scheint ein guter Grund zu sein, aktiv das Beratungsprestige zu verbessern.

Fazit: Handlungsbedarf

Die repräsentativen Studienergebnisse zum Beraterprestige einfach zu ignorieren, das erscheint fahrlässig. Die Daten können zunächst zumindest einmal aufrütteln sowie zur Selbstreflexion und zum Nachdenken anregen. Die Aussagekraft der Ergebnisse kann zukünftig nochmal ansteigen, wenn nach weiteren Erhebungen eine Zeitreihenbetrachtung möglich wird.

Vielleicht lassen sich bei einem nächsten Studiendurchlauf schon positive Prestigeeffekte erkennen - wenn denn die Arbeit daran aufgenommen wird. Es scheinen Maßnahmen angebracht, die lieber früher als später starten sollten: Branchenzuschreibungen lassen sich leider nicht immer von "heute auf morgen" positiv beeinflussen sondern müssen längerfristig gedacht werden.

Über den Autor

Professor Thomas Deelmann arbeitet seit über 20 Jahren als, mit, für und über Berater. In seiner consulting.de-Kolumne #1Blick kommentiert er Marktentwicklungen aus der Vogelperspektive und schaut hinter die Kulissen der Arbeit von Beratern und ihren Kunden. Er lehrt an der HSPV NRW, twittert @Ueber_Beratung, berät bei strategischen Fragen und ist unter anderem Herausgeber des Handbuchs der Unternehmensberatung.

mvw

Kommentare (1)

  1. Thomas Wüstenfeld vor 1 Woche
    Woran liegt denn das schlechte Image in der Bevölkerung ?
    ich vermute mal, weil insbesondere große Beratungsfirmen vor allen dann gerne gerufen werden, wenn etwas schief läuft in Unternehmen und selten proaktiv, um sich fehlendes Know How zu holen.
    Das Ergebnis: Die Berater durchforsten das Unternehmen wie die Feuerwehr nach Brandherden und schlagen nicht selten Änderungen der Strukturen, Arbeitsabläufe bis hin zu Arbeitsverdichtung oder Rationalisierung mit Arbeitsplatzabbau und vor allen Kostensenkungen vor.
    Unternehmen, die das dann umsetzen, rechtfertigen dies mit den externen Gutachten, mit dem Hinweis sonst kommt es noch schlimmer, die Wettbewerbsfähigkeit muss erhalten werden, die Profitabilität, die Kosten sind zu hoch.
    Viele Berater verlassen dann das Unternehmen wieder, weil sie an der Umsetzung u.a. aus Kostengründen nicht teilnehmen können / dürfen.
    So entsteht der Eindruck "move faster than the disaster".
    Das schlechte Image bleibt, weil: ich muss mehr oder anders arbeiten, ich verliere meinen Job, immer weniger Leute müssen mehr Aufgaben mit weniger Budget, wg. der Kosten übernehmen.
    Kurzum: Berater müssen mehr als Coach, Know How Lieferant, Innovatoren auftreten und mehr in der Umsetzung mit ihrem Know How tätig werden .
    Dazu gehört auch, dass gerade die großen Beratungsunternehmen nicht nur zur Akquise ihre Manager und Seniorberater schicken und die Kleinarbeit den Junioren frisch von der Uni überlassen.

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