"Frauen, macht euch selbstständig!"

Studie: Die DNA freiberuflicher Berater

Endlich selbst über Kunden und Themen bestimmen und flexibler arbeiten - das wollen Unternehmensberater, die in die Selbstständigkeit gehen. Besonders Frauen bekommen, was sie sich erhoffen, wie die Ergebnisse einer Studie von Comatch und ESCP Paris zeigen.

Christoph Hardt, COMATCH GmbH

Zum zweiten Mal veröffentlichte COMATCH die Studie „Die DNA freiberuflicher Berater“, die Motive und Arbeitssituation freier Berater untersucht. Fast 1.000 Befragte aus 55 Ländern haben an der von Prof. Thierry Boudés von der ESCP Paris unterstützten Befragung teilgenommen, die dieses Jahr auch den Einfluss der Coronakrise beleuchtet hat und darüber hinaus auch zeigt: Die selbstständige Beratung wird weiblicher werden.

Glücklich trotz Krise: Von Corona betroffen, aber überzeugt von Freiberuflichkeit

Corona und die zugehörigen Beschränkungen haben die freien Berater getroffen: Drei von Vieren gaben Mitte April an, dass sie Einkommenseinbußen für die kommenden Monate erwarten, jeder Dritte rechnete sogar mit Einbrüchen um 75 Prozent oder mehr. Knapp ein Drittel berichtet, dass ihr laufendes Projekt verschoben wurde, 12 Prozent erlebten einen Projektabbruch, 23 Prozent konnten in einen Remote-Modus wechseln. Dennoch: Die Berater bereuen trotzdem ihren Schritt in die Freiberuflichkeit nicht: Ganze 91 Prozent sind mindestens so zufrieden oder gar zufriedener als in der Festanstellung, 89 Prozent würden die Freiberuflichkeit weiterempfehlen und 63 Prozent wollen auch in den nächsten beiden Jahren Selbstständig bleiben - trotz Krise. Diese Zahlen sind erstaunlich stabil zu 2017, als die erste Studie dieser Art durchgeführt wurde.

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Selbstständigkeit als aktiver Schritt: Karriereboost und bessere Work-Life-Integration

Wie kommt es, dass die Berater selbst in so einer unsicheren Situation so wenig an ihrem Status zweifeln? Selbstständigkeit ist lohnenswert. Zum einen ist der Karriereschritt für die Mehrheit ein sehr bewusster und selbstgewählter. Siebzig Prozent haben aktiv gekündigt, um sich selbstständig zu machen. Die Studie legt auch offen, was genau Berater antreibt, ihre Festanstellung zu verlassen. Natürlich gibt es regionale Eigenheiten, so ist den Briten beispielsweise besonders wichtig, weniger zu reisen und die Franzosen wollen überdurchschnittlich oft die Freiberuflichkeit für Sidepreneurship nutzen. Doch über Ländergrenzen hinweg ist der meistgenannte Grund der Wunsch, freier über die eigenen Projektthemen auswählen zu können, also die Bereiche, die einem am meisten liegen, konsequent zu verfolgen. Sie wollen selbst entscheiden, woran sie arbeiten, aber auch für wen, wann und wo. Auch die Frage nach dem Sinn und das Bedürfnis nach einer besseren Work-Life-Balance treibt sie um. Auffällig außerdem: Ein höheres Einkommen ist nicht unter den Top-Gründen. Der Wunsch nach mehr Zeit wird viel häufiger genannt als der Wunsch nach mehr Geld.

Beraterinnen erfolgreicher im Umsetzen ihrer Ziele als Männer

Frauen in Führungspositionen (Bild: COMATCH GmbH)

Frauen profitieren stärker von Selbstständigkeit als Männer (Bild: COMATCH GmbH).

Grundsätzlich sind es dieselben Dinge, die sich Männer und Frauen von der Selbstständigkeit erhoffen. Nur bei drei Motiven gibt es relevante Unterschiede: Frauen sind stärker getrieben vom Wunsch nach remote work (69 Prozent versus 59 Prozent) und Freizeit (73 Prozent versus 65 Prozent der Männer). Eine eigene Firma zu gründen, ist hingegen tendenziell etwas unwichtiger für sie als für die Männer (27 Prozent versus 34 Prozent der Männer). Insgesamt zeigt die Studie, dass die Berater das, was sie in die Selbstständigkeit treibt, auch bekommen: Für zehn untersuchte Motive berichtet mindestens die Hälfte derer, die einen Grund als besonders wichtig eingestuft hatten, dass die gewünschte Veränderung tatsächlich auch eingetreten sei. So sagen 51 Prozent derer, die mehr Verantwortung haben wollten, dass sie diese auch bekommen haben. Von denjenigen, die gern flexibler sein sollten, erreichten das sogar 90 Prozent. Doch Frauen scheinen durch den Karriereschritt in die Selbstständigkeit tendenziell stärker zu profitieren als Männer: Bei sieben von zehn Motiven haben sie höhere Erfolgsquoten, berichten also häufiger davon, dass sie bekamen, was sie wollten.

Anteil in Prozent derer, die ein bestimmtes Ziel erreicht hatten, welches sie als „wichtig“ oder „sehr wichtig“ für ihre Entscheidung bewertet hatten.

Gleiche Tagessätze für gleiche Arbeit

Eine weitere interessante Erkenntnis der Studie: Beraterinnen rufen beim Kunden einen ähnlich hohen Tagessatz ab wie Männer. Er liegt bei durchschnittlich 1.132 Euro und ist somit nur 3,7 Prozent geringer als der der Männer von 1.175 Euro. Zum Vergleich: Der unbereinigte Gender Pay Gap, also die Differenz der durchschnittlichen Bruttostundenlöhne beider Geschlechter, liegt in Deutschland je nach Quelle zwischen 17 und 20 Prozent. Die Abweichung innerhalb unserer Zielgruppe lässt sich durch die Tatsache erklären, dass die Tagessätze mit Berufsjahren steigen und die befragten Männer im Schnitt vier Jahre älter sind (50 Jahre) als die befragten Frauen (46 Jahre). Allerdings, auch das wird deutlich, sind die männlichen Berater häufiger auf Projekten: Sie stellen im Schnitt 156 Tage pro Jahr in Rechnung, die Beraterinnen nur 139. Der Anteil der Männer und Frauen, die angaben, mehr arbeiten zu wollen, ist jedoch gleich hoch.

Junge Frauen entdecken die Selbstständigkeit

Teambesprechung mit Postits, Frauen in Führungspositionen (Bild: COMATCH GmbH)

Gerade junge Junge Frauen erkennen das Potenzial der Selbstständigkeit (Bild: COMATCH GmbH).

Frauen sind selten in der Unternehmensberatung und in der Freiberuflichkeit. Auch in unserer Studie stellen sie mit nur 20 Prozent eine Minderheit dar. Noch. Denn der Blick auf die Altersstruktur zeigt ganz klar: Je jünger die Altersgruppe, umso ausgeglichener ist das Geschlechterverhältnis. Bei den Thirtysomethings beträgt der Frauenanteil immerhin schon 37 Prozent. Während jeder zweite befragte Mann über 50 Jahre alt ist, sind die Frauen gleichmäßiger auf verschiedene Altersgruppen verteilt. Es scheint, als ob gerade die jungen Frauen das Potenzial der Selbstständigkeit erkennen und verstärkt diesen Weg einschlagen, um ihre Vorstellungen von einer Karriere in der Unternehmensberatung in die Tat umzusetzen. Der Bedarf an Expertise von selbstständigen Beratern wird wachsen, da sind sich die Befragten einig: Knapp 60 Prozent glauben fest daran.

Christoph Hardt, COMATCH GmbH
Über den Autor: Dr. Christoph Hardt hat 2014 gemeinsam mit Dr. Jan Schächtele COMATCH gegründet, nachdem sich beide als Berater bei McKinsey kennengelernt hatten. Dort war er vor allem Marketing- und Vertriebsprojekte für Kunden aus der Energie- und Chemiebranche verantwortlich.



mvw

Methodik

Erhebungsmethode Online-Umfrage
Befragte Zielgruppe freiberufliche Berater des CoMatch-Netzwerks
Stichprobengröße Welle 1: 915, Welle 2: 966
Erhebungszeitraum 7.02.2020 - 3.03.2020 und 9.04.2020 - 19.04.2020
Land Berater aus 55 Ländern
Veröffentlicht am: 13.07.2020

 

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