"Trotz notwendiger Sofort-Maßnahmen zur Überlebenssicherung darf das langfristige Ziel nicht verloren gehen"

Interview mit Dr. Ralf Moldenhauer, BCG

Dr. Ralf Moldenbauer, Managing Director & Senior Partner bei BCG berichtet im Interview, welche Vorteile Unternehmen, die die Finanzkrise 2008 gut überstanden haben, jetzt beim Corona-Krisen-Management haben. Außerdem verrät er, welche Fehler in Krisen besonders häufig gemacht werden.

"In unsicheren Zeiten wollen Mitarbeiter klare, nachvollziehbare Ziele und Aufgaben sowie Argumente warum sich der Einsatz lohnt. " - Dr. Ralf Moldenhauer im Interview

Herr Dr. Moldenhauer, BCG hat eine Studie zu den „Comeback Kids“ veröffentlicht. Sie haben Unternehmen untersucht, die nach der Finanzkrise wie Phoenix aus der Asche auferstanden sind und die Krise 2008 dazu genutzt haben, um stärker zu werden. Was haben diese „Comeback Kids“ in der Krise und in den Jahren danach anders gemacht als die Benchmark-Gruppe? 

Dr. Ralf Moldenhauer: Die Comeback Kids haben schneller auf die Krise reagiert, u.a. durch rigides Cash-Management, früher wieder auf Wachstum umgeschaltet und ihre Branche durch Innovationen verändert. Sixt Mobility ist hier ein gutes Beispiel. Darüber hinaus hatten sie immer einen strategischen Nordstern, an dem sich das unternehmerische Handeln orientiert hat. Diese Orientierung ist wichtig, da im Tagesgeschäft das Dringliche immer das Wesentliche bestimmt. Mit dem Nordstern kennen die Mitarbeiter das langfristige und erstrebenswerte Ziel, auch wenn der Weg dorthin „Wendungen“ vollzieht. 

Sie schreiben, dass eine ausgewogene Balance zwischen schneller Mittelfreisetzung und langfristiger Strategie eine Fokussierung des Wachstums ermöglichen. Wie kann man eine langfristige Strategie entwickeln, wenn das Haus brennt? Geht es in der Krise nicht vor allem um taktisches Handeln, d.h. möglichst schnell reagieren und adaptieren? 

Dr. Ralf Moldenhauer: Das muss kein Widerspruch sein. Es geht vielmehr darum, dass trotz notwendiger Sofort-Maßnahmen zur Überlebenssicherung das langfristige Ziel einer strategischen Orientierung nicht verloren geht. Beispielsweise sollte eine Tochtergesellschaft, in der zukünftige Geschäftsideen gebündelt sind, nicht im Sinne einer Liquiditätsgenerierung verkauft werden. Eine Veräußerung sollte nur als ultima ratio infrage kommen, um das Überleben zu sichern. 

Zwei Faktoren, die in Ihrer Analyse als Grundpfeiler aller Erfolge besonders herausgehoben werden sind „Unternehmenskultur und Mitarbeiterengagement“. Das ist wenig überraschend, aber die Frage ist doch, wie sich Mitarbeiterengagement in einer Krise sichern lässt. Wie nimmt man seine Mitarbeiter mit auf die Restrukturierungs-Reise? 

Dr. Ralf Moldenhauer: Kommunikation und Leadership sind die entscheidenden Faktoren. In unsicheren Zeiten wollen Mitarbeiter klare, nachvollziehbare Ziele und Aufgaben sowie Argumente warum sich der Einsatz lohnt. 

Wie lässt sich präventiv eine Unternehmenskultur etablieren, die in der Krise standhält? 

Dr. Ralf Moldenhauer: Eine Unternehmenskultur, in der offen über Herausforderungen und Notwendigkeiten gesprochen wird, ist besser für Krisen gewappnet. Das kann man beispielsweise durch häufige und vielseitige Kommunikation auf verschiedenen Kanälen, wie Management-Newsletter, Intranet oder Aushänge, erreichen. Wichtig ist vor allem, dass „ehrlich“ über die aktuelle Situation berichtet wird. Häufig erleben wir leider genau das Gegenteil: Krisenursachen werden totgeschwiegen und notwendige Anpassungsmaßnahmen unterlassen. 

Welche Fehler werden in der Krise besonders häufig gemacht?

Dr. Ralf Moldenhauer: Die Anpassungsmaßnahmen werden zu spät initiiert und sind häufig nicht radikal genug. So wird häufig auf steigende Umsätze gesetzt, damit der Anpassungsbedarf geringer wird. Dies verschlimmert aber die Situation, weil entweder Kosten zusätzlich aufgebaut oder sogar verstetigt werden. Ähnliches gilt für eine zu zaghafte Bereinigung unprofitabler Umsätze.  

Zur Corona-Krise: Was raten Sie Unternehmen, deren Geschäftsmodell durch Corona abhandengekommen ist? Gibt es Alternativen zur Liquidation? Gibt es auch Situationen, in denen Winterschlaf eine sinnvolle Alternative sein kann? 

Dr. Ralf Moldenhauer: Das ist eine komplexe und umfassende Frage! Die erste Aufgabe ist zu prüfen, inwiefern das Geschäftsmodell erfolgreich angepasst werden kann, um eine Liquidation zu vermeiden. Eine Art „Winterschlaf“ kann eine Option sein, falls eine überwiegende Wahrscheinlichkeit zur Revitalisierung besteht. So „parkt“ die Luftfahrtindustrie beispielsweise momentan einen Großteil ihrer Flugzeugflotte, um sie später wieder einzusetzen. Das ist sinnvoll, da eine Veräußerung momentan vermutlich nur unterhalb der Buchwerte möglich wäre. 

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Was ist in Corona-Zeiten in Bezug auf die Restrukturierung von Unternehmen besonders herausfordernd? 

Dr. Ralf Moldenhauer: Die Distanz und Kontaktbeschränkungen in den Teams, die üblicherweise sehr eng und intensiv zusammenarbeiten. Auf der inhaltlichen Ebene besteht die Herausforderung strukturelle und konjunkturelle Nachfrageentwicklungen unter Risiko abzuschätzen.    

Zur Restrukturierungsberatung allgemein: Warum sind Sie selbst in der Sanierungsberatung gelandet? Was fasziniert Sie an der Aufgabe? 

Dr. Ralf Moldenhauer: Die ultimative Möglichkeit Dinge zu verändern. Es geht immer um alles: die Existenz des Unternehmens, die Arbeitsplätze und Kunden sowie Zulieferer. Es sind häufig Extrem-Situationen, um dann die bislang als unmöglich erachtete Veränderung, zu erreichen. 

Wie gehen Sie an neue Restrukturierungsfälle heran? 

Dr. Ralf Moldenhauer: Offen und mit der Bereitschaft zu lernen. 

In welchen Fällen lehnen Sie einen Restrukturierungsfall von vorneherein ab? 

Dr. Ralf Moldenhauer: Bei Verdacht auf Betrug oder einseitigen Erwartungen zu Sanierungsbeiträgen 

Was sind die fünf Top-Fähigkeiten, die jeder Restrukturierungsberater mitbringen sollte? 

Dr. Ralf Moldenhauer: 

  1. Strukturierungsfähigkeit,
  2. Einsatzbereitschaft,
  3. Leadership,
  4. Authentizität,
  5. Unvoreingenommenheit – liest sich wie viele Profile, ist aber sehr ernst gemeint…  

Was war bislang Ihr schwierigster Restrukturierungsfall? Was hat den Fall besonders herausfordernd gemacht? 

Dr. Ralf Moldenhauer: Die städt. Kliniken in München. Eine umfassende Restrukturierung des gesamten medizinischen Bereichs und die Patienten sollten davon natürlich nichts mitbekommen. 

Sie engagieren sich im Ehrenamt beim „Clementine Kinderhospital Dr. Christ'sche Stiftung“ als Schatzmeister. Wie kam es dazu? Was sind dort aktuell die Herausforderungen? 

Dr. Ralf Moldenhauer: Ich muss vorwegschicken, dass die operative Leitung des Clementine Krankenhauses durch das Bürgerhospital erfolgt. Die Stiftung kümmert sich überwiegend um infrastrukturelle Themen. Insofern lag der Schwerpunkt der Vorstandsaktivitäten auf der Vorbereitung und Organisation des Umzugs an den neuen Standort. Dazu gehörten alle immobilienspezifischen Themen von der Finanzierung bis hin zur Ausgestaltung der neuen Räumlichkeiten 

Zum Interview-Partner:

Dr. Ralf Moldenhauer kam im Oktober 2010 zur Boston Consulting Group, um das Restrukturierungsgeschäft von BCG auf- und auszubauen, das er bis Mai 2020 leitete. Bevor er zu BCG kam, war er bei einer internationalen Unternehmensberatung im Bereich Restrukturierung und Turnaround-Management tätig (> 16 Jahre). Er arbeitet im Frankfurter Büro.

 

 cb

Veröffentlicht am: 09.09.2020

 

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