Vom Unsinn mit dem Sinn

Die Purpose-Maschinerie

„To inspire and nurture the human spirit“. Wow! Was für ein Purpose! Wer inspiriert und nährt den menschlichen Geist? Kant, Hegel, eine neue Weltreligion? Nein. Starbucks. Oder: „We re-imagine fashion for the good of all“. Wer kümmert sich um unser aller Wohl? Der Wohlfahrtsstaat? Die Caritas? Nein. Zalando. Selbst Daimler Financial Services verkauft scheinbar keine Autos mehr, sondern verspricht: „We move you.“ Daimler rührt uns – zu Tränen? Warum?

Sinn machen, wo keiner mehr ist

Ein flotter Purpose dient – neben der Weltrettung – zwei guten Zwecken. Erstens: Menschen zu erklären, was in Zeiten des Post-Kapitalismus oft nicht mehr erklärbar ist, was viele zunehmend als sinn-depriviert empfinden und was sie immer weniger mit Überzeugung tun: ihre Arbeit. Zweitens scheint so ein Purpose ein perfekter Recruiting- und Retention-Köder in Zeiten des galoppierenden Fachkräftemangels.

Was für ein Glück, dass die wenigsten Verantwortlichen die wissenschaftliche Grundlage so eines Purpose überprüfen. Denn es gibt keine.

Das macht alles keinen Sinn

Zwei für nicht-theologische Sinnfindung zuständigen Wissenschaften, Philosophie und Psychologie, konnten in teils Jahrhunderten der Forschung nie einen Sinn finden, der funktionieren würde – wenn er, wie der Purpose, von außen vorgegeben wird. Albert Camus, als Vertreter der Philosophie, schrieb zum Beispiel einen Bestseller rund um sein Statement:

„Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.“

Obwohl der Purpose, den die missgünstigen Götter ihm von oben aufgepfropft hatten, genau das Gegenteil verordnete: ewige Verdammnis und Strafe. Sisyphos verwirft den göttlichen Purpose und findet deshalb Sinn und Erfüllung in seiner Arbeit. Eben weil er nicht dem vom Götter-CEO vorgegebenen Purpose folgt, sondern seinen eigenen Sinn findet, der da lautet: „Ich bin der Kerl, der diesen mächtigen Felsblock jeden Tag den Berg hoch wuchtet. Ein echter Champion!“

Und genau das sagt auch der berühmte Psychologe Viktor Frankl, der darauf die Logotherapie aufbaute: „Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden.“ Und zwar von jedem einzelnen Menschen. Ein Purpose dagegen ist Massenware – oder quasi-religiöse Überhöhung eines Leitbildes, die individuell keinen Sinn machen kann.

Ergo: Sinn vorgeben ist Unfug …

… aber bequem. Warum bequem? Weil einen Purpose zu postulieren so viel einfacher ist, als jedem Mitarbeiter, jedem Manager und jedem Kunden dabei zu helfen, seinen eigenen persönlichen Sinn in Arbeit und Leben zu finden.

Unverschämt ist lediglich: Das machen einige Unternehmen schon! Nicht alle. Nur die besten. Sie haben vielleicht keinen eingängigen Purpose, aber dafür etwas anderes, das Berater ebenfalls wunderbar vermitteln können: Ein Führungsleitbild und eine Führungskultur, die moderne, individuelle Sinngebung postuliert und praktiziert. Es bedeutet, den Menschen hinter dem Mitarbeiter zu entdecken. Aber nicht im Sinne der New Work-Bewegung als Freund, sondern als Individuum mit ganz eigenen fachlichen Stärken und Bedürfnissen. Die Frage ist: Wie findet es Sinn?

Macht Arbeit Sinn?

Auch das hat die Wissenschaft längst herausgefunden, zum Beispiel in Form des Job Characteristics Models von Hackman und Oldham. Danach macht tatsächlich jede Arbeit Sinn, sofern sie als Ganzes oder in wesentlichen Teilen die folgenden fünf Voraussetzungen erfüllt:

Sie ist vielfältig und bedeutsam, kann von vorne bis hinten und relativ autonom ausgeführt werden und sie bietet Feedback.

Jeder dieser fünf Faktoren steigert die Sinnhaftigkeit – deutlich stärker als jeder Purpose. Sinn findet ein Mensch immer nur wie Sisyphos: In einer konkreten Aufgabe durch die konkrete Anwendung seiner konkreten Kompetenzen. Denn diese allein ermöglichen eine erfüllende, befreiende Arbeit, die Resultate zeigt. Das und nur das gibt Sinn und macht daher Sinn.

Zuständig für Sinn

Daher ist Sinn nicht die Aufgabe von Marketing, sondern von HR und Führungskräften. Sie allein können Sinnvermittler sein, respektive werden. Wenn sie wollen. Indem sie ihren Mitarbeitern den Rücken freihalten und sinnfreundliche Arbeitsbedingungen gewährleisten. Indem sie Mitarbeiter zum Beispiel freihalten von zeitraubenden Machtspielchen und bürokratischem Admin-Kram, der sie lediglich von der „eigentlichen Arbeit“ abhält, die allein Sinn stiften kann.

Warum ist Kompetenz so sinnstiftend? Weil sie Wirksamkeit garantiert. Und wo kann Wirksamkeit en masse erzielt werden? Bei den Kunden des jeweiligen Unternehmens. Wer Kundenwünsche kraft eigener Kompetenz erfüllt, erfährt Sinn – und tut gleichzeitig etwas für seine Leistungszahlen, für seinen Chef und sein Unternehmen. Und alle haben etwas davon. Jedenfalls mehr als von einem Purpose.

Über Ingo Hamm

Prof. Dr. Ingo Hamm war jahrelang McKinsey-Berater, arbeitete danach in einem internationalen Konzern und folgte schließlich seinem forscherischen Freiheitsdrang: Heute ist er Professor für Wirtschaftspsychologie. Er hat zahlreiche Bücher publiziert und unterstützt als Berater den stetigen Wandel in Organisationen. Sein aktuelles Buch heißt „Sinnlos glücklich. Wie man auch ohne Purpose Erfüllung bei der Arbeit findet.“

Der Newsletter der Consultingbranche

News +++ Jobs +++ Whitepaper +++ Webinare

Über CONSULTING.de

consulting.de ist das zentrale Informationsportal für Unternehmensberatungen. Unser breites Informationsangebot rund um Consulting richtet sich sowohl an Management- und Strategieberatungen, Personalberatungen, Controlling- und Finanzberatungen, Wirtschaftsprüfungen, Marketing- und Kommunikationsberatung und IT-Beratungen als auch deren Kunden aus Industrie, Handel sowie Dienstleistung.

facebook twitter xing linkedin linkedin