Tabuthema "Angst im Management" – warum Führung und Härte nicht zusammen passen

Neues Verständnis von Leadership

Ein Burnout ist im Management längst keine Seltenheit mehr, Leistungsdruck gilt in der Gesellschaft noch immer häufig mehr als der angemessene Umgang mit der Angst. Das ist nicht nur ungesund, sondern auch längst nicht mehr zeitgemäß. Ein Plädoyer für ein neues Verständnis von Leadership von Dr. Simone Burel.

Angststörungen im Management sind keine Seltenheit, aber immer noch ein zu großes Tabuthema (Bild: Andrea Piacquadio - Pexels).

Angststörungen im Management sind keine Seltenheit, aber immer noch ein zu großes Tabuthema (Bild: Andrea Piacquadio - Pexels).

In den letzten Jahren haben immer mehr Manager*innen und Führungskräfte ihre Burnout-Diagnose öffentlich gemacht. Diese Entwicklung ist erfreulich, denn sie kann anderen Betroffenen Mut machen und hat außerdem dafür gesorgt, dass Burnout mittlerweile in weiten Teilen der Gesellschaft bekannt und akzeptiert ist. Etwas polemisch könnte man formulieren: In manchen Kreisen hat man mitunter beinahe das Gefühl, eine Auszeit im Lebenslauf wegen Burnout gehöre fast schon zum guten Ton. Weit weniger bekannt und sozial akzeptiert hingegen sind Angststörungen unter Führungspersonen. Obwohl fast 15 Prozent der deutschen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens zumindest vorübergehend an solch einer Störung leiden, sind sie ein Tabuthema. Vor allem unter Führungskräften wird dieses Thema totgeschwiegen, dabei erkranken vorwiegend Männer im mittleren Management daran.

Angst und Burnout – eine tückische Symbiose

Burnout wird häufig auch als die "Managerkrankheit" bezeichnet. Dabei ist die Entstehung eines Burnouts weit komplexer als meistens angenommen. Die vermeintlich einfache Erklärung, dass ein Burnout durch zu viel Stress im Job entsteht, stimmt so nicht. Die Entstehung eines Burnouts ist vielmehr eine Kombination aus äußeren Umständen und persönlichen Merkmalen und Dispositionen einer Person. Das Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren ist dabei so komplex, dass meistens nicht eindeutig geklärt werden kann, was das Burnout letztendlich ausgelöst hat. Bei vielen Patient*innen sind jedoch Ängste oder Angststörungen an der Entstehung eines Burnouts beteiligt. Daher ist es zwingend erforderlich, auch Angst und Angststörungen stärker in den öffentlichen Fokus zu rücken. Denn nur wenn wir über Angst sprechen und versuchen zu verstehen, woher sie kommt, können wir gemeinsam als Gesellschaft auch nachhaltig das Thema Burnout angehen. Wir müssen uns also klar machen, dass zwischen Ängsten und einem Burnout häufig eine enge Wechselbeziehung besteht oder beide sogar parallel auftreten. Oder mit anderen Worten: Burnout kann nicht ohne das Element Angst gedacht und verstanden werden.

Arbeiten bis zum Umfallen gilt als schick, lähmende Angst eher weniger

Doch warum wird zum Thema Angst so kollektiv geschwiegen? Die Antwort liegt vermutlich in unserer patriarchalisch geprägten Leistungsgesellschaft: Während ein Burnout – fälschlicherweise – mit Fleiß, harter Arbeit und hoher Leistung assoziiert wird – den vermeintlich typischen Eigenschaften einer Managerpersönlichkeit -, wird auf der anderen Seite eine Angststörung meist mit fehlendem Mut, Zögerlichkeit, Selbstzweifeln und Versagen in Verbindung gebracht. Und diese Eigenschaften passen schlicht nicht zu dem Bild der prototypischen Führungskraft, das landläufig in den Köpfen verankert ist. Das zeigt sich auch auf sprachlicher Ebene. Ausdrücke und Phrasen, die Härte ausdrücken, sind meist positiv konnotiert und rufen bei vielen Menschen sofort das Bild eines starken Machertyps im Kopf hervor. Hierzu gehört z. B. "ein starker Mann sein", "ein Indianer kennt keinen Schmerz", "auf den Tisch hauen" oder "Ansagen machen". Dem gegenüber stehen Ausdrücke, die Weichheit signalisieren und deutlich durch eine abwertende Komponente gekennzeichnet sind. Beispiele hierfür sind die Bezeichnungen "Gefühlsheini/-dusel", "Heulsuse" oder "Weichei".

Erfolgreiche Menschen verstecken ihre Angst oft, um nicht als Versager dazustehen

So kommt es, dass vor allem erfolgreiche Menschen ihre Angst verstecken, um nicht als Versager dazustehen. Mit jedem Schritt auf der Karriereleiter kommen neue Ängste hinzu, denn je höher wir hinaufsteigen, desto tiefer können wir fallen. Und wer es einmal nach ganz oben geschafft hat, kann und will sich häufig mit niemandem über seine Angst austauschen – aus Angst, sich angreifbar oder schlimmstenfalls sogar lächerlich zu machen. Und so frisst er*sie alles in sich hinein. Die Angst wird dabei immer größer und zieht immer weitere Kreise bis in viele Bereiche des Lebens hinein – es entsteht der klassische Teufelskreis!

Diesem Teufelskreis kann nicht der oder die Einzelne allein entkommen. Vielmehr sind wir hier alle als Kollektiv gefordert: Indem wir als Gesellschaft bei den Sprach- und Denkmustern ansetzen, die wir mit Führung assoziieren, können wir dafür sorgen, dass in Zukunft weniger Menschen überhaupt in solch einen Teufelskreis hineingeraten. Als Gesellschaft müssen wir deshalb neue Bilder und Visionen von Führung entwickeln, die dann in den Firmen umgesetzt werden.

Wir brauchen neue Konzepte und Visionen von Führung, um den Teufelskreis der Angst zu durchbrechen

Wir sollten uns fragen, ob es nicht an der Zeit ist, Führungsqualitäten an anderen Kriterien als bisher festzumachen. Denn Führung muss – entgegen aller Stereotype, die sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen halten – nicht mit Härte einhergehen. Angststörungen werden häufig dadurch verursacht, dass die betroffene Person zu hohe Erwartungen an sich selbst stellt, sich selbst und vor anderen keine Fehler eingestehen kann und ihre eigenen Grenzen lange Zeit ignoriert. Oder mit anderen Worten: den Zugang zu ihren Emotionen verliert. Wäre es in unseren Köpfen und in unserer Sprache verankert, dass Führung auch mit Emotionen bzw. mit emotionaler Agilität einhergehen darf und soll, könnten vielen Führungskräften ihre Ängste erspart bleiben. Oder aber die Ängste könnten positiv genutzt und zu einem Antrieb werden, der Neues hervorbringt.

Führung ohne Fühlen wird  zum Auslaufmodell

Führung ohne Fühlen wird in digitalen Gesellschaften zum Auslaufmodell, hinter dem sich Führungskräfte in einer patriarchalisch geprägten Welt allzu lange versteckt haben. Ein wichtiger Faktor für erfolgreiche Führung ist also das Emotionsmanagement. Das bedeutet, dass eine Führungskraft Verständnis für sich und andere hat und keine emotionalen Altlasten mit sich herumschleppt, die sie dann an Mitarbeitenden auslässt. Wer ein gutes Emotionsmanagement betreibt, blockiert keinen wertvollen gedanklichen Speicherplatz und hat Ideen für Neues. Außerdem ist er*sie dann auch in der Lage, Angst nicht als lähmenden Zustand zu begreifen, sondern sie zu reflektieren und zu kanalisieren und daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Durch gezieltes Emotionsmanagement kann Angst in Produktivität verwandelt werden und Innovationen zutage fördern. Wird sie zugelassen und ernstgenommen, wird sie zum Katalysator. Alte Pfade werden verlassen, um Neuland zu betreten – z. B. um ein Unternehmen zu gründen oder die bestehende Produktpalette zu erweitern.

Kooperation setzt sich durch

Statt steiler Hierarchien, an deren Spitze eine einsame Führungskraft steht, die mit harter Hand ihre Mitarbeitenden führt, heißt die neue Devise "Kooperativer Führungsstil". Organisationen und ihre Umwelt werden immer komplexer, was soziale Hierarchien nach und nach aufbrechen lässt. Dadurch, dass nicht mehr ein einzelner Mensch an der Spitze alle Informationen zur Entscheidungsfindung besitzt, müssen Informationen im Unternehmen besser weitergegeben werden und haben eine höhere Durchlaufgeschwindigkeit.

Diese soziotechnologischen Veränderungen brauchen partizipative Führungsfähigkeiten und die Fähigkeit, kooperativ Entscheidungen herbeizuführen, übrigens eine Fähigkeit, die vor allem Frauen haben. Führungskräfte sollten in Zukunft wegen ihrer kooperativen Kompetenz und ihrer emotionalen Agilität, nicht aber wegen ihres Durchsetzungsvermögens und ihrer Härte eingestellt werden. Das bricht alte Machtstrukturen auf und kann einen Ausweg aus dem Angst-Teufelskreis sein.

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Über die Autorin

Simone Burel,  geschäftsführende Gesellschafterin der LUB GmbH - Linguistische Unternehmensberatung
Dr.  Simone Burel ist geschäftsführende Gesellschafterin der LUB GmbH - Linguistische Unternehmensberatung. Für ihre Forschung und Praxisarbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. vom Karriereportal academics und dem höchstdotierten Wirtschaftsförderpreis der Stadt Mannheim. Dr. Simone Burel ist Fachbuchautorin bei Springer Gabler und Mentorin an den Universitäten Mannheim, Mainz und Konstanz. 2020 wurde sie in den Wirtschaftsbeirat von bw-i (Baden-Württemberg International GmbH) berufen sowie in das Kuratorium der Freunde der Universität Mannheim. Zuletzt erschien von ihr "Quick Guide Female Leadership – Frauen in Führungspositionen in der Arbeitswelt 4.0".

mf

Veröffentlicht am: 21.10.2020

 

Kommentare (2)

  1. Oliver Schmitt am 27.10.2020
    Liebe Frau Dr. Burel, vielen Dank für den wertvollen Kommentar - dass wir ein neues Führungsverständnis benötigen, liegt auf der Hand, sind doch auch die Anforderungen und Belastungen einem besonders starken Wandel unterworfen - besonders in den letzten Jahren. Ich hätte allerdings eine Ergänzung: Das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, iS äußerer Umständen, persönlicher Merkmale und Disposition einer Person verursacht aber gerade jenen Stress, der dann zum Burnout führen kann.
    Wir beziehen uns in unserem neu gegründeten Institut auf die Stressoren (=Faktoren, die nun eben einmal im Äußeren existieren) und den Stressverstärkern, also den genannten persönlichen Merkmalen und Dispositionen. Diesen Mix gilt es besser in den Griff zu bekommen - und das gelingt u.A. nach sehr gut durch Training, mit dem wir die eigenen Verstärker besser in den Griff bekommen. Wenn wir uns als Gesellschaft auch noch zu einem neuen Führungsverständnis durchringen, umso besser.
    Auf unserer Website kann man übrigens den aktuellen Level der Belastungen iS des persönlichen Stressniveaus online und kostenlos einschätzen: https://www.stressmanagement.institute/stress-test
  2. Walter Herter am 22.10.2020
    Ja, schon der Altmeister im Coaching, Wolfgang Looss, hat Ende der 90er Jahre dieses Tabu dargestellt.
    Und: burnout, vielleicht etwas simplifiziert dargestellt, ist Angst: „ich schaff es nicht, und ich weiss auch nicht, wie ichsinnvoll vorgehen könnte, um es zu schaffen“. Daraus entstehen wirkungsarme Copingstrategien, die die Angst noch steigern.
    Es ist der eigene Anspruch, und der Anspruch jedoch auch der Mitarbeiter*Innen und der Auswählenden, den Eindruck zu vermitteln, sich die Welt „verfügbar“ (H. Rosa) machen zu können, die Welt beherrschen zu können, „sich die Welt untertan zu machen“.
    Ausübung von Gewalt und/oder burnout sind die Konsequenz.

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