Wie sieht die Nachfrage nach Nachhaltigkeitsberatung konkret aus?

Umfrage unter den Top30-Consultinghäusern zum Thema Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeitsberatung scheint aktuell eines der Boom-Themen für die Consultingbranche zu sein. Oder ist die Nachfrage in Wahrheit doch nur ein laues Lüftchen? Wie konkret sind die Anfragen und Aufträge, die die deutschen Top 30-Beratungen aktuell erhalten? Wir haben bei den größten deutschen Beratungsnachhäusern nachgehört, mit welchen Beratungsanlässen und Projekten sie sich aktuell beschäftigen.

Dekarbonisierung und Klimaneutralität sind wichtige Themen, die aktuell in der Beratung nachgefragt werden (Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopress)

Nachhaltigkeit ist als Thema für die Beratungsbranche in aller Munde. So ist Nachhaltigkeit seit Ende letzten Jahres eines der meistgesuchten Keywords im Anbieterverzeichnis von CONSULTING.de. Doch ein Hype muss sich nicht zwangsläufig auch im Auftragsbuch der Consultants niederschlagen. Laut Vorabergebnissen der Studie „Lünendonk®-Studie 2022: Managementberatungen in Deutschland“ weisen immerhin 13 Prozent der Projekte, die Managementberatungen für ihre Kunden aktuell umsetzen, einen ESG-Bezug auf. Doch worum geht es dabei genau?

Wir haben die Top-30 Beratungen in Deutschland kontaktiert und nach ihren Einschätzungen des Markts rund um das Thema Nachhaltigkeit befragt. Wohin wird sich der Markt der Nachhaltigkeitsberatung weiter entwickeln? Welche umweltbedingten, gesellschaftspolitischen und regulatorischen Entwicklungen treiben den Beratungsmarkt?

Aktuell: CO2-Fußabdruck, ESG und nachhaltige Lieferketten

Bei den meisten Top-Beratungen wird aktuell besonders das Thema Dekarbonisierung nachgefragt, das heißt die Reduzierung des CO2-Fußsabdrucks, wie zum Beispiel in der Antwort von Capgemini deutlich wird:

Derzeit erhalten wir viele Kundenanfragen zu den Themen Entwicklung von holistischen Nachhaltigkeitsstrategien und -visionen – speziell auch Dekarbonisierungsstrategien. Viele Anfragen beziehen sich auf CO2-Bilanzierungen, Scope 1 (direkte Emissionen aus firmeneigenen Quellen) und Scope 2 (indirekte Emissionen aus eingekauften Energiequellen zum Beispiel Strom).

Ähnliches berichtet die Strategieberatung Roland Berger, die darüber hinaus von Kundenseite bereits mit den Herausforderungen konfrontiert wird, die Lieferkette nachhaltiger zu gestalten. Auf den Punkt bringt das auch die Antwort von McKinsey:

We are partnering with our clients on the toughest challenges they face ranging from net zero & ESG strategy, green business building, decarbonization transformation, net zero financial institutions, and sustainability investing.

Der Treiber dafür, so die Wirtschaftsprüfung EY, seien die regulatorischen Notwendigkeiten wie die Erfordernisse aus der Verordnung (EU) 2020/852, kurz ESG-Taxonomie genannt, die zunächst vorrangig den Finanzsektor betrifft:

Aus unserer Sicht fokussiert die Nachfrage im Moment stark auf regulatorische Themen; vor allem auf diejenigen, die unmittelbar Geld kosten.

Das Beratungshaus Oliver Wyman geht aber davon aus, dass „sich die Lenkungswirkung der ESG-Taxonomie auch in der Industrie entfalten wird, insbesondere über den Einfluss auf die Kapitalkosten“.

Vergleichsweise wenig wird dagegen über Nachfrage im Bereich soziale Nachhaltigkeit berichtet, wo es um Themen wie Diversity, Inklusion und Wellbeing geht. Beschäftigen sich Unternehmen aber aktuell mit dem Thema Purpose, so die PAWLIK Consultants, ist das Thema Nachhaltigkeit immer dabei: „Gerade in den letzten zwölf Monaten ist ein starker Trend in Richtung Purpose und Nachhaltigkeit zu beobachten, da sich Employer Attractiveness nicht mehr alleine durch Rendite und Bottom Line erreichen lassen. Purpose bekommt damit eine wettbewerbsentscheidende Rolle und die Erwartungen der Mitarbeitenden (und potenziellen Kandidaten) treiben das Thema immer stärker.“

Am Horizont: Notwendige Veränderung vieler Geschäftsmodelle

Wir wollten auch wissen, welche Nachhaltigkeitsthemen aus Sicht der Beratungshäuser an Bedeutung zulegen werden. Auch unter dem Eindruck des Ukrainekrieges tauchte in den Antworten vermehrt das Thema Energieversorgung und die sicherheitspolitische Dimension der Globalisierung auf.

Daneben dominiert die konkrete Arbeit an der Dekarbonisierung sowie die Ermöglichung klimaneutraler Kreislaufwirtschaft.

We believe that solving the net-zero equation will be at the heart of challenges that countries and companies will need to address in the future,

ließ etwa McKinsey verlauten. Dabei werden von etlichen Consultinghäusern bereits die Chancen gesehen, die der nachhaltige Weg auch für Unternehmen bietet, die die Umbruchsituation aktiv angehen. Das bekräftigt auch Bain & Company: „Die Forderung nach mehr Nachhaltigkeit durch Investoren, regulatorische Kräfte und teilweise auch Konsumentinnen und Konsumenten kann ganze Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten unter Druck setzen. Doch Unternehmen, die diese Umbruchsituation beherzt angehen, bieten sich auch Chancen.“ Deutlich wird dabei, dass die Regularien, die der Gesetzgeber in Bezug auf Nachhaltigkeit zukünftig vorschreiben wird, das Potenzial haben, komplette Geschäftsmodelle infrage zu stellen.

Getrieben durch Gesetze, Öffentlichkeit und nachhaltigen Konsum

Neben der Gesetzgebung beeinflusst die "drängende Öffentlichkeit" Unternehmen auf dem Weg zu Nachhaltigkeit (Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopress)

Als Treiber hin zu mehr Nachhaltigkeit sehen die Beratungshäuser in erster Linie Vorgaben durch den Gesetzgeber: Allen voran werden das Lieferkettengesetz, die EU Taxonomie aber auch das Pariser Abkommen genannt. Das liegt besonders daran, dass einmal verabschiedete Gesetze vergleichsweise beständig sind. Roland Berger bestätigt:

Regulatorische Bedingungen sind unter den Treibern die robustesten, wenn es um die Umstellung ganzer Branchen geht.

Zusätzlich werden Berichtsvorgaben für ESG-Aktivitäten und Unternehmensrankings als Treiber aufgeführt, an die sich Unternehmen, die zum Beispiel bestimmte Fördergelder in Anspruch nehmen möchten, halten müssen.

Weiteren Veränderungsdruck üben laut den Beratungshäusers aber auch die Interessen der unterschiedlichen Share- und Stakeholder aus. Bain & Company nennt dies etwa die „Fordernde Öffentlichkeit“, die durch ihre Nachfrage nach umweltfreundlichen Produkten und Dienstleistungen, aber auch durch Bewegungen wie Fridays for Future, die Entwicklung beeinflussen kann.

Eine ähnliche Rolle wird in diesem Kontext auch den Mitarbeitenden zugeschrieben, die durch Entscheidung für einen nachhaltigen Arbeitgeber ebenfalls Druck auf Veränderungen ausüben können. „Gerade die Jüngeren sowie Bewerberinnen und Bewerber fordern Nachhaltigkeit intensiv ein“, beobachtet Bain & Company. So könnte der „War for talents“ eine starke Waffe sein, um Unternehmen zum Umdenken zu bewegen.

Ein weiterer Faktor sind neue Anforderungen am Kapitalmarkt, die eine große Rolle im Zusammenhang mit einer konsistenten ESG-Strategie spielen.

Auch das Thema Kapitalbeschaffung stellt einen wichtigen Hebel dar. „Drängende Investoren“ nennt dies Bain & Company. So wird von der Oliver Wyman GmbH zum Beispiel eine zunehmende Sensitivität für Nachhaltigkeitsthemen bei Investitionsentscheidungen beobachtet.

Lesen Sie in Teil 2 des Artikels, wie konkret Beratungshäuser ihre Kunden beim Thema Nachhaltigkeit bereits betreuen.

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