Netzneutralität: Der Verbraucher im Paragrafendschungel (Teil II)

Warum Grundsatzentscheidungen zur Netzneutralität den Markt für Breitbandanschlüsse revolutionieren werden und was Verbrauchern wirklich wichtig ist.

Der Verbraucher im Paragrafendschungel (Bild: Ellagrin - Thinkstock)

Von Dr. Anna Schneider, YouGov

Derzeit laufen Debatten in Brüssel, die Abweichungen von der Netzneutralität stark erleichtern könnten. Die bald möglicherweise legitimierten Abweichungen vom Grundsatz der Netzneutralität ermöglichen Internetprovidern in naher Zukunft die Gestaltung völlig neuer Geschäftsfelder. Es wird dann möglich sein, qualitätsdifferenzierte Dienste zu gestalten und zu vermarkten, die in Bezug auf den Internetzugang in den eigenen vier Wänden bislang undenkbar waren. 

Die Verfechter der neuen Regelung führen als Hauptargumente an, das Nutzer einer digitalen Überholspur für diese auch mehr zahlen sollten. Die Argumente der Breitband-Anbieter in Zeiten kontinuierlicher Umsatzrückgänge beziehen sich nicht nur auf sinkende Profite, sondern auch auf die Gefährdung des Netzausbaus, da sie diesen maßgeblich mitfinanzieren. 

Aber Grundsatzentscheidungen zur Netzneutralität könnten das Ende des Internets bedeuten, zumindest in der Form wie wir es derzeit kennen. Es ist dann zum Beispiel möglich, dass bestimmte Dienste und Services nur noch von solchen Nutzern in guter Qualität verwendet werden könnten, die hierfür extra bezahlen. Wer dies nicht täte, dem bliebe der Zugriff auf derartige Dienste möglicherweise ganz verwehrt oder das Nutzungserlebnis wäre unbefriedigend. Aber nicht nur der Endverbraucher wäre von neuen Paragraphen in seinen Internetverträgen betroffen. Auch Anbieter von Services und Diensten stehen dann vor großen Herausforderungen. Sie müssten dann möglicherweise für die Nutzung der Netze zahlen, da sie enorme Datenströme produzieren. Denke man einmal an Amazon, Netflix oder Skype: Auf diese Unternehmen kämen enorme Kosten zu. 

Beim mobilen Internetzugang sind qualitätsdifferenzierte Angebote schon lange vorhanden. So surfen Verbraucher, die mehr bezahlen, mit höheren Geschwindigkeiten und mehr Datenvolumen. Einige Dienste sind mobil aktuell schlichtweg nicht nutzbar. Aber wenn man einmal an den großen Aufschrei zurückdenkt als die Telekom Datenbegrenzungen für Internetanschlüsse zuhause etablieren wollte, wird offensichtlich, dass Verbraucher auf differenzierte Angebote für ihren Internetanschluss zu Hause ganz anders reagieren könnten als beim mobilen Internetzugang. 

Im Rahmen der Studie wurde die Fragestellung untersucht, welche Entscheidungskriterien Verbraucher heranziehen, wenn ihnen qualitätsdifferenzierte Produkte angeboten würden.

Die Ergebnisse der Studie unterstreichen, dass es von entscheidender Bedeutung sein wird, wie Internetprovider neue Serviceangebote gestalten und kommunizieren werden. Da Konsumenten bereits heute von der Produktvielfalt eher überfordert als begeistert sind, kommt der Kommunikation neuer, noch komplexerer Produkte eine überaus bedeutsame Rolle zu. 

Im Rahmen von Fokusgruppen wurden der Kaufentscheidungsprozess und die hierbei relevanten Barrieren wie auch Treiber für die Wahl eines Produktes bzw. Anbieters tiefgehend evaluiert. Die wichtigste Erkenntnis für Internetprovider ist hierbei schnell zusammengefasst: Einige Vertragsbedingungen, die gegen die Netzneutralität verstoßen, werden Verbraucher zum Wechsel ihrer Anbieter treiben, andere jedoch nicht. Natürlich spielt auch weiterhin der Preis eine wichtige Rolle, haben sich einige Verbraucher doch zu regelrechten Schnäppchenjägern erziehen lassen. Dennoch geben durchschnittlich 4 von 5 europäischen Verbrauchern an, ihren Provider zu wechseln, sollte dieser Datenbegrenzungen für den Internetanschluss zu Hause einführen. In Deutschland liegt dieser Anteil mit knapp 90 Prozent nochmals darüber. Dieses Ergebnis ließ bereits die qualitative Vorstudie erwarten. Das Internet ist selbstverständlicher Teil des täglichen Lebens und nicht mehr aus Privat- und Berufsleben wegzudenken. Neben dem Faktor der Gewohnheit fußt der emotional aufgeladene Widerstand gegen Datenbegrenzungen darauf, dass Verbraucher befürchten ihnen würde das Tor zur Welt verschlossen, das sie derzeit selbstverständlich als jederzeit zugänglich betrachten. Einige Nutzer beschreiben, dass sie in eine Art Flow geraten und sich stundenlang im Netz verlieren – eine Datenbegrenzung würde aber eben dieses positive Erleben verhindern.

Laut Studie würden in Deutschland 89 Prozent der Befragten ihren Anbieter wechseln, sollte dieser das Datenvolumen für den Internetanschluss zu Hause begrenzen. In den anderen Ländern ist dieser Anteil etwas geringer (siehe Grafik).

Netzneutralität: Der Verbraucher im Paragrafendschungel - Abb.

Ein weiteres wichtiges Kriterium für die Kaufentscheidung, das durch Neuregelungen der Vorgaben zur Netzneutralität relevant werden wird, ist unter anderem auch der Zugang zu Videostreaming-Portalen. In Zeiten des Vormarsches von Netflix, Amazon Prime und Co. ist dieses Ergebnis äußerst relevant und stellt die Anbieter gleichzeitig vor große Herausforderungen. Denn bei der Ausgestaltung von qualitätsdifferenzierten Services wünschen sich Verbraucher höchste Flexibilität und größtmögliche Individualisierbarkeit der Angebote. Der vormals etwas träge Markt Breitband wird sich also deutlich schneller wandeln müssen als bisher. Anbieter, die sich auf dieses Rennen nicht einlassen, werden in Zukunft deutlich härter abgestraft als bislang. Es wird also spannend!

Über die Studie: Die vollständige Studie wurde von WIK-Consult, YouGov und Deloitte in vier europäischen Ländern durchgeführt: Kroatien, Tschechische Republik, Griechenland und Schweden. Diese Länder wurden auf Basis einer Clusteranalyse nach Angebot und Nachfrage-Indikatoren über die 36 BEREC Mitglieds- und Beobachterstaaten gewählt. Ziel war es, eine breite Mischung der unterschiedlichen elektronischen Kommunikationsmärkte zu gewinnen. In den vier ausgewählten Ländern wurden im August und September 2014 insgesamt zunächst zwölf offline Fokusgruppendiskussionen (3 pro Land) durchgeführt. Im November 2014 wurden Online-Befragungen repräsentativ für die Internetnutzer in allen vier Ländern (n> 1000 in jedem Land) durchgeführt. 

Über die deutschen Ergebnisse: Für die deutschen Ergebnisse befragte YouGov insgesamt 1006 Personen vom 29.05. bis 01.06.2015 mittels Online-Befragung. Die Ergebnisse wurden gewichtet und sind repräsentative für deutsche Internetnutzer (Alter 18+).

Lesen Sie auch den ersten Teil "Netzneutralität: Liberté, Egalité, Faternité"

Zur Person:

Anna Schneider (YouGov)
Dr. Anna Schneider, Senior Consultant, ist erste Ansprechpartnerin für qualitative Forschung bei YouGov. Ihre besonderen Schwerpunkte liegen auf qualitativen Online-Methoden und der Innovationsforschung. 

Veröffentlicht am: 25.06.2015

 

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