Consulting-Häuser setzen bislang den Schwerpunkt beim Klimaschutz, erkennen aber die Notwendigkeit tiefergehender Transformation

Umfrage unter den Top30-Consultinghäusern zum Thema Nachhaltigkeit

Mit welchen Angeboten in Sachen Nachhaltigkeitsberatung gehen die großen Consulting-Häuser in Deutschland auf ihre Kunden zu? Welche Schwerpunkte setzen sie dabei? Und: Seit wann haben sie CSR-Beratung in ihrem Portfolio? Das wollte CONSULTING.de von den 30 größten Consulting-Unternehmen in Deutschland wissen.

Klimaschutz und die mit ihm verknüpfte unternehmerische Verantwortung ist auch abseits von Friday for Future-Demonstrationen in der öffentlichen Debatte omnipräsent. Dieser Fokus beeinflusst folglich auch Angebot und Nachfrage in der Nachhaltigkeitsberatung. (Bild: picture alliance / Fotostand | Fotostand / Reuhl)

Ob unter dem Schlagwort C02-Neutralität, Dekarbonisierung oder Net Zero Strategy – der Schwerpunkt im Angebot von Nachhaltigkeitsberatung in Deutschland ist klar. So ziemlich jedes der von CONSULTING.de im März 2022 zu seinen CSR-Aktivitäten befragten Beratungshäuser hat eine Beratungssparte im Portfolio, die Kundenunternehmen bei ihrem Beitrag zum Klimaschutz unterstützen soll. Sie treffen damit auch den Nerv ihrer Kundenunternehmen, wie unsere Zusammenfassung der Prioritäten auf der Nachfrageseite von vergangener Woche zeigte ("Wie sieht die Nachfrage nach Nachhaltigkeitsberatung konkret aus?")

Dekarbonisierung des Geschäftsmodells

Die Angebote reichen dabei von einem umfassenden Beratungsansatz, der das Kerngeschäft sowie vor- und nachgelagerte Prozesse in den Blick nimmt, bis hin zur Spezialisierung auf einzelne Bereiche beziehungswiese Funktionen.

„Ein großes Thema ist die Dekarbonisierung von Geschäftsmodellen im Allgemeinen sowie Produktionsprozessen, Wertschöpfungsketten und Finanzierungs- und Investitionsportfolios von Finanzdienstleistern im Besonderen“,

beschreibt Dr. Stefan Wörner, als Partner bei Bain & Company zuständig für Nachhaltigkeitsthemen in der DACH-Region, die Prioritätensetzung seines Hauses. Ähnlich liest es sich bei McKinsey & Company, nur eben auf Englisch: “McKinsey Sustainability works in five main ways to deliver impact for our clients and the planet: sustainability strategy and portfolio optimization, green business building, decarbonization transformation, net-zero financial institutions, and sustainable investing.” Und Roland Berger lässt verlauten:


„Wir bieten seit vielen Jahren Beratung in den Bereichen Erneuerbare Energien, Clean Tech, Dekarbonisierung sowie Beratung zur Nachhaltigkeit im weiteren Sinne. Dabei ist uns die Verbindung zur Unternehmensstrategie unserer Kunden überaus wichtig.“

Konkretes Angebot: „Climate-Action-Strategien und -pläne inklusive Dekarbonisierung Scope 1-3“. Ähnlich breit aufgestellt sehen sich auch andere Consultingunternehmen. KMPG leistet „Strategische Unterstützung in Sachen Klimaschutz/Net Zero-Ziel“, und Ernst & Young berät zu „Dekarbonisierung – von der Strategiefindung bis zur Umsetzung“.

Green IT und Daten für Nachhaltigkeit

Consultinghäuser mit Schwerpunkt auf Technologieberatung weisen indes besonders häufig darauf hin, dass mit ihrer Unterstützung eine nachhaltigere, CO2-reduzierte IT-Infrastruktur aufgebaut und aus verschiedenen Unternehmensbereichen wertvolle Daten für das eigene Nachhaltigkeitsmanagement gewonnen und zusammengeführt werden können.

Detecon International fokussiert u.a. die „Erhebung des CO2-Fußabdrucks von Unternehmen, Projekten und Produkten“ und berät zu „Green ICT, sprich allen Fragen zur Energieeffizienz digitaler Infrastrukturen“. Welche digitalen Lösungen die T-Systems-Tochter auf dem Weg in die Klimaneutralität konkret empfiehlt, beschrieb kürzlich hier bei CONSULTING.de Managing Partner Steffen Roos in seinem Beitrag. In dieselbe Kerbe hatte zuvor auch die Deutschland-Chefin von BearingPoint, Iris Grewe, geschlagen: „Ein Booster für die Nachhaltigkeit: Digitale Daten“ war der Titel ihres Artikels. Daten sind häufig objektiver als menschliche Einschätzungen, lautete eine von Grewes Einschätzungen:

"Ein Grundproblem, weshalb Prozesse häufig nicht nachhaltig laufen, liegt auch in der menschlich verzerrten Wahrnehmung. Wir glauben intuitiv zu wissen, welche Faktoren unseren CO2-Fußabdruck beeinflussen. Allerdings sind die Hauptreiber oftmals nicht diejenigen, die wir meinen, als Priorität erkannt zu haben."

Dass auch Capgemini mit ähnlichen Dienstleistungsangeboten aufwartet, wundert angesichts des traditionellen Schwerpunktes auf IT und Spitzentechnologie nicht: „Sustainable IT“ und „Data for Net Zero-Strategie“ stehen auch bei Europas größtem Consulting-Haus auf der Menükarte.

Weitere Treiber für Nachhaltigkeit und Beratungsangebote

Der Fokus auf den Klimaschutz lässt sich mit dem öffentlichen und regulatorischen Druck erklären, den Kunden nicht zuletzt durch Fridays for Future (Gründung 2018) und internationale Vereinbarungen wie dem 2015 verabschiedeten Pariser Abkommen verspüren. Hinzu kamen Debatten um Arbeitsbedingungen in Produktionsländern und faire Lieferketten. Im gleichen Zeitraum begannen viele Beratungshäuser, eigene Beratungsteams zum Thema Nachhaltigkeit aufzubauen und diese Leistung auf unter diesem Label zu bewerben.

„Aber auch davor gab es schon Projekte, die einen positiven Impact auf die Umwelt oder die Gesellschaft zum Ziel hatten“,

stellt Capgemini für die eigene Beratungspraxis klar. Dies gilt sicherlich ebenso für das Gros der Beratungsunternehmen, die in ihrer Historie Projekte zu Effizienzsteigerungen und Ressourcenverbrauch begleitet haben.

Das Kind bekommt jetzt einen Namen: Nachhaltigkeitsberatung

Nachhaltigkeitsberatung als eigenständiges Beratungsfeld gibt es indes deutlich länger. „Im Grunde genommen ist Nachhaltigkeitsberatung bereits seit mehr als 30 Jahren eine normale Beratungsleistung. Allerdings lief dieses Thema innerhalb der Branche für 25 Jahre eher auf kleiner Flamme. Die Nachfrage zog dann vor drei bis fünf Jahren rapide an“, stellte auch BDU-Präsident Ralf Strehlau vor wenigen Wochen im Interview mit CONSULTING.de eine Parallele zu den o.g. gesellschaftlichen Entwicklungen fest. Es gibt allerdings Treiber für nachhaltiges Wirtschaften, die älter sind. Und somit auch andere Beratungsanlässe:

„Treiber waren zunächst die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Reporting größerer, auch börsennotierter Unternehmen,“

erläuterte Ralf Strehlau ebenda. Schub bekam das Thema, so die einhellige Einschätzung der befragten Häuser, dann noch einmal durch die EU-Taxonomie und die Verabschiedung des deutschen Lieferkettengesetzes. 

ESG, Compliance & Co.

Den Compliance-Hintergrund kann man auch in den Antworten der auf Wirtschaftsprüfung spezialisierten Consulting-Häuser ablesen, die in der Regel schon seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Thema Nachhaltigkeit konfrontiert sind. KPMG beschreibt als einen seiner Schwerpunkte die „Erfüllung der regulatorischen Anforderungen“ und bietet Unterstützung bei der „Einrichtung schlanker und effizienter Environmental Social Governance-Strukturen“. Ernst & Young zählt entsprechend zu seinen Prioritäten ein „Effektives und effizientes Compliance- und Risk-Management bezüglich Nachhaltigkeitsthemen, inklusive Governance-Fragen“.

Auch Hórvath („ESG-Reporting und Steuerung“), Roland Berger („Einführung von ESG in der Unternehmensorganisation und in Anreizsystemen“) und Oliver Wyman („ESG-Taxonomie-Konformität, ESG-konforme Produkte“) weisen explizit auf entsprechende Beratungsangebote hin. Wobei sich auf diesem Feld ein Wandel von Compliance-Orientierung hin zu einem gestaltendem Anspruch andeutet, wie ihn Stefan Wörner von Bain & Company beschreibt:

„Nachdem in den letzten Jahren ein Fokus auf dem Risikomanagement lag, rückt nun immer mehr in den Vordergrund, einen Wertbeitrag durch ESG zu generieren. Bei unserer Arbeit spüren wir sowohl im Topmanagement als auch bei  jungen  Neueinsteigerinnen und Neueinsteigern den starken Willen, etwas zu verändern.“

Die Zukunft gemeinsam gestalten: Die nachhaltige Transformation

Denn vielerorts setzt sich inzwischen die Erkenntnis durch: Die nachhaltige Transformation der Wirtschaft wird auch vor den Geschäftsmodellen und Kernprozessen der Unternehmen nicht halt machen. Das ist natürlich das Spielfeld der Unternehmensberater. Hier setzen einige Beratungsunternehmen bereits mit entsprechend formulierten Angeboten an. Ernst & Young beispielsweise unterstützt Kunden bei der “Umgestaltung der Wertschöpfung vom Produkt über die die Wertschöpfungskette inklusive des wichtigen Themas Kreislaufwirtschaft“, Capgemini berät zu den Themen „New Business Models, Sustainable Operations & Supply Chain“, auch Porsche Consulting hat einen Schwerpunkt zum Thema „Circular Economy“.

Porsche Consulting weist in seinem Angebot auf einen wichtigen Aspekt hin: Nachhaltigkeit muss von Menschen in Unternehmen umgesetzt werden. Entsprechend formuliert die Beratung auch als weiteren Schwerpunkt den „Mensch im Mittelpunkt: Führung, Kommunikation, Befähigung“. Auf diese mit Nachhaltigkeit verbundenen HR- und Kulturthemen sind die Pawlik Consultants spezialisiert, die Ihren Ansatz folgendermaßen formulieren:

„Die größte Herausforderung besteht in den individuellen und kollektiven Verhaltensänderungen als erforderlicher Kulturwandel. Der technologische Wandel ist natürlich fundamental, für uns aber nur ein Teil des Notwendigen. Der eigentliche Wandel ist menschlich.“

Daraus abgeleitete konkrete Beratungsthemen sind für Pawlik unter anderem Cultural Change, Diversity, nachhaltige Karrierepfade, Work-Life-Balance, Arbeitsbedingungen.

Alles Nachhaltigkeitsaspekte der Arbeitswelt, die auch für Consulting-Unternehmen relevant sind.

Lesen Sie deshalb in Kürze in Teil 3 dieser Reihe, was Beratungshäuser selbst tun, um das eigene Wirtschaften auf nachhaltige Füße zu stellen.    
 

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