Wahrheit & Weitblick oder: Warum noch externe Beratung?

Schwarzmanns Horizont - Kolumne von Oliver W. Schwarzmann

Externe Unternehmensberatung – wichtig oder unnötig? Wirtschaftsdichter und Zukunftsbeobachter Oliver W. Schwarzmann hat sich umgehört und seine Schlüsse gezogen.

Wahrheit_Weitblick_Beitrag (Bild: Schwarzmann) | CONSULTING.de

Gemischte Erwartungen

Ja, zugegeben, das ist keine neue Frage.
Eigentlich eine, die sich schon immer gestellt hat.
Gerade heute wieder, wo ja scheinbar Algorithmen alles richten.  
Fragen wir also erneut:
Ist Beratung wirklich so wichtig, wie sie sich selbst nimmt?
Und:
Ist Beratung tatsächlich so gut, wie sie selbst von sich denkt?

Die beiden Fragen habe ich vielen Unternehmern gestellt.
Und die Antworten fielen – erwartungsgemäß - unterschiedlich aus.
Manche halten Beratung schlicht für überflüssig, andere für unverzichtbar.
Die Gründe reichen von wahrem Interesse über ein gesetzliches Muss bis hin zu Kostensenkung, Selbstbestätigung sowie Rechtfertigungs - und Alibi-Aktionen.

„Oft werden Probleme einfach hochgekocht oder erfunden, um Beratung als Lösungsverheißung verkaufen zu können“, sagen Kritiker.
„Bei der Regelungs- und Haftungsdichte kommst du ohne Beratung nicht mehr aus“, vermelden andere.
„Die verstehen meinen Laden nicht“, rufen einige.
Oder meinen: „Nix Neues, lediglich Tonnen von Papier produziert“.
Auch gehört: „Fach-Geschwurbel und nerviges Anglizismen-Gelaber.“
Gar Harsches: „Schöne Präsentationen. Ansonsten nur Geld verbrannt.“

Wie so oft im Leben, entscheidet in Wirklichkeit nicht die Leistung, sondern die Erwartung über den Wert des Erfolgs.

Warum doch und was nicht

Klar ist, Beratung kann viel bewirken, unternehmerische Verantwortung abnehmen kann sie nicht.
Und: Beratung wird nie kompensieren können, was versäumt wurde. 
Zudem: Auch Beratung kann irren.

Nun, ich sehe beim Schreiben der Kolumne das Bild des klugen und weisen Ratgebers vor mir, nicht das des eigeninteressengetriebenen Souffleurs.
Das für mich wirkliche Argument für eine Beratung ist zudem ein klassisches - der Blick von außen.
Eine andere Perspektive, eine neue Sichtweise, ja, das erweitert & bereichert den eigenen Blickwinkel.
Denn nicht nur Liebe macht blind, sondern auch Erfolg, Routine und Herdentrieb.

Aber die Welt bleibt nicht stehen

Ganz und gar nicht.
Die zunehmende Komplexität spielt vor allem den weitblickenden, objektiven, vernetzt denkenden & ideologiefreien Beratern in die Hände, andererseits haben Unternehmen zigfache Zugänge zu Informationen.

„Wo man früher fragen musste, googelt man eben heute“, so das Argument vieler Mittelständler.
Sich vom Internet was zusammenzureimen, kann ins Auge gehen, das wissen alle, die schon mal nach Krankheitssymptomen gesucht haben.
Ok, aber es gibt dennoch heute viel Know-how für lau, entsprechende Tools sind schnell heruntergeladen und schlaue Algorithmen besorgen den Rest.
Da mithalten zu wollen, kann nicht die Zukunft von Beratung sein.

Externes macht nur Sinn, wenn es etwas bietet, dass der Kunde nicht hat und sich auch selbst nicht beschaffen oder aneignen kann.
Eine Binsenweisheit, schon klar, trotzdem entscheidend.
Aber: Gibt es so was überhaupt?

Nun, bei der heutigen Transparenz zieht das Fachliche nicht mehr wirklich.
Hier gewinnt nichts Klassisches mehr, also: keine Analyse, kein Wissens-Transfer, keine Methoden, keine Dokumentationen, keine Tools. 

Was dann? Wahrheit & Weitblick

Unternehmen agieren heute in einer bewegten, sich schnell verändernden, unüberschaubaren, unklaren & risikoreichen Welt.

Sie müssen sich schnell anpassen, sich selbst im Handumdrehen neu erfinden und nicht nur den eigenen Laden, sondern die ganze Welt im Blick behalten.
Wissen ist zwar reichlich vorhanden, oft jedoch zu viel und unüberschaubar.

Was Unternehmen brauchen, sind übergreifende, globale & kreative Impulse, aus denen eine „praktikable Orientierung“ erwächst - etwas, das ich „Realisierungs-Weitblick“ nenne.
Themen, Trends, Prognosen & Strategiemodelle sind zwar spannend, aber es geht heute vielmehr darum, unmittelbar „das nächst Mögliche“ zu erkennen und umzusetzen – ohne das große Ganze aus dem Blick zu verlieren.

Dabei erfindet sich die Welt nicht immer neu, das ist ein Fortschritts-Mythos, sie verändert sich einfach, kombiniert Bestehendes, mutiert.
Und da hilft wieder Klassisches: Erfahrungen.
Erfahrungen, die das Unternehmen noch nicht gemacht hat und die deshalb den eigenen Horizont erweitern.

Wohin soll das führen?

Das Ziel ist die Stärkung der „Selbsterkenntniskräfte“ des Unternehmens.
Also die Fähigkeit, selbst Lösungen für Probleme zu finden, anpassungsfähig zu            sein – und vor allem, die eigenen Möglichkeiten zu erkennen.

Letzteres versetzt Unternehmen in die Lage, sich ständig aus sich selbst heraus entwickeln und erfinden zu können, also existenziell innovativ zu sein.  
Heißt: Nicht anfällig zu sein bei Veränderungen, im besten Fall: unabhängig zu werden von äußeren Einflüssen, weil man stets Alternativen hat.
Agieren ohne Druck von außen.  
Etwas, das ich mal „Zukünftigkeit“ genannt habe. 
Und selten ist.

Dazu kann Beratung beitragen - nicht nur mit ihrem (Realisierungs-)Weitblick, sondern hier mit einem weiteren Klassiker: der Wahrheit. 
Denn dieser verschließen sich so manche Unternehmen äußerst gerne – und folgen ihrer eigenen zurechtgelegten Wirklichkeit.
Fatal, viele leben in abgeschotteten Realitäten, ihre selbstgewählten und gepflegten Blasen bestätigen sie, gesehen wird nur noch, was gesehen werden will.

Sich für die Zukunft entdecken

Die Selbsterkenntnisfähigkeit liegt dabei oft bei null, was Innovation zur Schein-Innovation oder zur kaschierten Wiederholung von Hergebrachtem macht.
Möglichkeiten werden nicht gesehen und nicht entwickelt.
Unternehmen reden sich ein, alles gehe so weiter wie bisher, sie schielen lediglich auf die Konkurrenz, die genau dasselbe macht.
Agiert wird nur auf äußeren Zwang.
Nun, Probleme entstehen nicht einfach so – sie sind übersehene Möglichkeiten.

An diesem Punkt – wir tun, was wir immer getan haben, so lange, bis man uns zwingt, etwas daran zu ändern - stehen viele Unternehmen.
Das hat Corona mehr als deutlich gemacht.
Und die neue Normalität soll bitte schön wieder dahin zurückführen.
Zur bewährten Bequemlichkeit.

Ich denke, es braucht sehr viel externe Beratung.
Als Weckruf.
Für Unternehmen.
Um ihnen zu zeigen, wie sie sich für die Zukunft entdecken.
Das wäre dann tatsächlich für alle etwas Neues.

Über den Autor

Oliver Schwarzmann (Bild: Schwarzmann)
Oliver W. Schwarzmann ist „der Banker, der zum Poeten wurde“. Als Wirtschaftsdichter und Zukunftsbeobachter schreibt er Weisheiten, Kolumnen und Geschichten über Wirtschaft, Unternehmen, Menschen. 

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