Wirtschaft mit Würde - Wie anständig ist die Wirtschaft?

Grenzgänger: Kolumne von Dr. Björn Stüwe

Müssen in Unternehmen mehr Diskussionen über Ethik und Moral geführt werden? Mehr denn je, sagt unser Autor Dr. Björn Stüwe. Denn je tiefer die Wirtschaft in die Lebensräume der Menschen eindringe, desto stärker rückten Fragen wie diese in den Vordergrund. Welche Rolle dabei Verständigungsmechanismen und konstruktiv geführte Konflikte spielen, erläutert der Geschäftsführer von Stuewe Management Consulting in seiner Kolumne bei CONSULTING.de.

Dr. Björn Stüwe

Verfolgt man die Rolle der Wirtschaft im Rahmen der Auseinandersetzung zu Themen wie Klimaveränderung, soziale Nachhaltigkeit oder wirtschaftliche Verantwortung, erhält man den Eindruck, Wirtschaft und Ethik seien verbissene Gegner. Dabei fußt die moderne Ökonomie auf dem Verständnis der klassischen Nationalökonomie, nach dem es in einer Volkswirtschaft immer um das Gemeinwohl, also um das Wohlergehen einer Gemeinschaft und nicht nur um das des Einzelnen geht. Dem Einzelnen soll es dabei nicht schlecht(er) ergehen, aber das Gemeinwohl steht im Vordergrund.

Fake it till you make it

Diesem Postulat scheint die Wirtschaft aktuell nicht mehr verpflichtet zu sein. Dieselskandal, Opioid-Krise in den USA, Datenmissbrauch durch die Digitalkonzerne oder durch die Sportindustrie gefördertes Doping lassen an der ethischen Komponente in der Wirtschaft zweifeln. Allerdings wird dieser Aspekt oft gar nicht erörtert. Vielmehr wird wieder einmal diskutiert, ob die Ökonomie überhaupt eine ethische Dimension beinhaltet bzw. eine moralische Position beziehen soll. Wer bezahlt, hat Recht und für die Moral sind andere zuständig. Besonders deutlich wird dieser Aspekt, wenn sich Unternehmenslenker wie z. B. der Siemenschef Joe Kaeser zu Themen wie sozial-moralischer Verantwortung äußern. Bezieht man in diesen Fragen Position, wird einem schnell vorgehalten, dass man wirtschaftliche und moralische Aspekte nicht vermengen sollte. Diese Ebenen seien zu trennen, sonst habe das wirtschaftliche Konsequenzen, wie der aktuelle Konfliktfall zwischen der NBA und China zeigt.

Die Wirtschaft als fundamentaler Pfeiler einer Gesellschaft kann sich aber nicht in einem wertfreien Raum verorten. Sie muss sich allein aufgrund ihres enormen Einflusses auf den Alltag der Menschen am moralischen Diskurs beteiligen. Ein besonderer Aspekt des moralischen Diskurses im wirtschaftlichen Kontext ist dabei die Unterscheidung zwischen Legitimität und Legalität. Nicht alles, was illegal ist, wird auch als illegitim angesehen und es gilt als legitim, die legale Grundlage solange zu umgehen, zu biegen und auf Lücken zu durchsuchen, bis man den besten Weg für sich gefunden hat. Der Trumpsche Anstandsverlust und die Lüge als Marketing-Tool sind salonfähig geworden und oft werden die Konsequenzen auf dem Rücken der Verbraucher ausgetragen. Betrügerisch manipulierte Automobile, tödliche Lebensmittel, kontaminierte Kleidung oder süchtig machende Schmerzmittel sind nur einige Beispiele für verantwortungslosen Umgang mit dem Wohlergehen der Käufer. Und es geht nicht darum, dass z. B. Schmerzmittel süchtig machen können, sondern wie die Anbieter dieser Schmerzmittel mit diesem Thema umgehen. Sich seiner Verantwortung bewusst zu sein und entsprechend verantwortungsvoll und integer zu handeln, ist die moralische Verpflichtung für Unternehmen. 

Moralische Verantwortung von Unternehmen

Und diese Integrität wird immer entscheidender: je tiefer die Wirtschaft in die Lebensräume der Menschen eindringt, desto stärker werden sich moralische Fragen im Detail auch bei der Angebotsgestaltung stellen. Darf Alexa einen Privathaushalt abhören oder "Zurückflüstern" und damit menschliche Vertrautheit suggerieren, die bei einem Roboter nicht vorhanden ist? Wen soll ein selbstfahrendes Fahrzeug im Fall eines Unfalls schützen und wen ggf. opfern? Darf eine KI-gesteuerte Software im HR-Sektor selbständig über neue Bewerber entscheiden? Diese Fragen der Leistungsgestaltung sind nicht rein leistungsbezogen zu beantworten, sondern verlangen eine moralische Wertung. Unternehmen werden in Zukunft moralische Werturteile also nicht nur im gesellschaftspolitischen Zusammenhang abgeben müssen, sondern auch im Rahmen der operativen Gestaltung ihres Leistungsangebots.

Es geht dabei allerdings nicht darum, dass man sich in der Wirtschaft global auf homogene moralische Standards einigt. Es ist mittlerweile sehr eindeutig, dass es sehr unterschiedliche Moralvorstellungen im mittleren Westen der USA, in China oder in Zentraleuropa gibt. Es geht darum, dass gerade die Verständigungsmechanismen verloren gehen, aufgrund derer moralische Diskurse geführt und Konflikte konstruktiv ausgetragen werden können. Die Frage wird also sein, ob wir uns in Zukunft unversöhnlich gegenüberstehen oder versuchen, Kompromisse zu finden, um Probleme wie Umweltschutz oder soziale Gerechtigkeit gemeinsam zu lösen. Dabei müssen wir, auch wenn es oft schwerfällt, andere Perspektiven zumindest zulassen. Die "Ich-Sie-Perspektive" auf der normativen Ebene muss einer "Ich-Wir-Perspektive" weichen, auch wenn wir den Gegenüber gar nicht mögen. Der ungarische Literat György Konrád konstatiert zurecht: "Auch mit denen, die uns nicht lieben, einen Dialog zu initiieren, ist ein Abenteuer, erwachsener Menschen würdig." Hierzu muss die Wirtschaft einen produktiven Beitrag leisten.

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