Wie geht es dem Beraternachwuchs denn so?

#1Blick vom Beratungsforscher

Wie ist die Stimmung beim (potentiellen) Consulting-Nachwuchs? Wie denkt er? Welche Erwartungen hat er an die Branche? Antworten auf diese Fragen sind für das Recruiting relevant, um passende Kandidatinnen und Kandidaten gezielt zu gewinnen. Eine Betrachtung des vorherrschenden Karriere-Klimas bei Hochschulabsolventen kann die Aufgabe unterstützen. Dieser #1Blick zeigt, wie es geht und erläutert aktuelle Ergebnisse.

 Viele Studierende - hier zwei Studierendenvertreter - haben aufgrund der Corona-Pandemie schwierige Semester hinter sich. Wie ist ihr Blick aktuell auf die Consultingkarriere und die Zukunft? (Bild: picture alliance/dpa | Ole Spata)

Recruiting: Schon immer wichtig; jetzt noch mehr

Consulting ist ein „People Business“ und hat seit jeher der Personalgewinnung viel Wert beigemessen, da mit dieser Ressource der Grundstein für die Umsetzung der individuellen Geschäftsmodelle gelegt wird. Ein prominentes Beispiel für eine sehr spezifische Einstellungspolitik stellt McKinsey & Company dar. Hier wurde früh in der Firmengeschichte sehr strikt auf MBA-Absolventen fokussiert. In Deutschland hat beispielsweise die Unternehmensberatung von Roland Berger genau darauf geachtet, dass ihre Consultants in der Lage waren, einen generalistischen Beratungsansatz umzusetzen.

Während die größte Herausforderung zunächst und für lange Zeit darin bestand, neue Mitarbeitende für die junge und noch recht unbekannte Profession zu begeistern, wurde es später wichtig, aus der Vielzahl von vorliegenden Bewerbungen die besten Kandidatinnen und Kandidaten für die wenigen freien Stellen auszuwählen. Aktuell scheinen die Beratungsunternehmen mit der Situation konfrontiert zu sein, die notwendige große Zahl an passenden neuen Mitarbeitenden einstellen zu müssen (siehe die Headlines in der Form „ABC stellt XYZ neue Consultants ein“, zum Beispiel hier, um Kundennachfragen bedienen (siehe die Kolumne zum Personalmangel von Jörg Hossenfelder) und da Consulting-Geschäftsmodell weiter aufrechterhalten (siehe den #1Blick „Hund beißt Mann“) zu können.

Für die Bewältigung dieser Herausforderung ist es hilfreich zu wissen, wie junge, potentielle Consultants auf die Branche und ihre Einstiegsmöglichkeiten schauen und zu verstehen, wie sie „ticken“.

Consulting-Career-Climate – Der Bauplan

Das Consulting-Career-Climate setzt hier an und ermittelt ein branchenspezifisches Stimmungsbild bei Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern. Gemeinsam mit dem Karrierenetzwerk Squeaker wurde das Instrument im Jahr 2020 pilotiert und seit 2021 werden quartalsweise Erhebungen durchgeführt.

Das Konzept des Consulting-Career-Climate orientiert sich am bekannten Geschäftsklimaindex des ifo Instituts. Dort werden zunächst Einschätzungen zur aktuellen Geschäftssituation sowie zu den Erwartungen von Unternehmen erhoben. Daraus wird anschließend das Geschäftsklima ermittelt, welches wiederum von vielen Unternehmen und Organisationen für verschiedene Planungen und Entscheidungen genutzt wird. Der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater BDU e.V. ermittelt in ähnlicher Weise das Geschäftsklima für die Consulting-Branche.

Das Consulting-Career-Climate schließt eine Lücke und bietet eine komplementäre Sicht an, wenn Consulting-affine (angehende) Hochschulabsolventinnen und -absolventen sowie Young Professionals in den Blick genommen werden. Sie geben zunächst vier Einschätzungen ab:

  • Aktuelle persönliche Job-Situation im Consulting?
  • Aktuelle Situation der Branche insgesamt?
  • Erwartete persönliche Job-Situation im Consulting in 6 Monaten?
  • Erwartete Situation der Branche insgesamt in 6 Monaten?

Die Fragen zur heutigen Situation können mit (sehr) gut, neutral oder (sehr) schlecht beantwortet werden. Für die Fragen zur Erwartung steht zur Auswahl, dass sich die Situation (stark) verbessern, dass sie gleichbleiben oder sich (stark) verschlechtern kann, so dass der Ausblick dann optimistisch, neutral oder pessimistisch ist. Aus den Ergebnissen der guten und schlechten Ist-Einschätzungen sowie der optimistischen und pessimistischen Erwartungen werden jeweils Saldenwerte gebildet, um das Bild der aktuellen Lage und den Ausblick zu formulieren. Der Mittelwert hieraus aggregiert dann als Consulting-Career-Climate-Index alles punktgenau in einer einzigen Kennzahl.

Für Beratungen auf der Suche nach neuen Consultants mag aber nicht nur der hochkonzentrierte und damit vielleicht unterkomplexe Indexwert von Interesse sein, sondern die differenziertere Darstellung der vier Einzelwerte (also: Einschätzungen zur persönlichen bzw. zur Branchensituation heute sowie in sechs Monaten), um im Recruiting die Stimmungslage der Bewerberinnen und Bewerber zu treffen und ihre (impliziten) Erwartungen an die einstellenden Unternehmen ansprechen zu können.

Die Stimmung

In der jüngsten Befragung zum Jahresende 2021 schätzen gut 45 Prozent der Teilnehmenden ihre eigene Situation als gut oder sehr gut ein, 50 Prozent verhalten sich neutral und knapp 5 Prozent bewerten die Lage als schlecht oder sehr schlecht. Der Saldo zwischen guter und schlechter Lage liegt hier bei 40,5. Beim Ausblick sind über drei Viertel optimistisch, was die eigene Job-Situation im Consulting angeht. Ein knappes Viertel schaut neutral in die Zukunft und niemand hat eine pessimistische Einschätzung abgegeben. Der Saldo zwischen optimistisch und pessimistisch liegt bei 76,2. Ein verdichtetes Klima, also der Mittelwert aus aktueller Lage und zukünftiger Erwartung, liegt bei 58,3. Im Vorquartal hat die Befragung Saldenwerte von 52,8 für die aktuelle Lage und 77,8 für die Erwartung gezeigt; der Mittelwert lag bei 65,3.

Die aktuelle Situation der Consulting-Branche wird in der Befragung von über 80 Prozent der Teilnehmenden als gut oder sehr gut, von knapp 17 Prozent als neutral und nur von gut 2 Prozent als schlecht eingeschätzt (Saldo: 78,6). Der Ausblick für die Branche ist jedoch etwas zurückhaltender: zwei Drittel waren optimistisch, ein Drittel neutral, niemand war pessimistisch (Saldo: 66,7). Der Klima-Mittelwert als verdichtete Kennzahl aus den beiden Salden liegt bei 72,6.

Die Abbildung veranschaulicht dies nochmal. Das Koordinatensystem zeigt auf der Abszisse die Beurteilung der aktuellen Lage und auf der Ordinate die Beurteilung der Erwartung. Theoretisch denkbar sind hier jeweils Werte von -100 bis +100. Für die Einschätzung der individuellen Sicht (dunkle Punkte) sowie der Branchenperspektive (helle Punkte) sind für jede Befragungswelle die Ergebnisse abgetragen.

Die oben beschriebenen Ergebnisse für das 4. Quartal 2021 finden sich hier wieder: Individuell – 40,5 auf der Lage- und 76,2 auf der Erwartungsachse; Branche – 78,6 auf der Lage- und 66,7 auf der Erwartungsachse. Sichtbar wird ein grundsätzlicher Positivtrend seit dem Beginn der Befragungen (also seit Beginn der Corona-Krise), in dem sich die eigene Situation und die der Branche sowie die Erwartungen für beide fast durchweg verbessert haben. In der letzten Welle gab es jedoch eine Verschlechterung bei der Einschätzung zur eigenen Lage sowie eine schlechtere Erwartung für die Branchenentwicklung.

Interpretation und Auswirkungen für Beratungen

Für Beratungen, die sich im Recruiting-Modus befinden, lassen sich Hilfestellungen ableiten. (Handlungsempfehlungen für Studierende und Hinweise für den Bewerbungsprozess werden an anderer Stelle formuliert.)

In der Wahrnehmung der Studierenden geht es der Branche zwar heute besser als ihnen selbst – allerdings erwarten sie, dass sich dieses Verhältnis umkehren wird.

Consulting als Branche und damit als Arbeitgebergruppe wird als in Zukunft weniger interessant wahrgenommen.

Diese Entwicklung erscheint noch nicht kritisch, sollte aber beobachtet werden. Die Branchenwahrnehmung führt dazu, dass ein zukünftiger Consulting-Einstieg tendenziell unattraktiver gesehen wird. Um diese Entwicklung auszugleichen, sind die Absolventinnen und Absolventen eher geneigt, spezifische Anforderungen an neue Arbeitgeber zu formulieren. Die Position der Beratungen verschlechtert sich dabei – wenn auch nur leicht. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, sind die Consulting-Unternehmen gut beraten, ihre Einstellungsbemühungen zu beschleunigen und die (noch) positive Situation auszunutzen und dann die New Hires gut und eng an sich zu binden.

Über Thomas Deelmann: 

Thomas Deelmann
Professor Thomas Deelmann arbeitet seit über 20 Jahren als, mit, für und über Berater. In seiner consulting.de-Kolumne #1Blick kommentiert er Marktentwicklungen aus der Vogelperspektive und schaut hinter die Kulissen der Arbeit von Beratern und ihren Kunden. Er lehrt an der HSPV NRW, twittert @Ueber_Beratung, berät bei strategischen Fragen, ist unter anderem Herausgeber des Handbuchs der Unternehmensberatung, hat mit Prof. Dr. Andreas Krämer „Consulting – Ein Lehr-, Lern- und Lesebuch“ geschrieben und zuletzt „Die Berateraffäre im Verteidigungsministerium“ aus Consulting-Research-Sicht analysiert sowie Handlungsempfehlungen hergeleitet. 

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