Wasch mich, aber mach mich nicht nass – Ein Plädoyer für mehr gelebte Agilität

Edgar Ehlers

Gäbe es einen Wettbewerb zum Trendwort des Jahres in der Arbeitswelt - die letzten Wahlen hätte "Agilität" ganz oben auf dem Siegertreppchen gestanden. Seit einiger Zeit möchte jedes Unternehmen agil sein: Chefs buchen Coaches, kaufen neue, bunte Möbel und bestellen Post-its in allen Regenbogenfarben. Agil soll es sein, schnell und effektiv, denn das verspricht rapidere Prozesse und mehr Gewinn. Dass diese Rechnung in den meisten Fällen nicht aufgeht, zeigen zahlreiche gescheiterte Beispiele.

Edgar Ehlers

Agilität: jetzt und gleich 

Agilität funktioniert eben nicht als Dekret, angeordnet durch den Obersten, durchgeführt durch die Mitarbeiter. Denn genau dieses Arbeitskonzept ist das, was nach einer (erfolgreichen) Umstellung auf agile Methoden nicht mehr existiert.

Agilität muss gelebt werden und scheitert oft an denen, die es gewohnt sind, dass ihnen Gehorsam geleistet wird: den Führungskräften. Was auch dem fehlenden Vertrauen in die Mitarbeiter geschuldet ist, entwickelt sich dabei schnell zum Worst Case Szenario und verschlingt im schlimmsten Fall Unsummen an Firmengeldern.

Studienlage

Doch auch abseits des Finanziellen zahlen unagile Bosse, die mit neuen Werten eben mal ihre Firma optimieren wollen, sich dafür aber keinen Zentimeter vom bequemen Chef-Sessel erheben wollen, einen hohen Preis. Der Gallupp Engagement Index 2018 , eine großangelegte Studie der Gallupp Organization, eines der führenden Markt- und Meinungsforschungsinstitute, zeigt dies eindrucksvoll: 

Demnach fühlt sich in Deutschland mit 29 Prozent nur ein kleiner Anteil der Arbeitnehmer emotional mit seinem Arbeitgeber verbunden, ein Siebtel hat innerlich bereits gekündigt. Laut der Studie bedingen sowohl autoritäre Führungsstile als auch unagile Unternehmenskultur diese Punkte. Es besteht also ein deutlicher Zusammenhang zwischen motivierender Führung und Grad der Mitarbeiterbindung. 

Unternehmen sollten diese Zahlen aufhorchen lassen. Mangelnde Verbundenheit geht automatisch mit weniger Engagement und Motivation einher. Die Gallupp Organization liefert auch hier Zahlen: Nur 22 Prozent aller befragten Mitarbeiter stimmten der Aussage "Die Führung, die ich bei der Arbeit erlebe, motiviert mich, hervorragende Arbeit zu leisten" zu. Dabei kamen bedeutsame Unterschiede ans Licht: Die emotional gebundenen Mitarbeiter bestätigten die Aussage nämlich mit überdurchschnittlichen 54 Prozent, während von den Mitarbeitern, die angaben, überhaupt nicht mit ihrem Arbeitgeber verbunden zu sein, nur drei Prozent zustimmten. Außerdem beklagten sie, dass die Führungskräfte ihre emotionalen Bedürfnisse übersehen.

Diese Ergebnisse sind bei weitem nicht die ersten dieser Art. Auch Google wies im Rahmen mehrerer großangelegter Studien bereits darauf hin, dass psychologische Sicherheit und Teamwork die Schlüsselfaktoren für zufriedene Mitarbeiter und eine gut funktionierende Arbeitsumgebung sind. 

Führen statt regieren

Führungskräfte müssen sich deshalb einmal mehr bewusst werden, dass sie diejenigen sind, die durch ihr Verhalten einen erheblichen Einfluss auf die Unternehmenskultur haben. Denn emotionale Bindung wird im unmittelbaren Arbeitsumfeld erzeugt.

Gerade auf Grundlage solcher Studien sollten Manager sich für eine allumfassende Einführung von Agilität entscheiden. Am Anfang steht dabei zunächst die Teamentwicklung und Kommunikation als Schlüssel. Führungskräfte, die ihre Mitarbeiter in den Agilitätszirkus treiben, aber selber unter dem Motto "Wasch mich aber mach mich nicht nass" weiterhin auf der Zuschauertribüne residieren, sind ein absolutes No-Go!

Nun stellt sich die Frage: Wenn es doch so viele Studien mit sehr eindeutigen Ergebnissen gibt, weshalb scheitern dann regelmäßig Firmen am New Work Konzept? Wie viele Studien sollen noch entstehen, bevor der schmerzhafte Lernprozess durch den wissensbasierten abgelöst wird? Eine Antwort steht noch aus.

Effizienz und Schnelligkeit sind der Treibstoff unserer Epoche. Doch um langfristig die Überholspur zu befahren macht es manchmal Sinn, einfach kurz stehen zu bleiben.

Es ist längst an der Zeit, dass Chefs den Glanz ihres Zepters dafür verwenden, ihren Mitarbeitern den Weg zu leuchten, nicht zu herrschen. 

Veröffentlicht am: 04.12.2019

 

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