"Einfach mal machen, statt ewig zu diskutieren!"

Interview mit Iris Grewe, Deutschland-Chefin BearingPoint

Im zweiten Teil des Interviews mit Frau Iris Grewe widmen wir uns den Frauen in der Consulting-Branche. Was macht einen guten Consultant aus und gibt es überhaupt Unterschiede zwischen den Männern und Frauen in der Beratungsbranche oder handelt es sich hierbei nur um ein akademisches und medial getriebenes Hirngespinst?

Wie ist es als Frau in der Beratungsbranche, was ist die größte Herausforderung? Welche Eigenschaften sollte man als Frau mitbringen, um in der Branche zu bestehen?

Iris Grewe: Wie in jedem anderen Job auch? Ich muss dazu sagen, dass ich keinen Vergleich habe, ich war ja noch nie als Mann in der Consultingbranche tätig. Aber Spaß beiseite, ich glaube die Herausforderung an jede Person, die in dem Job einsteigt, ist ähnlich. Hier können wir noch einmal zurückblicken zur Frage "Was braucht es für die Consulting-Branche?". Egal ob männlich oder weiblich - man sollte neben Mut und Neugier auch eine Portion Kreativität und Flexibilität mitbringen sowie über einen wachen Verstand und Resilienz verfügen. Was sicherlich hilft, egal ob männlich oder weiblich, ist zudem die situationsspezifische Kommunikation mit dem Kunden. Letzteres hat weniger etwas mit Schlagfertigkeit, sondern vielmehr mit einer empathischen Ader zu tun. Als Consultant sollte man spüren können, mit wem man es gegenüber zu tun hat und in welcher emotionalen oder taktischen Position sich die Person befindet, um die geeignete Tonalität zu treffen.

Welche Tipps würden Sie Studentinnen geben, die in die Consultingbranche einsteigen wollen? Was sollte man besser vermeiden?

Iris Grewe: Man hört immer wieder, dass sich Frauen mit Frauen vernetzen sollen. Meiner Meinung nach sollte man das Sprichwort "Gleich und gleich gesellt sich gern" in diesem Umfeld nicht allzu ernst nehmen. Ich halte wenig davon, sich immer nur mit Personen zu vernetzen, die einem selbst ähnlich sind. Vielmehr kommt es doch darauf an, sich mit den jeweils für die eigenen Aufgaben und Interessen relevanten Personen zu vernetzen, unabhängig von Hintergrund, Geschlecht, Rolle oder Bildung. 

Außerdem muss man im Consulting offen und flexibel bleiben. Der klassische Tag im Consulting läuft in der Regel nicht so ab, wie man ihn geplant hat oder sich das morgens denkt. Man sollte immer das Unerwartete erwarten und das muss man mögen. Dies ist auch ein Gedanke, den ich jungen Beratern und Beraterinnen häufig mitgebe.

Woran liegt es, dass zwar mittlerweile fast die Hälfte der Einsteiger nach dem Studium in die Consultingbranche weiblich sind, aber nur jede fünfte Führungskraft weiblich ist? Warum ist das so? Was läuft da falsch? Wo verliert die Branche die Frauen?

Iris Grewe: Ich glaube es ist nicht nur das Frauen-Thema, sondern auch ein Stück weit das bereits diskutierte Familien-Thema mit der Reisetätigkeit, das hier eine Rolle spielt. Der Consulting-Beruf ist eine herausfordernde Tätigkeit und man muss das Abwechslungsreiche und Unerwartete mögen. Wir sehen Abgänge nicht nur bei Frauen, sondern auch bei einem bestimmten Persönlichkeitstyp bzw. in einer Lebensphase. In einer bestimmten Lebensphase haben viele Menschen das Bedürfnis, einer eher regelmäßigen und auch ortsgebundenen Tätigkeit nachzugehen. Und das betrifft natürlich auch Männer.

Zudem nehmen sich immer mehr Frauen die Freiheit, selbstbestimmt die bekannten Pfade und Karrierewege beim bisherigen Arbeitgeber zu verlassen, um andere Dinge auszuprobieren. Vergleichsweise häufig steht hier sogar der Wunsch im Vordergrund, inhaltlich etwas ganz anderes zu machen als es der Consulting-Beruf hergibt. 

Es handelt sich hierbei doch um eine erfahrene Zielgruppe, die in der Regel auch schon gute Honorarsätze einholt. Haben Sie da Programme, um genau diese Zielgruppe zu halten?

Iris Grewe: Auch hier haben wir ein zweischneidiges Schwert. Wenn die Personen zum Kunden wechseln, gewinnen wir dadurch neue Alumni, mit denen wir irgendwann vielleicht wieder zusammenarbeiten. 

Natürlich schauen wir auch auf die angesprochene Zielgruppe und unterstützen sie dabei, sich dahin zu entwickeln, wo sie karrieretechnisch hinwollen. Wir prüfen kontinuierlich, ob sie bereit sind für etwas Neues und sich nicht etwa in ihrer aktuellen Position langweilen. Ein besonderer Fokus liegt hier auf der Stufe vom Senior Consultant zum Manager. Es gibt auch spezifische Leadership Programme für Frauen, die optional genutzt werden können, wenn man sich als Frau eine aktivere Begleitung in der Karriereentwicklung wünscht. Wir bieten damit Formate, bei denen entsprechende Fähigkeiten geschult werden und über die man sich auch sichtbar machen kann. 

Auf Führungsebene sind relativ wenige Frauen vorzufinden und das Thema Frauen-Quoten kommt immer mal wieder auf. Wie geht es Ihrer Meinung denn weiter mit dem Anteil weiblicher Führungskräfte im Consulting?

Iris Grewe: Ich könnte mir vorstellen, dass sich der Frauenanteil im Consulting mit der Realisierung von kundenakzeptierter Remote-Arbeit etwas ändern wird. 

Wenn sich das Verhältnis zwischen Reisetätigkeit und ortsgebundener Arbeit ausgleichen sollte, gewinnt das Berufsbild sowohl für Frauen als auch ortsgebundene Männer an Attraktivität. Damit rechne ich fest. Womit ich allerdings nicht rechne, ist, dass sich die heutigen Geschlechterverhältnisse auf der Führungsebene umkehren oder sich ein Frauenanteil von deutlich über 50 Prozent dauerhaft etabliert. Und das ist meines Erachtens auch nicht schlimm. 

Es gibt viele Jobprofile, in denen es keine paritätischen Geschlechteranteile gibt, oftmals auch zu Ungunsten von Männern. Was mich da etwas mehr umtreibt, ist die allgemeine Vielfalt in Consulting-Teams. Das hat nicht nur etwas mit den Geschlechtern, sondern auch mit Nationalitäten, Kulturen, Neigungen, Alter, Bildungshintergrund etc. zu tun. Solche Themen müssen selbstverständlich auch beachtet werden, um das Jobprofil des Consultants an sich interessanter zu machen. 

Auch Männer dürfen nicht vergessen oder vielleicht sogar abgehängt werden. In meinen Augen darf es nicht sein, dass ein Mann im Vorhinein bei einer Bewerbung schon weiß, dass er die Stelle nicht bekommen wird, da die Position von einer Frau besetzt werden muss. Die Fairness ist wichtig. 

Bei BearingPoint verdienen Frauen und Männer in gleicher Position das gleiche Gehalt. Auch bei der Beförderung werden keine Unterschiede gemacht. Im Fokus sollte also stehen, die fähigsten Leute auf die Führungsebene zu befördern und nicht vorab festgelegte Quoten zu verfolgen.

Im globalen Management-Team von BearingPoint sitzen elf Personen. Sie sind die einzige Frau. Warum sitzen da nicht weitere Frauen?

Iris Grewe: Die momentane Verteilung ist eine Momentaufnahme und aufgrund des vorher schon erwähnten Rotationsprinzips entstanden. Daher kann die Zusammensetzung, auch was das Geschlechterverhältnis betrifft, schon bald wieder eine andere sein. Wenn wir andere Diversitäts-Kriterien wie Alter, Herkunft etc. heranziehen, ergibt sich wieder ein anderes Verhältnis. Grundsatz ist, dass die jeweiligen Personen nach Kompetenz und Qualifikation benannt werden. Wir haben bei BearingPoint, wenn wir die Managerinnen und weiblichen Advisor etc. zusammenzählen, die im Übrigen auch Führungskräfte sind, einen Frauenanteil von ca. 30 Prozent. 

Dadurch, dass wir in einigen Ländern, wie zum Beispiel Frankreich, bereits jetzt ein beinahe paritätisches Geschlechterverhältnis haben, machen pauschale Frauenquoten, die für alle Länder gleichermaßen gelten, kaum Sinn. Unsere grundsätzlichen firmenweiten Zielwerte liegen bei 40 Prozent Frauen- und 60 Prozent Männeranteil. 

Robert Franken hat in unserem Themendossier zum Thema "Frauen im Consulting" geschrieben: "Ohne Männer geht es nicht" und meint damit, dass es nicht länger darum gehen kann, dass Frauen sich an eine männlich-geprägte Arbeitswelt anpassen, sondern dass wir alle das System so ändern müssen, dass es für Frauen und Männer gleichermaßen passt. Was müsste sich bei BearingPoint diesbezüglich. ändern?

Iris Grewe: Die Frage ist, ob wirklich männlich oder weiblich geprägte Arbeitswelten existieren oder ob es sich hierbei nicht nur um ein eher akademisches Konstrukt handelt? Die Tatsache, dass im Consulting-Bereich viele Männer arbeiten, bedeutet im Umkehrschluss ja nicht automatisch, dass die Arbeitswelt männlich geprägt ist. 

Im Consulting haben wir keine starren Teams, Linienabteilungen oder hierarchisch geprägte Organigramme, aus denen eine einheitlich geprägte Arbeitswelt hervorgehen könnte. Immer wieder vermischen sich die fachlichen, methodischen und technologischen Berater-Teams miteinander und mit den Kunden-Projektteams. Dadurch arbeiten wir stets in unterschiedlichen Konstellationen zusammen. Diese werden naturgemäß von den jeweils beteiligten Personen, unabhängig vom Geschlecht, geprägt. 

Generell wird meines Erachtens viel zu "verkopft" über die Geschlechterfrage diskutiert und zu wenig einfach mal gemacht. Probieren geht hier definitiv über Studieren. Was soll schon passieren? Einfach mal die Projektteams vielfältiger zusammenstellen, mit jungen Eltern flexible Teilzeitvarianten vereinbaren oder ein pflegendes Familienmitglied von zu Hause arbeiten lassen. Geht alles. Man muss es nur tun. Dann wird auch gelebte Vielfalt hoffentlich bald zur "neuen Normalität" gehören. 

Das Interview führte Holger Geißler.

sh

Veröffentlicht am: 24.08.2020

 

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