Wie es euch gefällt! – Agile Arbeitszeit im Consulting

Dagmar Hebenstreit, Agileus Consulting

Die Zahl der Urlaubstage selbst bestimmen? Mehr Urlaub als 30 Tage? Die Agileus Consulting hat vor sechs Jahren ihr Arbeitszeitmodell deutlich verändert. Mitgründerin Dagmar Hebenstreit schreibt über ihre Erfahrungen mit einem für die Consultingbranche ungewöhnlichen Weg.

Dagmar Hebenstreit von Agileus Consulting

Dagmar Hebenstreit, Mitgründerin von Agileus Consulting (Bild: Agileus Consulting)

Unsere Berater-Branche hat nicht den besten Ruf, wenn es um die viel zitierte Work-Life-Balance geht. Die Negativ-Assoziationen reichen von Knochenmühle über unbezahlte Überstunden bis hin zu durchgearbeiteten Nächten. Familie, Freunde, Freizeit? Keine Zeit! So weit das Berater-Klischee. Wir bei Agileus machen es anders: Unsere Mitarbeitenden entscheiden selbst, wie viel sie arbeiten wollen – und es funktioniert! 

Warum wir diesen Weg gehen? Weil wir selbst diese Knochenmühle erlebt haben und uns dachten „das geht auch anders.“ Und weil wir es müssen: Immer weniger gut qualifizierte Personen im Arbeitsmarkt haben Interesse an der Beratung, dabei suchen wir händeringend Kolleginnen und Kollegen. Wir sind überzeugt, dass moderne Beratung mit zukunftsorientierten Themen, wie wir sie anbieten, auch intern modern und zukunftsorientiert aufgestellt sein muss. Das drückt sich für uns in erster Linie in unserem Umgang mit unseren Kollegen aus. Uns ist es wichtig, unseren Beratern möglichst viele Freiheitsgrade einzuräumen, um neben dem stressigen Berufsalltag „Beratung“ dennoch Zeit für Familie, Freunde und eigene Interessen zu haben. Zeit ist nun einmal das kostbarste Gut – auch für unsere Mitarbeitenden! 

Was machen wir anders? 

Zwei Punkte machen unser Arbeitszeitmodell zu etwas Besonderem: Erstens beteiligen wir unsere Mitarbeiter von Tag 1 an ihren Umsätzen. Und zweitens können unsere Mitarbeiter selbst entscheiden, wie viel Urlaub sie machen möchten. Natürlich stellt sich gerade bei Punkt 2 die Frage, wie das in der Praxis umsetzbar ist, wenn wir Kundenprojekte planen und teilweise auf zwei Projekten parallel arbeiten, also eine Vielzahl zeitlicher Abhängigkeiten haben. Hier setzen wir, ganz dem agilen Mindset folgend, auf die Eigenverantwortung und Selbstorganisation unserer Kollegen. 

Klar ist, dass Abwesenheiten immer zum Projekt passen müssen und nicht von heute auf morgen möglich sind. So lässt sich eine längere Urlaubszeit also optimal an ein abgeschlossenes Projekt anschließen. Bei normalen Urlaubszeiten von ein oder zwei Wochen liegt es ebenso in der Verantwortung unserer Mitarbeiter, diese Abwesenheit mit ihren Ansprechpartnern im Projekt abzustimmen, sich diesen Zeitraum freizuräumen und für eine eventuelle Mitigation von anfallenden Themen zu sorgen. Nach fast sechs Jahren Erprobung dieser Vorgehensweise ist es bis heute noch kein einziges Mal zu Problemen im Projekt oder gar Unzufriedenheit bei unseren Kunden gekommen.

Ich denke, dass allein die Freiheit selbst entscheiden zu können, wie viel Freizeit ich brauche, eine große Motivation für unsere Mitarbeiter darstellt. 

Punkt 1 klingt nach einem sehr extrinsisch geprägten Motivator – allerdings ist er das nur zum Teil. Meiner Erfahrung nach arbeiten die meisten Beratungen mit prozentualen variablen Anteilen. Das Geldverdienen macht dann aber in der Regel erst richtig Spaß, wenn ich 180 Tage+ verkaufe. Begleiterscheinung ist der Kampf um die Verteilung von abrechenbaren Tagen, da Pakete mit nur grob beschriebenem Inhalt verkauft werden (genaue Leistungsanforderungen stellen sich meistens erst während des laufenden Projekts heraus). Um dem entgegenzuwirken, setzen wir auch beim Thema Gehalt und Leistung auf volle Transparenz. Unsere Mitarbeiter beziehen ein Grundgehalt und werden gestaffelt prozentual an ihren eigenen Umsätzen beteiligt. Eine Mindestanzahl an zu leistenden Tagen ist dabei Voraussetzung, damit es sich für beide Seiten rechnet. Dabei erzielen wir auch wieder eine hohe Flexibilität für unsere Kollegen:

Wer mehr Urlaub machen möchte, kann sich selbst ausrechnen, wie viel Gehalt er zum Monatsende auf dem Konto hat und wie er diese beiden Faktoren ausbalancieren möchte.

Die Abrechnung erfolgt über das Jahr verteilt, sodass es zum Jahresende keine böse Überraschung gibt. Wir möchten nämlich auch in diesem Punkt mit offenen Karten spielen.

Mit diesem Modell sind die drei wichtigsten Punkte einer guten und langfristigen Zusammenarbeit erfüllt: Transparenz, Freiheit und Planbarkeit. Wahrscheinlich fragen Sie sich jetzt, ob Sie Ihren Mitarbeitern ein solches Modell zutrauen können. Das ist die falsche Frage. Die Richtige lautet: Trauen Sie es sich als Unternehmen zu?

Über Dagmar Hebenstreit

Dagmar Hebenstreit von Agileus Consulting
Dagmar Hebenstreit ist Mitgründerin von Agileus Consulting. Sie ist Beraterin und Agile Coach mit internationaler Erfahrung und einer Passion für Kommunikation und Veränderung. Für die Agileus Consulting kümmert sie sich um die Themen HR, Marketing und neue Entwicklungsfelder. Als Mitglied der Organisation Healthcare Shapers setzt sie sich mit der Fragestellung auseinander, wie Agilität verstärkt in der MedTech Einzug halten kann. 

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