Es ist Zeit für den Female Shift – Hin zur neuen Normalität

Frauen im Consulting

Der Einfluss von Frauen in Politik, Gesellschaft und in den Chefetagen nimmt zu – trotzdem ist die Kluft zwischen der Anzahl weiblicher und männlicher Führungskräfte immer noch zu groß. Das trifft auch auf die Consultingbranche zu. Woran liegt das und wie können sich Frauen in der männerdominierten Branche behaupten? Führungscoach, Marketingconsultant und Autorin Anouk Ellen Susan hat Antworten: Sieben Female-Shift-Impulse.

Frauen im Consulting: Tipps von Anouk Ellen Susan (Foto:Laurence Chataigne)

1.      Selbstbewusstsein

In meinen Coachings mit Frauen begegnet mir immer wieder das Thema „Stärken und Selbstbewusstsein“. Vor allem in der Consultingbranche ist ein starker Auftritt wichtig, da Männer häufig dominanter und selbstbewusster wirken. Leider fokussieren sich viele Frauen auf ihre Schwächen, anstatt ihre Stärken in den Blick zu nehmen und auszubauen. Studien zufolge kommunizieren Frauen 20-mal häufiger ihre Unzulänglichkeiten als ihre Erfolge. Wie kontraproduktiv! Im Marketing würde das kein Mensch tun. Es geht doch in erster Linie darum, zu zeigen, wer man ist, was man kann und welchen Wert die Beratertätigkeit hat. Am liebsten würde ich den Frauen zurufen: „Werdet Euch Eurer Fähigkeiten bewusst! Ihr könnt nur erfolgreich sein, wenn Ihr wisst, was Ihr könnt und was Ihr wollt!“ Im Coaching arbeiten wir unter anderem an einem „Upgrade Kompass“ und schärfen das persönliche Profil mit Stärken, Kompetenzen und Zielen.

2.     Lack & Leder

Viele Frauen erzählen mir, dass sie in (Consulting-)Gesprächen oft übergangen oder nicht gehört werden. Tja…Wir brauchen manchmal eben etwas mehr „Lack & Leder“. Das heißt: Wir dürfen auch mal unbequem werden, kämpferisch, verhandlungsstark. Viele Frauen müssen lernen, auf Konfrontation zu gehen, dabei Grenzen aufzuzeigen und auch mal laut zu werden. Wer gut vorbereitet in ein Meeting geht, hat ja nichts zu befürchten. Wichtig ist es, die Argumente, die man längst parat hat, auch zu bringen. Ein wenig Schlagfertigkeit kann dabei nicht schaden – auch das lässt sich üben. Ich bereite in meinen Coachings mit den Frauen ein paar individuelle, gute und schlagfertige Sätze vor, die relativ universell einsetzbar sind. Wenn es drauf ankommt, müssen sie dann nicht lange überlegen… 

Viele Frauen sind perfektionistisch veranlagt, das kann hemmen und unlocker machen. Dinge geschehen ja selten so, wie man sie geplant hat. Ich rate dazu, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen und die Perfektion da zu lassen, wo sie niemanden ausbremst. Mehr Leichtigkeit und Loslassen – auch das lässt sich trainieren. Das kann in vielen Situationen helfen und fördert das flexible Denken. 
In meinen Coachings gebe ich den Frauen meinen Anouk-Index mit auf den Weg, der auch in meinem Buch „Upgrade yourself – souverän und selbstbewusst als Frau im Job“ eine wichtige Rolle spielt. Der Index ist mein Leitfaden zum persönlichen Upgrade.

3.    Sichtbarkeit

Kundenkontakt ist enorm wichtig in der Consultingbranche. Der kann auch ganz formlos ablaufen – ist dann oft sogar besser. Sei es am Kaffee-Automaten, beim gemeinsamen Business-Lunch, beim Sportevent oder auf dem Golfplatz. Sich zeigen, mit dem Kunden ins Gespräch kommen und dabei gute Fragen stellen, um mehr zu erfahren, Inhalte auszutauschen und zugleich sich und seine Kompetenz zu zeigen. Der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) belegt in einer Studie, dass einer der Top 3 Karrierekiller falsche Bescheidenheit ist. Und laut einer Studie der Unternehmensberatung Baumann lassen Führungskräfte die bekannten Online-Plattformen auf ihrem Karriereweg einfach links liegen. Frauen denken oft: Der andere kann doch sehen, was ich mache und wird schon merken, dass ich gut bin in meinem Job. Aber dem ist nicht so.

4.   W.O.L.!

Meine Devise ist: Work out loud (W.O.L.)! Tue Gutes und sprich darüber. Auch in sämtlichen Sozial-Media-Kanälen. Denn auch dort bewegt sich meine Zielgruppe. In meinen Vorträgen sage ich immer wieder: „Wer immer nur der Herde folgt, sieht irgendwann nur noch Ärsche“ – die Lacher sind jedes Mal garantiert. Aber es ist wahr. Liebe Frauen, stellt Euch in die erste Reihe, zeigt Euch! Mit Euren Persönlichkeiten und euren Inhalten. Denn: (Er)kennt Dich keiner, will Dich keiner! Die Kombination aus Kompetenz und Sichtbarkeit hat eine positive Hebelwirkung.

5. Netzwerken

Die Consultingbranche ist nach wie vor männerdominiert. Nach Aussage des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU 2020) liegt der Frauenanteil in einer Leitungsfunktion bei nur 19% in der Unternehmensberatung. Gerade da, wo wir Frauen zur Minderheit gehören, ist es umso wichtiger, dass wir uns gegenseitig unterstützen, fordern und fördern. Großzügig und hilfsbereit. Ich bin der festen Überzeugung: Wer anderen hilft, erfolgreich zu sein, ist/wird selbst erfolgreich. Netzwerke sind dabei so wichtig. Aktuelle Studien belegen allerdings, dass Dreiviertel der Frauen nicht netzwerkt. Frauen sind zudem zurückhaltender, ihr Netzwerk zu instrumentalisieren. Oft sind sie sogar bereit, mehr zu geben, als sie bekommen. Das führt dazu, dass Frauen bereits bestehende Netzwerke nicht so effektiv nutzen wie Männer. Sie unterschätzen dabei ihren Marktwert im Netzwerk. Und darum spreche ich ganz besonders die Frauen an. Wir brauchen Frauen, die sich gegenseitig mehr unterstützen.

6.     Diversity

Und zugleich richte ich mich auch an die Männer. Wir brauchen Männer, die sich für das Thema Diversity interessieren und stark machen. Gemeinsam müssen wir uns dafür einsetzen, denn: „Each for equal“. Ich glaube an die Kraft von Mixed Leadership. Und wenn ich gemeinsam sage, meine ich gemeinsam. Es ist ein Geben und Nehmen. Jeder sollte sich fragen: Wann habe ich zuletzt jemand anderem zu einem Upgrade verholfen? Ich folge in der Hinsicht dem afrikanischen Spruch: „Alleine bist Du schneller, aber gemeinsam kommst Du weiter“.

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7.   Lekker anders sein

Als Niederländerin bin ich auch in meinem Heimatland beruflich als Coach aktiv. Ich habe zudem jahrelang in meiner Funktion als Direktorin beim Niederländischen Büro für Tourismus & Convention (NBTC) und auch später als Director of Business Strategy Unternehmen in Marketingfragen beraten dürfen. Ich habe in dieser Zeit fast nur positive Erfahrungen gesammelt. Bei meiner Beratertätigkeit haben mir mein Können und mein selbstsicherer Auftritt immer geholfen. Der Direktoren-Status war eher unwichtig. In den Niederlanden braucht es nicht nur Titel, sondern auch eine gewisse Lockerheit und ein wenig Humor, um akzeptiert zu werden. Darauf konnte ich mich einlassen, wenn mir auch manchmal meine angelernte deutsche Pünktlichkeit und Gründlichkeit im Weg stand.

Wir sind uns als Nachbarländer ähnlich, aber oft auch ein wenig unterschiedlich. Eben lekker anders.  

Frauen in den Niederlanden sind wie in Deutschland in den Top-Positionen in der Consultingbranche unterrepräsentiert – nur 5 bis 10 % Frauen sind Partner. Einerseits weil es zu wenig Chancen für sie gibt und andererseits, weil Frauen laut Intermediair-Studie (Intermediair Imago Onderzoek 2018) im Berufsleben mehr den guten Inhalt suchen und das Glücklichsein und weniger dem Karriere-Modus folgen, der viel Einsatz und Reisebereitschaft mit sich bringt. Im Vergleich zu Männern, die voll auf Karriere abzielen. Aber wie auch in Deutschland gibt es tolle Vorbilder, die zeigen, dass es geht und wie es geht. Und dass Karriere glücklich macht.

Was könnte helfen? Das Thema Part-Time Arbeiten ist in den Niederlanden eine Selbstverständlichkeit. Eine Drei- oder Viertagewoche ermöglicht es Frauen, Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren und auch Führungspositionen übernehmen zu können. Und zwar ganz selbstverständlich. Laut einer Studie von consultancy.nl (arbeidsmarktonderzoek) arbeiten 43% der Frauen in der Consultingbranche in Teilzeit. Das bedeutet mehr Flexibilität. In den Niederlanden war Homeoffice und digitales Arbeiten schon vor Corona akzeptiert.

Ich wünsche mir eine neue Normalität, die diese niederländische Flexibilität auch in Deutschland zulässt. Dass Frauen sich ihrer Kompetenzen bewusstwerden und sich zeigen - und die Diversität in der Consultingbranche stetig wächst.

Über die Autorin:

Anouk Ellen Susan
Anouk Ellen Susan (Foto:Laurence Chataigne)
Anouk Ellen Susan ist strategische Marketingexpertin, Professional Speaker, Moderatorin, Coach, Consultant und Autorin. 20 Jahre lang hat sie in einer Führungsposition gearbeitet und unterstützt heute insbesondere berufstätige Frauen mit ihrer Arbeit. Sie ist Vorstandsvorsitzende der Deutsch Niederländischen Gesellschaft in Köln und External Examinator an der Breda University (NL). Bereits 26 Mal ist sie in ihrem Leben umgezogen und ihr Lebensmotto ist: Das Nein hast Du, das Ja kannst Du bekommen. Ihr neues Buch heißt „Upgrade yourself: Souverän und selbstbewusst als Frau im Job“.

Upgrade yourself – souverän und selbstbewusst als Frau im Job

 

cb

Veröffentlicht am: 17.06.2020

 

Kommentare (1)

  1. Peter Mischa Marxbauer vor 2 Wochen
    Sag ich doch, es gibt nur leider das Problem, dass die Frauen entweder ganz oben sind und da auch (berechtigt) bleiben wollen, oder soweit unten, dass man es ihnen zehnmal erzaehlen muss, dass sie es bestimmt koennen werden. Das ist muehsam.
    Ich wuerde mir wuenschen, dass sie auch mal sagen, ja, ich probiere es, was soll schief gehen?

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