Als Frau im Consulting: Wie überleben in der Männerwelt?

Knigge für Frauen im Consulting

Wie kann ich mich als Frau in einer männerdominierten Welt behaupten? Wie reagiere ich mit Humor auf Geschlechterklischees? Sabine Lansing ist Gründerin von Knigge-Wissen und sprach mit CONSULTING.de über die besonderen Herausforderungen von Frauen, die im Consulting arbeiten.

Frauen-im-Consulting-Sabine-Lansing (Bild: snfv GmbH)

CONSULTING.de: Als Frau im Consulting ist man in der Regel in der Minderheit. Nur 25 Prozent aller Berater sind weiblich. Welche Verhaltensregeln sind in einer solchen Situation besonders wichtig?

Sabine Lansing: Wir Frauen haben schon früh intuitiv gelernt wie wir Männer um den kleinen Finger wickeln können. Den Kopf leicht schräg halten reicht in den meisten Fällen schon aus. Falls nicht, gilt als Ultima Ratio der Augenaufschlag. Aber aufgepasst: Was im privaten Miteinander funktioniert, sollten wir im beruflichen Umfeld auf keinen Fall einsetzen.

Andererseits soll es aber auch nicht heißen, dass wir Frauen "die anderen Männer" werden sollen. Ganz und gar nicht. Frauen wie Männer sollten sich bewusst sein, dass im Beruf die Geschlechter keine Rolle spielen sollten.

Entscheidend ist das professionelle Auftreten.

Was ist professionelles Auftreten? Als erstes müssen die Frauen sich Ihrer Stärken bewusst sein, ebenso um die Wichtigkeit des ersten Eindruckes. Wenn das Fremd- und Selbstbild dann noch deckungsgleich sind, steht einem professionellen Auftreten nichts mehr im Weg und sie werden sofort erleben, wie Ihr Gegenüber sie als kompetente Ansprechpartnerin wahrnimmt und wertschätzt.

Da der erste Eindruck darüber entscheidet wie das zukünftige Miteinander geprägt ist, müssen Frauen auf ein professionelles Auftreten durch Kleidung und Styling großen Wert legen. Dies gilt sicherlich auch für Männer. Doch durch die Vielfalt der Möglichkeiten bei der weiblichen Kleidung, bestehen hier eben genauso viele Fallstricke. Als Beispiele fallen einem natürlich als erstes zu kurze Röcke, oder High Heels ein, aber auch Farben, Düfte oder Accessoires spielen hier eine bedeutende Rolle. Alles nur Nebensächlichkeiten? Da gebe ich Ihnen recht, doch jeder Mensch reagiert auf Reize und damit sind nicht nur optische gemeint. Und die steuern im Unterbewusstsein unser Verhalten. Und was wir in der Partnersuche einsetzen, ist im Business fehl am Platz.

Wann heißt es "Ladies first" im Businessleben, wann nicht? Wie ist das z. B. bei der Vorstellung?

Sabine Lansing: Grundsätzlich gibt es im beruflichen Umfeld kein "Ladies first" mehr. Nicht jedem ist das bewusst und manchem – vor allem Kollegen alter Schule – gilt es als eine besondere Aufmerksamkeit, eine Frau zu bevorzugen, z. B. bei der Begrüßung.

Begrüßungen im Business verlaufen nur nach den Regeln der Hierarchie, das Alter und das Geschlecht tritt da in den Hintergrund. Nun gilt noch die Regel: Auf gleicher Hierarchieebene zählt dann das Geschlecht, also zuerst die Frau. Doch in der modernen Berufswelt richten wir uns nach den Regeln: wer kommt begrüßt den, der da ist. Die Einzelperson die Gruppe; der Einladende, den Eingeladenen und dann der Reihe nach. Und vor allem eines ist wichtig: Hauptsache grüßen, lieber "falsch" als gar nicht.

In verschiedenen Interviews, die ich geführt habe, wurde mehrmals gesagt, dass es Frauen schwerer fällt, ihre Wünsche zu formulieren und Kritik zu äußern. Sehen Sie das das auch so? Wie kann man sich dennoch als Frau durchsetzen?

Sabine Lansing: Viele Frauen suchen zuerst den Fehler bei sich, Männer finden den Fehler in der Situation. Warum das so ist? Wenn Sie das rausfinden, dann sagen Sie mir bitte Bescheid. Darüber gibt es nicht nur viele Untersuchungen und Abhandlungen, sondern noch viel mehr Ratgeber. Achten Sie mal darauf, wenn eine Frau aus einer Umkleidekabine kommt. In den häufigsten Fällen dreht sie sich von rechts nach links und umgekehrt, versucht noch den Blick auf die Rückenansicht zu erhaschen, zupft hier und da und findet womöglich noch etwas an sich auszusetzen. Männer treten aus der Kabine, stellen sich frontal vor den Spiegel und bemerken: "Passt!"

So oder so ähnlich sicherlich schon viele Male erlebt.

Und genauso ergeht es vielen Frauen bei Wünschen und Vorschlägen. Wir haben einen Wunsch oder einen Vorschlag und beleuchten den von allen Seiten, bis wir den vermeintlichen Haken gefunden haben. So vorbereitet in ein Meeting gehen oder in ein Gespräch, verliert der Wunsch seine Dringlichkeit, denn wir kennen ja schon seine Schwachstelle bzw. mögliche Einwände und die erwähnen wir dann auch noch. Wir erklären zu viel. Das dies nicht so stark wirkt, wie eine kurze und auf den Punkt gebrachte Aussage ist nachvollziehbar, oder?!

Doch sobald Frauen sich klar und knapp ausdrücken, wird uns schnell zickenhaftes Verhalten vorgeworfen. Der Grat ist nun sehr schmal. Vor allem wenn man sich aus bekannten Verhaltensmustern lösen will, um klar und deutlich zu kommunizieren. Um den Übergang zu schaffen, dazu gehört Fingerspitzengefühl. Mit einem freundlichen Lächeln, klare und sachliche Formulierungen und ein positiv formuliertes Nachfragen trägt dazu bei, unser Durchsetzungsvermögen zu stärken.

Was sind Ihrer Meinung nach die Waffen einer Frau im Consulting?

Sabine Lansing: Die gleichen wie bei den Männern: unsere Kompetenz. Aber zweifelsohne gibt es noch eher dem weiblichen Geschlecht zugesprochene Fähigkeiten, die wir nutzen können. In den vielen Jahren im Consultingumfeld habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Frauen die unglaubliche Fähigkeit haben, Probleme umfassend zu betrachtend. Zum Beispiel können sie erkennen, dass der, logisch betrachtet, beste Weg vielleicht nicht der richtige ist im Kontext mit den betreffenden Mitarbeitern.

Sie erkennen häufiger Disharmonien und können diese auch schnell und sicher analysieren. Sicherlich trifft man auch auf Männer mit diesen Fähigkeiten, aber die sind mir eher seltener begegnet.

Wie reagiert man korrekt, wenn man mit klassischen weiblichen Rollenklischees konfrontiert wird, wie z. B. dass man als Frau eine schönere Schrift hat und deshalb die Flipcharts malen muss? Oder man Protokoll führen soll, weil man das als Frau eben machen muss?

Sabine Lansing: Am besten mit Humor. Lassen Sie es nicht auf eine Konfrontation ankommen, dass hilft Ihnen nicht weiter. Aber darauf eingehen würde ich auch nicht. Meine Antwort wegen der schöneren Schrift wäre zum Beispiel: "Ach wenn Sie wüssten. Mein Mann hat mir einen Schönschreibkurs geschenkt, aber geholfen hat der leider auch nicht. Da gebe ich das Amt lieber an Sie ab."

In Kombination mit einem freundlichen Lächeln haben Sie charmant diese "Schlacht" gewonnen und sie können sicher sein, diese Frage wird ihnen in der Runde nicht mehr gestellt werden. Diese Schlagfertigkeit lässt sich trainieren.

In Zusammenarbeit mit der Humorexpertin und Schauspielerin Katrin Hansmeier haben wir das Thema Knigge und Humor unter die Lupe genommen und festgestellt, wenn der Knigge nicht mehr weiterweiß, dann rettet der Humor. Daraus ist ein ganz tolles Projekt entstanden, das kurz vor Corona Premiere hatte und schon da auf großes Interesse gestoßen ist, da wir Frauen mit Humor und Knigge viele unpassende Situationen souverän und charmant lösen können und den einen oder anderen in seine Schranken weisen können. Mehr dazu bald auf meiner Homepage.

Thema Dresscode: Welche Kleider-Philosophie sollte Frau im Consulting verfolgen? Was sollte Frau vermeiden?

Sabine Lansing: Frau wie Mann sollte sich die Frage stellen: Wie möchte ich wahrgenommen werden, worin fühle ich mich wohl und sicher? Genau auf diese Aussagen sollte der Kleiderstil ausgerichtet werden. Je kreativer der Mensch, die Aufgabe, desto mehr darf dieser Stil von der klassischen Kleiderordnung abweichen.

Doch nicht nur der eigene Stil zählt. Beachten Sie auch, für wen Sie arbeiten. In der Finanzbranche gilt noch heute die klassische Kleiderordnung, angepasst an die heutige Zeit.

Arbeiten Sie mit Kunden zusammen? Dann wählen Sie aus Ihrem Kleiderschrank die Kleidung, die zu deren Umfeld passend ist.

Frauen sollten darauf achten, nicht zu sehr die weiblichen Attribute durch Kleidung zu unterstreichen. Nicht nur wegen der Wirkung, sondern auch für das eigene Wohlbefinden. Ein Rock der im Stehen einfach nur ein kurzer Rock ist, wird in einem Meeting mit einem Glastisch zu einem zu kurzen Rock. Wir verlieren wahrscheinlich gleich an Sicherheit und Souveränität. Wir kümmern uns mehr darum, den Rock "langzuziehen" als darum, uns und unsere Idee zu präsentieren.

Das gleiche Phänomen erleben wir bei einem weiten Ausschnitt. Beugen Sie sich damit bei einem Meeting mal nach vorne, um nach einem Flaschenöffner zu angeln. Hohe Schuhe und sie gehen gemeinsam mit ihrem Kollegen oder Kunden in der Mittagspause über Kopfsteinpflaster. Jede Frau die das schon mal probiert hat weiß, wie unwohl man sich dabei fühlt. Tücher lassen uns mädchenhafter wirken. Wollen wir den Eindruck erwecken?

Offene Haare werden nach hinten gestrichen und das gilt nicht nur als unhöflich, sondern sendet weibliche Signale an männliche Kollegen aus. Eine Wirkung, die uns nicht kompetent erscheinen lässt.

Die Kleiderfrage betrifft nicht nur ihr Gegenüber, sondern hauptsächlich Sie. Es geht darum: Wie Sie sich fühlen und was vor dem heimischen Spiegel gut aussah, kann in einem anderen Umfeld schnell dazu führen, dass wir uns unsicher fühlen. Deswegen: Im Zweifelsfall bei wichtigen Terminen immer eher den vielleicht langweiligen Hosenanzug als das superschicke, aber noch nicht erprobte Ensemble wählen. Denn wenn wir uns sicher fühlen, wirken wir kompetent und souverän und genau das brauchen wir, um uns im Business zu behaupten. Frau genauso wie Mann.

Sabine-Lansing-Knigge-Wissen (Bild: snfv GmbH)
Zur Person: Sabine Lansing ist Gründerin von Knigge-Wissen. Es gibt ein Lebenslauf davor und einen danach. Der danach resultierte aus einer Gefahrensituationen, die Sabine Lansing im Vertrieb einer deutschen Schmuckmanufaktur im Ausland erlebte, die sie dazu brachte ihre berufliche Situation zu ändern. Dazu bildete sie sich zur Karriereberaterin weiter, ergänzte das mit einer Weiterbildung zur Personalreferentin und arbeitete im Bereich Outplacement für Konzerne, wie z.B. Siemens, Thyssen, Adobe, Vodafone aber auch KMUs. Doch ihre Leidenschaft war schon immer der Umgang miteinander, weshalb sie seit 2004 als Trainerin für Umgangsformen arbeitet, also Knigge. Und dabei geht es ihr nicht um veraltete Regeln, sondern darum, mit Knigge Sicherheit zu gewinnen und sich mit Menschen in der eigenen Gegenwart wohlzufühlen.

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