CO2-Neutralität: Auswirkungen auf Sanierungs- und Refinanzierungsfähigkeit

Matthias Müller & Casper Stadel, Dr. Wieselhuber & Partner GmbH

Was die Sanierungs- und Refinanzierungsfähigkeit von Unternehmen betrifft, gewinnt das Thema CO2-Neutralität zunehmend an Fahrt. Denn neben Kunden und Lieferanten haben auch potenzielle Investoren oder Kreditgeber ein Interesse an klimaneutralen Partnerschaften und bevorzugen Unternehmen, die zukunftsfähig aufgestellt sind. Eine der zentralen Anforderungen an aktuelle Sanierungskonzepte ist daher die Quantifizierung einer sofortigen oder späteren CO2-Neutralität auf GuV, Bilanz und Cash-Flow.

Im Kraftwerk Lippendorf wird Braunkohle verstromt. (Bld: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas)

Längst bekannt ist, dass der Klimawandel zu den größten Herausforderungen unserer Zeit zählt.  Auch klar ist, dass in der Wirtschaft ein Umdenken stattfinden muss, um den CO2-Fußabdruck zu reduzieren, und eine nachhaltige Strategie für die Transformation hin zu einem klimaneutralen Unternehmen entwickelt werden muss. Die Signifikanz und die Verantwortung gegenüber der Umwelt ist den Firmenchefs bewusst, es fehlt jedoch eine klare Definition was Klimaneutralität eigentlich genau bedeutet, welche Maßnahmen die Unternehmensbilanz beeinflussen und vor allem wie sich das Thema auf die Refinanzierungsfähigkeit auswirkt.

Nicht zuletzt wird das Thema insbesondere durch strenge ESG-Auflagen für Finanzinvestoren getrieben. Schon seit einigen Jahren zeigt sich bei Private Equity-Investoren ESG nicht nur als zentrales Investitionskriterium, sondern auch als kritischer Wertsteigerungshebel und unverzichtbarer Bestandteil der Equity-Story. Aus Sicht des Restrukturierungs- und Sanierungsberaters stellen sich in diesem Zusammenhang einige Fragen: Wie würde sich eine sofortige oder nachfolgende CO2-Neutralität auf die GuV und Bilanz auswirken? Inwieweit müssen die Chancen und Risiken in aktuellen Sanierungs- und Restrukturierungsprojekten berücksichtigt werden?

Quantifizierung von CO2-Neutralität in Euro

An erster Stelle steht die Analyse des Ist-Zustandes sowie die Klärung der Frage wieviel das Unternehmen heute verbraucht. Ein wesentlicher Aspekt ist die Definition von Handlungsfeldern (Scopes) entsprechend des Greenhouse Gas Protocols (GHG), mit denen verschiedene Emissionsarten voneinander abgegrenzt und Doppelerfassungen vermieden werden.

Abb. 1) Messung CO2-Bilanz via GHG Protocol Corporate Standard.

Als Datenquellen zur Berechnung von CO2-Emissionen und der Durchführung von Analysen mit Hilfe des GHG dienen etwa (1) Controlling Tools, (2) Managementsysteme (z.B. zur Buchung von Geschäftsreisen), (3) Rechnungen (z.B. von Energielieferanten) oder Zertifizierungen bzw. spezifische Managementsysteme. Sind die Aktivitätsdaten erfasst, zum Beispiel der Strom in kWh, werden diese in CO2-Äquivalente umgerechnet. Dies erfolgt in der Regel durch die Umrechnung mittels offizieller Emissionsfaktoren.

Auswirkungen der CO2-Neutralität auf die Ertrags- und Finanzierungssituation

Viele Unternehmer sehen in den Maßnahmen zur Verbesserung der Klimabilanz vor allem hohe Kosten und Investitionen. Hier wird weniger die angestrebte Klimaneutralität in Europa bis 2050 ausschlaggebend sein, sondern vielmehr die Anforderungen von Kunden und Finanzierern, die deutlich kurzfristiger schlagend werden.

Einerseits führen diese Investitionen zu positiven Synergieeffekten, einer verbesserten Marktpositionierung und steigender Mitarbeiterattraktivität, andererseits werden hierfür kurz- oder langfristig deutliche Cash-Bedarfe entstehen. Unternehmen stehen also vor der Aufgabe, die Transformation hin zur Klimaneutralität in der finanziellen Planung darzustellen. Hierfür eignet sich eine Vergleichsrechnung und die Darstellung der Effekte auf die integrierte Planung des Unternehmens (GuV, Bilanz, Cashflow).

Dabei sind grundsätzlich folgende, sich ggfs. überlappende/kombinierte Szenarien zu unterscheiden:

  1. Szenario „weiter so“ – Fortführung ohne Rücksicht auf CO2-Emissionen
  2. Sofortige Kompensation des CO2-Ausstoßes durch den Erwerb von Zertifikaten mittels Kompensationsprojekten, z.B. Aufforstung oder Investitionen in den Ausbau erneuerbarer Energien
  3. Vermeidung und Reduktion von CO2-Emissionen durch zusätzliche Investitionen oder investive Kosten

Für Unternehmen aus emissionsintensiven Industrien wie Chemie, Metall oder Stahl, in denen eine „Null-Emissions-Strategie“ gilt, kommt es auf die Entwicklung von Produktionsprozessen aus CO2-senkenden Technologien an (z.B. Wind-, Brennstoff- oder Solartechnik). Rechnungen zu Folge müsste beispielsweise der Industriekonzern Thyssen-Krupp für den Ersatz von Kohle durch klimaneutralen Wasserstoff bis 2050 rund 10 Milliarden Euro investieren.

Refinanzierungsfähigkeit der Unternehmen

Die „harte Währung“ in der Restrukturierung ist die gesicherte Durchfinanzierung und die Refinanzierungsfähigkeit. Die oben genannten Szenarien müssen unter diesen Aspekten bewertet werden. Die zentrale Fragestellung dabei ist, ob das betrachtete Unternehmen heute in der Lage wäre, die CO2-Neutralität zu finanzieren – sei es durch Kompensation oder durch Investitionen. Eine Diskussion über den zeitlichen Rahmen der Umsetzung kann mit dem Regulator oder den Kunden geführt werden, allerdings nicht über die Maßnahmen selbst. Die nachfolgende Grafik zeigt einen exemplarischen Fall.

Abb. 2) Einschätzung zur Refinanzierungsfähigkeit.

Hinsichtlich der Refinanzierungsfähigkeit und der Inanspruchnahme von Fremdkapital ist eine flache Investitionskurve empfehlenswert, da so der kontinuierliche jährliche Cash-Flow darauf verwendet werden kann. Je länger hier abgewartet wird, desto mehr werden die Investitions- und Veränderungsbedarfe gestaucht und desto steiler geht die Kurve mit den kurzfristigen Investitionsbedarfen nach oben.

Auswirkungen auf die Sanierungsfähigkeit

Die Quantifizierung und Bewertung der in Abbildung 2 gezeigten Szenarien ist zentrale Aufgabe im Rahmen des Sanierungskonzeptes, vor allem zur frühzeitigen Ermittlung der Interessen der Stakeholder. So könnte das „Szenario Lose“ für eher risikoaverse Stakeholder durchaus attraktiv sein, da es mit einer kurzfristigen Verbesserung der Verschuldungsrelationen und somit der Risikopositionen einhergeht. Umso wichtiger ist es also für Unternehmen sich frühzeitig mit den Themen zu beschäftigen, um gestauchte und dann nicht mehr refinanzierbare Investitionsbedarfe zu vermeiden.

Über Matthias Müller und Casper Stadel

Matthias Müller ist Mitglied der Geschäftsleitung der Dr. Wieselhuber & Partner GmbH. Er verantwortet Projekte rund um Sanierung, Restrukturierung, Finanzierung und Insolvenz. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt dabei einerseits auf der Lösung von komplexen Fragestellungen an der juristisch-betriebswirtschaftlichen Schnittstelle und andererseits auf der pragmatischen Modellierung von komplexen Sachverhalten.

Casper Stadel ist Senior Consultant Restructuring & Finance bei Dr. Wieselhuber & Partner GmbH. Er begleitet Projekte rund um die Themen Restrukturierung, Finanzierung und Sanierung. Hierbei liegt sein fachlicher Schwerpunkt auf der pragmatischen Modellierung von Zahlen und der Abbildung relevanter Szenarien im insolvenznahen Umfeld.

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