Deutschland, das Weder-noch-Land

Natascha Zeljko, FemaleOneZero

Deutschland hat weder einen hohen Frauenanteil in Führungspositionen – noch eine hohe Geburtenrate. In Sachen Karriere und Kinder ist Deutschland ein Weder-Noch-Land. Natascha Zeljko, Gründerin des Magazins FemaleOneZero, mit einem Aspekt, der in der Debatte um Equality selten vorkommt.

Es gab 2012 eine legendäre Titelgeschichte in „The Atlantic“ – „Why Women Still Can’t Have It All“, geschrieben von Anne-Marie Slaughter, einer amerikanischen Politologin, die mit diesem Artikel auf einen Schlag weltberühmt wurde. Zwischen 2009 und 2011 war Anne-Marie Slaughter Planungschefin im US-Außenministerium unter Hillary Clinton und schmiss ihren Top-Job in Washington hin, um mehr Zeit für ihre beiden Söhne zu haben. Die These ihrer mit Furor geschriebenen, sehr persönlichen Abrechnung: Frauen können nicht beides haben, Kind und Karriere, sie müssten sich entscheiden. Das hat – keine große Überraschung – natürlich kontroverse Debatten ausgelöst und die Genderdebatte gleich mal wieder um Jahrzehnte nach hinten katapultiert. Man könnte auch sagen: auf den Stand von Deutschland.

Während andere Länder, allen voran Skandinavien, in den letzten Jahrzehnten ein deutlicher Sprung nach vorne gelungen ist, hat sich in Deutschland immer noch nichts wesentlich bewegt (abgesehen von einer verbindlichen Quote für Aufsichtsräte von börsennotierten Unternehmen). Deutschland findet in Sachen „female“ einfach nicht die Shift-Taste. Aber es gibt noch eine weitere deutsche Besonderheit, die fast nie diskutiert wird: In Deutschland geht es auch 2020 in Wirklichkeit gar nicht um ein Entweder-Oder. Deutschland hat Weder-Noch: weder einen hohen Anteil von Frauen in Führungspositionen, noch eine hohe Geburtenrate. Das zeigen die Zahlen des „Frauen Karriere Index“ (FKi).

Frauen in Führungspositionen – im internationale Vergleich hinkt Deutschland hinterher (Quelle: Internationale Arbeitsorganisation (ILO))

„Die ganze Diskussion um die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere ist eine Sackgasse. Wenn wir uns darauf einlassen zu sagen, dass Familie die Karriere von Frauen kaputt macht, müsste das im Umkehrschluss bedeuten, dass wir ein sehr kinderreiches Land wären. Wir haben aber beides nicht: weder Frauen in Führung noch Kinder“, erklärte Barbara Lutz, Gründerin und Geschäftsführerin des FKi, kürzlich in einem Interview mit dem „Spiegel“. Interessant sind in dem Ländervergleich zwei Staaten, die jeweils die Top-Ausschläge in den beiden Kategorien aufweisen: Lettland hat mit 44,1 % den höchsten Frauenanteil im Top-Management (Geburtenrate 1,7), Frankreich die höchste Geburtenrate mit 1,98 (Frauenanteil im Top-Management 32,5 %). Schlusslicht ist Deutschland mit den niedrigsten Werten in beiden Dimensionen, dicht gefolgt von Österreich übrigens.

Die These, dass Kinder Karrierekiller sind, ist rein mathematisch also nicht haltbar – obwohl das Thema Vereinbarkeit natürlich eine Grundvoraussetzung ist für Equality. Wenn man jetzt den Blick auf die Unternehmen richtet und den gesellschaftlich-politischen Kontext an dieser Stelle einmal ausblendet, erkennt man ein systemisches Problem. Frauen fallen mit und ohne Kinder überproportional aus den Organisationen – die berühmte gläserne Decke. „Diese Organisationen versagen systemisch“, ist Barbara Lutz überzeugt. „Es gibt in den Unternehmen Sollbruchstellen, die verhindern, dass Frauen und mit ihnen andere Diversity-Dimensionen zum Zuge kommen. Das hat zu tun mit mangelnder Transparenz und Flexibilität und repetitiver Personalentwicklung. Dies sind übrigens die gleichen Hindernisse, die Transformation verhindern.“

Wenn man dieses Thema mit der Ernsthaftigkeit und dem Willen diskutiert, einen nachhaltigen Wandel herbeizuführen, wird man sich dieser Debatte nicht entziehen können – mit den entsprechenden Konsequenzen. Dann kann irgendwann aus einem Weder-Noch ein Sowohl-als-Auch werden. Dieses Ende, zugegeben, strotzt vor amerikanischen Optimismus. Dann sagen wir es so: Nehmen wir doch Lettland als Vorbild.

 

Hinweis: Der Artikel ist bereits unter dem Titel: „Germany, the Neither-Nor Country“ auf der Online-Plattform Female One Zero in englischer Sprache veröffentlicht worden.

Über die Autorin:

Natascha Zeljko studierte Germanistik und Politikwissenschaften in München und ist Founderin und Chefredakteurin von „FemaleOneZero“, einer Online-Plattform, die sich mit Themen wie Diversity, Digitalisierung und Female Empowerment beschäftigt. Davor arbeitete sie in verschiedenen Führungspositionen in großen Verlagen (u.a. Condé Nast, später Funke Gruppe), zuletzt als stv. Chefredakteurin und Textchefin von myself.

cb

Veröffentlicht am: 23.07.2020

 

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