Von Finanzkrise bis COVID19-Pandemie: Drei Erfolgsfaktoren, um Krisen erfolgreich zu bewältigen

Michael Dorn & Lennard Weghöft, AlixPartners

Nach Jahren des Aufschwungs versetzte die COVID19-Pandemie und die daraufhin ergriffenen Maßnahmen Gesellschaft und Wirtschaft einen Schock. Vergleichbar zur Finanzkrise 2008 agieren viele Unternehmen aktuell im Krisenmodus. Wie das erfolgreich gelingen kann, erläutern Michael Dorn und Lennard Weghöft in ihrem Fachartikel.

Nach Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs versetzte die COVID19-Pandemie und die daraufhin ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus Gesellschaft und Wirtschaft einen Schock. Vergleichbar zur Finanzkrise 2008 müssen seit März/April viele Unternehmen im Krisenmodus agieren.

Auch wenn sich beide Ereignisse - Corona- wie Finanzkrise - unterschiedlich auf Unternehmen und die notwendigen Maßnahmen auswirken, gibt es doch Ähnlichkeiten in der Herangehensweise, um die Krise erfolgreich zu meistern. Aus unserer Erfahrung gehören dazu, dass Unternehmen in der Lage sein müssen, in kürzester Zeit wichtige Entscheidungen zu treffen, diese konsequent umzusetzen und dabei alle relevanten Stakeholder aktiv einzubinden.

Weltweite Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie führen zu Einbruch von Nachfrage und Angebot

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Finanz- und Coronakrise liegt in den Auswirkungen der COVID19-Pandemie auf den gesamten Geschäftsbetrieb vieler Unternehmen. Die weltweiten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus haben zu einem Einbruch der Nachfrage und auch des Angebots an Waren und Dienstleistungen geführt.

Während etwa Einschränkungen der Reisetätigkeiten einen massiven Nachfragerückgang in Branchen wie der Luftfahrtindustrie und im Tourismus verursachten (und weiter verursachen), wurden internationale Wertschöpfungs- und Lieferketten und damit die Angebotsseite oftmals empfindlich gestört. Die Krise wirkte sich dabei nicht einheitlich aus. Manche Branchen erlebten einen beispiellosen Rückgang in Nachfrage und Angebot. Andere Branchen wie der Online-Handel boomen. Dabei wirkt COVID19 wie ein Katalysator der Digitalisierung.

Unternehmen kämpfen daher einen drei-Fronten Kampf:
Es gilt, Kapazitäten und teilweise Geschäftsmodelle an die neue Nachfrage anzupassen und die Liquidität des Unternehmens im Nachfragetief zu sichern. Gleichzeitig müssen Operations und Lieferketten aufrechterhalten werden.

Stabilisierung der Operations oftmals kritisch in der Coronakrise im Vergleich zur Finanzkrise

Wie zentral die Sicherung der Operations für viele Unternehmen aktuell ist, zeigt sich am Beispiel eines unserer Klienten, einem Wartungsunternehmen von Offshore Windparks. Das Unternehmen wartet und repariert Windräder in Nord- und Ostsee. Mit Beginn der Coronakrise sah sich das Unternehmen schnell ändernden Herausforderungen gegenübergestellt, die die Weiterführung des Geschäftsbetriebs gefährdeten.
Dazu gehörten beispielsweise: Ausfall von Offshore-Technikern aus Hochrisikoländern, beeinträchtigte Entwicklung von Werkzeugen und Lösungen an ausländischen Standorten, verspätete Lieferung von Ersatzteilen, verschärfte Vorschriften zur Ausfuhr von Schutzmaterialen für die Crew sowie die Einführung von Hygienekonzepten an Bord und in den Büros an Land.

Austrocknung der Kreditmärkte und Nachfrageeinbruch in der Finanzkrise

Im Vergleich dazu war die Finanzkrise 2008 zunächst eine Banken- und Vertrauenskrise, die sich danach zu einer Wirtschaftskrise ausweitete. Das anfängliche Problem bestand in der Austrocknung des Kreditmarktes. Das erschwerte es erst Banken und dann Unternehmen in der Realwirtschaft, sich zu refinanzieren. Dies wiederum führte zu einem Verlust an Vertrauen in Solvenz und Kaufkraft der Unternehmen und schließlich zu einem Einbruch der Nachfrage.
Ein Angebotsschock durch die Beeinträchtigung von Wertschöpfung und Lieferketten der Unternehmen wie in der COVID19-Krise lag in der Finanzkrise nicht vor.

Schwierige Refinanzierungen und drohende Überschuldung bei Unternehmen in der Finanzkrise

Während der Finanzkrise begleitete AlixPartners unter anderem viele Private Equity Unternehmen und deren Portfoliofirmen, bei denen es Schwierigkeiten in der Refinanzierung gab und deren Finanzstruktur restrukturiert werden musste. So arbeiteten wir beispielsweise mit einem Unternehmen in der Medienproduktion, das mehrheitlich einem namhaften Private Equity-Investor gehörte. Das Unternehmen hatte im Laufe der Finanzkrise einen erheblichen Umsatz- und Ergebniseinbruch verzeichnet und besaß gleichzeitig eine hohe Fremdkapitalquote. Durch die fortlaufenden Verluste drohten Überschuldung und Insolvenz. Gleichzeitig benötigte das Unternehmen frische Liquidität für seinen Geschäftsbetrieb. Zusammen mit der Geschäftsführung mussten wir einen Restrukturierungsplan ausarbeiten, der die operativen Verluste stoppte und mit den Banken eine neue Finanzierungsstruktur verhandeln.

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Drei Erfolgsfaktoren zur Bewältigung unterschiedlicher Krisen

So unterschiedlich Krisen auch sein mögen, sehen wir in unserer täglichen Klientenarbeit doch gemeinsame Erfolgsfaktoren zur Bewältigung.

1. Unternehmen müssen in Krisen in der Lage sein, schnell Entscheidungen zu treffen, um sich neuen Situationen anzupassen

Einer der wichtigsten Aspekte im Umgang mit einer Krise ist, aktiv zu werden. Eine Krise einfach nur "auszusitzen", ist keine Option. So verschlimmert sich diese entweder oder es kommt zur Eskalation; sprich die Krise lässt sich irgendwann gar nicht mehr lösen.
Es gilt: Je bedrohlicher und dynamischer eine Krise ist, desto aktiver müssen Unternehmen werden, und desto schneller müssen sie wichtige Entscheidungen treffen.

Dazu ist es wichtig, mit allen relevanten Entscheidungsträgern in kurzen, regelmäßigen Abständen die Krisensituation neu zu bewerten und wenn nötig, den Kurs zu korrigieren.

Im Beispiel des Wartungsunternehmens von Offshore Windparks bedeutete das, einen Hauptverantwortlichen für die Koordination aller Krisenmaßnahmen zu benennen und mehrmals die Woche eine Krisensitzung mit der Geschäftsführung und den Entscheidern der wichtigsten Abteilungen zu organisieren. In diesen Terminen wurden die aktuellsten Entwicklungen besprochen, Verantwortlichkeiten für Lösungsvorschläge vereinbart und auf Basis von neuesten Erkenntnissen Entscheidungen getroffen.
Dazu gehörten etwa die Einführung von Home Office für alle Büromitarbeiter, Entscheidungen zum Umgang mit Lieferanten, um die Fortführung von Lieferketten und des Geschäftsbetriebs sicherzustellen und die Verlängerung des Wartungs-Zyklus der Offshore Crews.

2. Getroffene Entscheidungen müssen anschließend konsequent umgesetzt und nachverfolgt werden

Viele Unternehmen, die Krisen aktiv angehen und trotzdem an deren Bewältigung scheitern, schaffen es nicht, getroffene Entscheidungen und Maßnahmen auch konsequent umzusetzen. In unserer Erfahrung liegt in solchen Fällen oftmals ein Problem in der Verantwortung und konsequenten Nachverfolgung der Maßnahmen vor. Es ist daher wichtig, dass Maßnahmen zur Krisenbewältigung immer stark von der Geschäftsführung mitgetragen sowie klare Verantwortlichkeiten und verbindliche Ziele auf der Umsetzungsebene vereinbart werden. Gleichzeitig müssen Stand der Umsetzung und Ergebnisse der Maßnahmen regelmäßig nachverfolgt werden.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich im Laufe des Prozesses auch einmal Widrigkeiten ergeben, die in der Anfangsplanung nicht bedacht wurden. In solchen Fällen gilt es, aktiv und sehr zeitnah Kurskorrekturen zu beschließen, um das anvisierte Ziel noch zu erreichen.

Im Fall des Unternehmens in der Medienproduktion war es daher wichtig, den Geschäftsführer von den notwendigen operativen Restrukturierungsmaßnahmen zu überzeugen und diese zu entscheiden. Im zweiten Schritt wurden klare Verantwortlichkeiten im Management für jede Maßnahme vereinbart und Umfang und Ziele der Restrukturierungsmaßnahmen ausgearbeitet. Im weiteren Verlauf unterstützten wir das Unternehmen bei der Einführung eines neuen Liquiditätsmanagements, Sales Reportings und wöchentlichen Reports zum aktuellen Stand der Maßnahmen, um den Umsetzungsstand nachzuverfolgen und wenn nötig zusätzliche Maßnahmen einzuleiten.

3. Nur wenn alle relevanten Stakeholder ausreichend mit eingebunden werden, lässt sich eine Krise erfolgreich bewältigen.

Der dritte Erfolgsfaktor ist die ausreichende Einbindung aller relevanten Stakeholder. In Phasen massiver Disruption müssen viele Stakeholder auch wirtschaftlich aufeinander zugehen. Das kann bedeuten, dass Zulieferer niedrigere Preise akzeptieren, Kunden höhere Preise bezahlen, Banken Schuldenschnitten zustimmen und Mitarbeiter Restrukturierungen mittragen müssen. Nur wenn sich alle wesentlichen Stakeholder nicht übervorteilt sehen und frühzeitig und regelmäßig involviert sind, besteht Bereitschaft zu Zugeständnissen.

Für das skizzierte Medienproduktionsunternehmens war es entscheidend, insbesondere die Hauptbanken schnell und umfassend einzubinden. Das Ziel war es, eine neue Finanzstruktur zu verhandeln und die drohende Insolvenz zu verhindern. Insbesondere die Kreditgeber von vorrangigen Schulden mussten dabei Eingeständnisse machen. Dies gelang nur durch eine Verpflichtung der Geschäftsführung, unprofitable Einheiten des Unternehmens kurzfristig zu veräußern, zu restrukturieren oder zu schließen, um wieder operativen Gewinn zu erzielen.

Im Fall des Wartungsunternehmens von Offshore Windparks musste das Unternehmen alle relevanten Stakeholder - also Mitarbeiter, den Mutterkonzern des Unternehmens, lokale Gesundheitsämter, Zulieferer, medizinische Versorgungsstellen sowie die Bundespolizei (grenzüberschreitende Reisen) eng und kontinuierlich koordinieren und die notwendigen Maßnahmen abstimmen.

Ausblick 2021: Der wirtschaftliche Druck wird weiter steigen und Krisenbewältigung ein zentrales Thema bleiben

Wir erwarten, dass der Krisendruck auf viele Unternehmen in den kommenden Monaten weiter zunehmen wird. Aus unserer Sicht mildern die laufenden staatlichen Interventionen wie Hilfskredite und die derzeit ausgesetzte Insolvenzantragspflicht das wirkliche Ausmaß der Coronakrise aktuell stark ab. Wir gehen jedoch davon aus, dass mit dem Auslaufen vieler Maßnahmen die Krise erst wirklich zu Tage tritt, falls keine schnelle wirtschaftliche Erholung eintritt. Dadurch wird sich die Krisensituation für viele Unternehmen verschärfen, bis hin zu drohender Überschuldung und Insolvenz. Für viele Unternehmen wird daher die erfolgreiche Krisenbewältigung ein zentrales Thema in den kommenden Monaten bleiben.

 Über die Autoren

Michael Dorn ist Managing Director bei AlixPartners und leitet das deutsche Turnaround und Restrukturierungsgeschäft. Über die letzten 20 Jahre hat er eine einzigartige Expertise bei der Verbesserung der Finanzkennzahlen (Gewinn und Verlust, Bilanz und Cashflow), der Finanzierung, dem organisatorischen Aufbau und dem Ablaufmodell globaler und inländischer Unternehmen in gesunden, gestressten und notleidenden Situationen aufgebaut. Michael Dorn übernimmt oftmals Interim Management Positionen in verschiedenen Funktionen und hatte mehrere C-Level-Positionen inne. 

Lennard Weghöft ist Senior Vice President in AlixPartners- Turnaround- und Restrukturierungspractice. Über die letzten 10 Jahre hat er sich einen weiten Erfahrungsschatz in komplexen Turnarounds, Restrukturierungen und Transformationen von Konzernen und mittelständischen Unternehmen in oftmals gestressten und notleidenden Situationen angeeignet. Sein Fokus liegt dabei oftmals auf der Einführung von neuen Operating Modellen, Reorganisationen und groß angelegten Kostensenkungsprogrammen.

cb

Veröffentlicht am: 28.10.2020

 

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