Vom analogen Vater zur digitalen Tochter - Warum Familienunternehmer auf die NextGen setzen sollten

Dr. Dominik von Au

Der digitale Wandel stellt traditionelle Familienunternehmen vor große Herausforderungen. Das muss nicht unbedingt sein, denn gerade diese Firmen haben eine Trumpfkarte in der Hand, die andere nicht haben: Der eigene Nachwuchs. Wie erfolgreich das funktioniert, dafür gibt es bereits sehr gute Beispiele.

Nichts bleibt, wie es ist: Die Welt, in der wir leben, ist fundamental anders als die, in der viele heute noch extrem erfolgreiche Familienunternehmen ihre Firmen groß gemacht haben. Wie sieht das dann erst in zehn Jahren aus?

Traditionelle Familienunternehmer sehen zwar den allgegenwärtigen Wandel, unterschätzen die Implikationen für ihr eigenes Geschäft jedoch massiv. Wer würde es ihnen auch verdenken – das Geschäft läuft ja (noch)! Kunden kaufen weiterhin ihren Heizkessel beim lokalen Installateur, füllen brav Auftragsformulare aus und schicken sie per Fax und akzeptieren lange Lieferzeiten und beschränkten Service; und die Produkte müssen so wahnsinnig individuell konfigurierbar nicht sein. Oder doch? Und wie lange geht das noch gut? Die Knackfrage: Wie reagiert der Kunde von morgen auf das Angebot der Familienunternehmen von gestern? Er googelt. Und er findet ziemlich sicher eine Alternative, die schneller, besser, unkomplizierter, individueller, schicker ist. Egal, ob es um Sneakers, Kosmetik, Rolltore für Industriehallen oder Heizkessel geht.

Dank dem Smartphone kennen und schätzen wir alle die neue digitale Welt. Sie ist so schön schnell, stylish, effizient und easy. Damit ist auch glasklar, dass Unternehmen sich sehr schnell verändern müssen, um den neuen Ansprüchen gerecht zu werden. Traditionelle Familienunternehmen tun sich beim Wandel aber schwer: iPads für die Mitarbeiter auf der Baustelle? Zu teuer! Umstellung auf Cloud-Services? Zu risikoreich! Flexible Arbeitszeitmodelle, um die NextGens als Mitarbeiter zu gewinnen? Zu unpraktisch! Modernes Design? Nicht wertschöpfend!

Es geht auch anders. Damit es so kommt, haben Familienunternehmen eine Trumpfkarte in der Hand, derer sich viele gar nicht bewusst sind: die Nachfolger der Gründer und Großmacher – die NextGen. Die Unternehmerkinder sind in genau dieser Welt groß geworden, für die sich Familienunternehmen jetzt rüsten müssen. Die NextGen bringt zahlreiche Eigenschaften mit, die sie dafür prädestiniert, den Wandel zu gestalten:

  • Die NextGen liebt den Change. Sie hat ihn erlebt: Die Technologie aus ihrer Schulzeit war im Studium schon wieder out. Sie hat von Kindesbeinen an erfahren, dass beständiger Wandel die einzige Konstante ist.
  • Sie denken und handeln in Teams: Machtspiele und persönliche Positionierungstaktiken sind den NextGens fremd. Sie wissen, dass sie für Problemlösungen eingespielte Teams brauchen, und setzen auch beim Mitarbeiter-Recruiting auf junge, offene und teamfähige Kollegen.
  • Sie können Prototyping: Innovationszyklen werden immer kürzer. Die NextGen versteht, wie man mit Rapid Prototyping schneller und besser zu marktreifen Produkten kommt. Der Null-Fehler-Fanatismus der Elterngeneration ist ihnen fremd. 
  • Sie gründen Start-ups: Lieber selber gründen, statt darauf warten, dass man im Familienunternehmen dem Prinz Charles-Effekt unterliegt. Viele NextGens beweisen sich und anderen, dass sie echte Unternehmer sind – und nicht bloß Nachfolger.
  • Sie lernen lebenslang: Für NextGens ist ständiges Lernen Alltag. Was man nicht weiß, eignet man sich online an. Wer braucht da noch komplexe Schulungskonzepte?
  • Sie leben Tech: Die Generation Smartphone nutzt nur die beste und neueste Technologie. Diesen Anspruch tragen sie ins eigene Familienunternehmen.
  • Sie pflegen smarte Connections: Die NextGen netzwerkt, seit sie denken kann; und nutzt das konsequent, in allen Bereichen. Sie wissen, dass andere Marktteilnehmer eben nicht nur Wettbewerber, sondern auch potentielle Kooperationspartner sind.
  • Sie fördern Redesign: Chefparkplatz, eigenes Panaroma-Eckbüro und Sekretärin waren gestern. Die NextGen will moderne Workspaces, kollaboratives Arbeiten und voll digitale Arbeitsformen für alle.

Es gibt schon heute zahlreiche NextGens am Ruder, die den ganz anderen Mindset ihrer Generation dafür nutzen, das Familienunternehmen nach vorne zu bringen: Thomas Grimme, in der sechsten Generation beim Cloppenburger Haushaltswarengeschäft Th. Bley, hat den hippen Online-Shop bleywaren.de aufgebaut. Er sagt: "Mein Vater kannte niemanden im Internet, aber alle Leute in Cloppenburg." Damit bringt er das Generationen-Dilemma auf den Punkt.
Larissa Zeichhardt, Nachfolgerin beim Berliner Funkanlagenspezialisten LAT, hat kurz nach der Übernahme der Führungsverantwortung erst einmal alle Mitarbeiter auf der Baustelle mit Smartphones und digitalen Klemmbrettern ausgestattet. Und Felix Kroschke, Nachfolger beim Autoschilder-Hersteller Kroschke Gruppe, will die gesamte Kfz-Zulassung in Deutschland digitalisieren. Wissend, dass es dazu einer ganz anderen Innovationskultur im Unternehmen bedarf, rief er dafür mit "Kroschke 2022" ein umfassendes Change-Programm ins Leben.

Beim Bielefelder Gebäudebauer Goldbeck schließlich macht Nachfolger Jan-Hendrik Goldbeck seit einigen Jahren Techno-Scouting im Silicon Valley. Dort hat er einen R&D Hub gegründet, um bei der Entwicklung neuer Bausoftware im Bereich Building Information Modeling (BIM) ganz vorne dabei zu sein. Und beim traditionsreichen Kasseler Möbelhaus Schaumann trat Lena Schaumann dafür an, das Familienunternehmen zu digitalisieren. Sie hatte zuvor für die Samwer-Brüder bei Rocket Internet gearbeitet hat. Entstanden ist die Plattform lumizil.de rund um Möbel und Wohnaccessoires; ein ganz neues multichannel-fähiges Geschäftsmodell.

Die Zeit ist reif: Genau solche jungen Leute brauchen die Familienunternehmen jetzt! Sie tun gut daran, die NextGen früher in die Verantwortung zu lassen, als das vielleicht die Generationen vor ihnen getan haben. Wer ein Familienunternehmen voranbringen will muss, inspirieren – und muss vorangehen. Das können die NextGens.

Zum Autor Dominik von Au:

"Wer die neuen Unternehmer weiterbringen will, muss sie inspirieren. Und vorangehen." Dr. Dominik von Au macht die NextGen in Familienunternehmen future-ready. Dafür ist er zum einen der Geschäftsführer der INTES Akademie für Familienunternehmen. Sein Fokus hier, mit dem Gespür für die Dynamiken im Gesellschafter-Kreis: Zukunft schaffen mittels einer Familienverfassung für die ganze Inhaberfamilie und der strukturierten Regelung der Nachfolge. Zum anderen ist er dafür Partner und Family-Governance-Leader bei PwC. Sein Fokus hier, mit der Zahlen-Daten-Fakten-Expertise: Zukunft schaffen, damit unternehmerisches Wachstum profitabel gelingt und die Unabhängigkeit weiterhin gesichert bleibt.  DvA lebt und atmet NextGen – nach seinen Regeln, humorvoll, immer auf Augenhöhe. Er ist im Präsidium der Kommission Governance Kodex für Familienunternehmen, zudem Mitglied der Jurys zur Wahl des "Familienunternehmers des Jahres" und des "Berenberg-Preises für unternehmerische Verantwortung". Für seine eigene Future-Readiness ist er in Bayern familiär geerdet und in der Welt zuhause. Sein Leitsatz: "Der Wandel ist krass. Packen wir ihn radikal an!" Dr. Dominik von Au ist außerdem Co-Autor des Debattenbuchs "f.cube – So sichern Sie die Zukunft Ihres Familienunternehmens".

Veröffentlicht am: 04.09.2019

 

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