„Ich sehe mich nicht als Minderheit im negativen Sinne, sondern ich ziehe meine Vorteile heraus.“

Interview mit Corinna Vehlow, Senior IT-Consultant Adesso SE

Frauen in der IT-Beratung sind selten. Dr. Corinna Vehlow, Senior Consultant bei Adesso SE, im Interview mit CONSULTING.de darüber, welche Herausforderungen frauenspezifisch sind, und welche Bedeutung die Familienplanung für die Karriere von Frauen nach wie vor besitzt.

Wie sind Sie zur Beratung gekommen?

Corinna Vehlow: Ich habe Informatik studiert und auch darin promoviert. Anfangs lag mein Fokus also noch auf der Softwareentwicklung. Nachdem ich von der Hochschule in die Industrie gewechselt bin und dort als Softwareentwicklerin gearbeitet habe, wurde mir sehr schnell klar, dass ich eher in die Beratung möchte. Ich wollte näher am Kunden sein und mich mehr mit den Anforderungen und Fragestellungen des Kunden auseinandersetzen.

Was wären Alternativen gewesen?

Corinna Vehlow: Entweder weiter in der Softwareentwicklung zu arbeiten oder in die Forschung gehen, also zu habilitieren und im Hochschulumfeld zu arbeiten.

Wie ist es als Frau in der IT-Beratungsbranche?

Corinna Vehlow: Als Frau fällt man per se schon mal eher auf als Männer. Ich finde aber, dass genau das auch viel Potenzial mit sich bringt, denn so ist auch die Sichtbarkeit der eigenen Leistung größer. Das sollte man für sich nutzen.

Wie fühlt man sich als Minderheit?

Corinna Vehlow: Ich bin seit der Oberstufe am Gymnasium in einem männerdominierten Umfeld unterwegs, denn ich habe überwiegend mit Männern zusammengearbeitet. Das hat sich auch in der Beratung nicht geändert; auch wenn es hier doch ein paar mehr Frauen gibt als in der Softwareentwicklung. Aber bislang hatte ich auf Kundenseite nur männliche Ansprechpartner. Deshalb kenne ich es gar nicht anders und es ist für mich ein stückweit normal. Ich sehe mich also nicht als Minderheit im negativen Sinne, sondern ich ziehe meine Vorteile heraus. Man könnte schließlich auch sagen: Ich steche aus der Masse heraus.

Welche Eigenschaften sollte man als Frau mitbringen, um in der Consultingbranche zu bestehen?

Corinna Vehlow: Man sollte offen auf Leute zugehen können, Spaß an der Kommunikation haben, im besten Fall auch Spaß daran, Themen zu präsentieren. Zudem sollte man wissbegierig sein, da man sich immer wieder mit neuen technischen Aspekten der IT, aber auch neuen fachlichen Themen befassen muss. Das sind natürlich Eigenschaften, die man generell in der Beratung haben sollte, egal ob als Frau oder als Mann. Ich sehe keine Eigenschaft, die man explizit nur als Frau mitbringen sollte.

Was ist die größte Herausforderung als Frau in der IT-Consultingbranche?

Corinna Vehlow: Dass man auch in technischen Fragen als kompetente Beraterin angesehen wird. Meine Devise ist: „Man muss nicht alles aus dem Effeff wissen oder können, aber man muss sich bei Bedarf die notwendigen Informationen einholen, um den Kunden kompetent beraten zu können.“ Ich finde es ist in Ordnung, auch mal vor dem Kunden zu gestehen, dass man auf eine technische Frage spontan keine Antwort hat. Man muss aber die Bereitschaft signalisieren, dass man sich um die Lösung bemüht und dies dann auch gewissenhaft erledigen. Dann recherchiere ich oder konsultiere unsere Architekten, um eine Antwort zu finden. Das kam beim Kunden bislang immer gut an und ist definitiv besser, als vorzugeben, man wüsste über ein Thema Bescheid. Außerdem habe ich für mich persönlich den Anspruch, auch technische Aspekte so gut es geht zu verstehen. Das heißt, ich frage z.B. unsere Architekten nicht nur, welche technische Lösung für den Kunden empfehlenswert wäre, sondern auch, warum diese Lösung empfehlenswert ist bzw. was die Vorteile gegenüber einer alternativen Lösung sind. Das hilft mir, ein Thema so zu durchdringen, dass ich es dem Kunden optimal vermitteln kann.

Wie ist Ihre Erfahrung: Müssen sich Frauen im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen mehr im Alltag beweisen, um genauso ernst genommen zu werden?

Corinna Vehlow: Ich denke ein stückweit schon, zumindest in technischen Bereichen. Auch wenn viele Führungskräfte behaupten, allein nach Fähigkeiten und Leistung zu beurteilen, so denke ich, dass unbewusst doch mitbewertet wird, welches Geschlecht man hat.

Welche Tipps würden Sie Studentinnen geben, die in die Consultingbranche einsteigen wollen? Was sollte man besser vermeiden?

Corinna Vehlow: Sucht euch ein Thema, das euch interessiert und für das ihr bereit seid, euch immer wieder weiterzubilden, um dazuzulernen. Es gibt so viele Branchen und Bereiche, in denen man als Berater arbeiten kann, selbst innerhalb der IT gibt es viele verschiedene Themen, in denen man sich spezialisieren kann. Ich will nicht sagen, dass man den Blick nur auf ein einziges Thema lenken sollte, aber es ist doch immer noch besser, wenn man wenigstens ein Thema hat, in dem man sehr gut oder sogar herausragend ist, als sich in vielen Themen auszukennen, aber eben nur mittelmäßig darin zu sein.

Woran liegt es, dass zwar mittlerweile fast die Hälfte der Einsteiger nach dem Studium in die Consultingbranche weiblich sind, aber nur jede fünfte Führungskraft weiblich ist? Wo verliert die Branche die Frauen?

Corinna Vehlow: Auch wenn das klischeehaft klingt: Ich denke, das liegt nach wie vor an dem Aspekt Familienplanung. Auch wenn sich die Sicht und Denkweise auf die Rollenverteilung im Vergleich zu vor 100 Jahren verändert haben. Ich glaube, dass vor allem auch die Arbeit in Teilzeit den Aufstieg verhindert, auch wenn das meiner Meinung nach kein Hindernis ist, um als Führungskraft Karriere zu machen. Es gibt ja schon Arbeitgeber, die Positionen mit Verantwortung auch an Frauen in Teilzeit geben. Die Frauen arbeiten dann in sogenannten Shared Positions und teilen diese Position z. B. mit einer anderen Frau, die auch in Teilzeit arbeitet.

Wie vereinbar ist der Job mit der Familienplanung?

Corinna Vehlow: Allgemein ist er schon mit der Familienplanung vereinbar. Ich kann das bis dato aber nur bis zu meiner Position als Senior IT-Consultant wirklich gut einschätzen. Ob das für höhere Position auch gilt, wird sich hoffentlich in der Zukunft noch zeigen. Einschränkend kann der Job sein, weil man teilweise Reisebereitschaft haben muss. Jedoch gibt es auch immer mehr Modelle, die eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie forcieren. Bei adesso gibt es beispielsweise die sogenannte Regio-Teilzeit, die bei Inanspruchnahme garantiert, dass man bis zu einem Jahr lang wohnortnah eingesetzt wird.

Was müsste sich ändern, damit es mehr Frauen in Führungspositionen im Consulting gibt?

Corinna Vehlow: Aus meiner Perspektive zwei Dinge: Zum einen muss sich die Haltung derer, die Führungspositionen besetzten, ändern und zum anderen die Einstellung der Frauen selbst, die die Positionen einnehmen wollen. Viele trauen es sich nicht zu oder denken, dass es ihnen andere nicht zutrauen. Hier müssen Frauen selbstbewusster werden und ihre Ziele stärker durchsetzen.

Welche Erfahrungen haben Sie persönlich gemacht? Setzt ihr Arbeitgeber gezielte Maßnahmen ein, um die Frauenquote im Unternehmen zu erhöhen?

Corinna Vehlow: Sagen wir mal, das ist bei adesso „work in progress“, solche Maßnahmen einzusetzen. Mit der Initiative „She for IT“ für mehr Frauen in IT-Berufen werden auch intern weibliche Talente und potenzielle Führungskräfte unterstützt bzw. gefördert. Das Ziel ist, mehr weiblichen Nachwuchs für die IT als perspektivreichen Job zu gewinnen. Ebenfalls gibt es seit einiger Zeit zahlreiche familienfreundliche Maßnahmen, wie eben die Regio-Teilzeit, aber auch Modelle zur Kinderbetreuung oder Freistellung, die es vielleicht etwas einfacher machen, einen kundenorientierten Job für Frauen interessanter zu machen.

Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach der Anteil weiblicher Führungskräfte in den nächsten zehn Jahren verändern? Liegt die Branche dann immer noch bei 19%, bei 25% oder sogar höher?

Corinna Vehlow: Ich sehe hier eine gewisse Parallele zur Evolution, welche zwar ein stetiger aber doch eher langsamer Prozess ist. Dadurch, dass nicht nur DNA, sondern auch Denkweisen von Generation zu Generation weitergebeben werden, glaube ich, dass es keinen spontanen Umbruch geben wird, sondern eine kontinuierliche Veränderung von Ansichten und Denkweisen zu diesem Thema, was letztendlich die Voraussetzung für einen Wandel ist. Eine konkrete Zahl vermag ich nicht zu nennen, denn das hängt mit Sicherheit auch ganz stark davon ab, wie viele Frauen überhaupt in eine Führungsposition wollen.

Spricht man üblicherweise von Diversity, so meint man die Verschiedenheit von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, Religion oder Lebensalter. Nach unserem Eindruck reduziert sich das Thema in der Beratungsbranche in Deutschland auf das Thema Geschlecht. Wie sehen Sie das?

Corinna Vehlow: Das sehe ich ganz anders. Für mich steht Diversity, also die Vielfältigkeit, in der Beratungsbranche für die verschiedenen fachlichen und technischen Bereiche, in denen die Beratung gefragt ist. Jeder kann seinen eigenen Fokus setzen, sich auf ein oder mehrere Themen spezialisieren. Zudem ist der Beruf an sich sehr vielfältig bezüglich der Aufgaben, die man zu bewältigen hat.

cb

Veröffentlicht am: 09.07.2020

 

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