Big-Data-basierte Versicherungsprodukte

08.02.2017

Von Jasmin Schirmer, Sopra Steria Consulting

Digitalisierung, Internet der Dinge, Cloud Computing, Big Data, Mobile und Social Media – Technologien, die längst nicht mehr nur abstrakte Begriffe darstellen, sondern inzwischen den allgemeinen Sprachgebrauch und das alltägliche Handeln prägen. Gründe dafür sind insbesondere die zunehmende Verbreitung und Entwicklung internetfähiger Smartphones und Tablets.

Bezogen auf die Versicherungswirtschaft führen diese Trends zu einem tiefgreifenden Strukturwandel und stellen die Branche vor neue Herausforderungen. Durch das Heranziehen von Experten aus der Versicherungsbranche und aus der IT-Branche konnten die Akzeptanz, die Erfahrungen und die Zukunftsperspektiven des Individualisierungstrends in der Versicherungswirtschaft herausgestellt und bewertet werden.

Die in der Versicherungsbranche aufkommenden Big-Data-Aktivitäten lassen sich derzeit in drei Handlungsfelder gliedern: Mobilität, Gesundheit und Wohnen. Big Data bezeichnet hier das Erfassen und Auswerten von vielen persönlichen Daten aus unterschiedlichen Quellen und das Errechnen von Schlussfolgerungen daraus.

Produkte im Bereich der Mobilität

Erhältliche Produkte des deutschen Versicherungsmarktes im Bereich der Mobilität sind in Tabelle 1 dargestellt.

Abb.1: Erhältliche Produkte des deutschen Versicherungsmarktes im Bereich der Mobilität

Abb.1: Erhältliche Produkte des deutschen Versicherungsmarktes im Bereich der Mobilität


Diese Auflistung verdeutlicht, dass vor allem Telematik-Anwendungen per Smartphone App eingesetzt werden. Auch auf dem internationalen Versicherungsmarkt finden immer mehr Telematik-Tarife Anwendung. Die Marktdurchdringungen sind dabei, je nach Region, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Gründe hierfür sind insbesondere die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der einzelnen Länder, als auch in der historischen Entwicklung der Vorgängerprodukte.

Abb.2: Telematik-Tarife weltweit

Abb.2: Telematik-Tarife weltweit


Die zurzeit erhältlichen Produkte in diesem Bereich können dabei als Zwischenlösung bewertet werden, da die technologische Basis kontinuierlich weiterentwickelt wird. Die Herausforderung der Versicherer wird es vor allem sein, die Einzellösungen wie den Unfallmeldestecker, die Einführung des eCall zu 2018, Telematik und Additive Services so zu verbinden, dass diese einen echten Mehrwert für die Kunden bieten. Die Ideen einiger Start-up Unternehmen und ein situativer Versicherungsschutz können dazu dienen, die individuellen Bedürfnisse des Kunden abzudecken. Ansätze hierbei können das Ausweiten eigener Modelle und Partnerschaften im Themengebiet "connected car" sein. Dieser Ansatz verfolgt das Ziel, dem Kunden Mehrwerte bspw. in Form von Punktesystemen, Tankgutschriften oder mobilem Internet per WLAN im Fahrzeug zu bieten. Weitere Ansätze können Hinweise zur Schadenfrüherkennung oder Routenoptimierung sein, so dass die Versicherer zunehmend als Partner zur Schadenprävention wahrgenommen werden.

Produkte im Bereich der Gesundheit

Im Gegensatz zum Mobilitätsektor stehen die Entwicklungen von Big-Data-basierten Versicherungsprodukten im Bereich der Gesundheit erst am Anfang. Seit Mitte 2016 ist das erste Produkt diesem Bereich auf dem Markt. Die Generali Deutschland bietet, in Kooperation mit dem südafrikanischen Versicherer Discovery, seit 1. Juli 2016 das Produkt "Generali Vitality" an. Dabei sollen die Kunden bei Abschluss einer Risikoleben- oder Berufsunfähigkeitsversicherung mit Hilfe des Programmes zu einem gesundheitsbewussteren Leben begleitet, motiviert und belohnt werden.

Die Untersuchung von Big-Data-basierten Versicherungsprodukten im Bereich der Gesundheit zeigt, dass die Produkte und Erfahrungen außerhalb des deutschen Versicherungsmarktes oftmals fortgeschrittener sind. Auffällig ist vor allem die Verbreitung des Vitality-Programmes. Discovery hat dazu sowohl Joint Ventures gegründet als auch Kooperationen mit Versicherern auf der ganzen Welt geschlossen, so dass Vitality international angeboten wird. Zudem wird deutlich, dass das Programm sowohl im Kranken- als auch Lebensversicherungsbereich Anwendung findet.

Die Analyse anderer bzw. internationaler Märkte zeigt weitere Geschäftsmodelle auf. Eine verbreitete Methode ist das Setzen von Vorgaben für gelaufene Schritte oder andere Verhaltensziele aus den Bereichen Sport und Ernährung. Dazu werden zum einen Smartphone-Apps verwendet, bei denen es für die Zielerreichung monetäre Anreize in Form von Prämienersparnissen gibt. Zum anderen werden "Tracker-Modelle" verwendet, bei denen die Kunden kostenlose Fitness-Tracker oder Smartwatches erhalten. Bei Zielerreichung können Kunden Belohnungen erhalten, bspw. werden Zuzahlungen für das zur Verfügung gestellte Device erlassen.

Abb.3: Vitality und weitere Programme

Abb.3: Vitality und weitere Programme


Wie im Bereich der Mobilität kann auch hier davon ausgegangen werden, dass die aktuellen Fitness-Tracker durch neue Geräte abgelöst werden. Denkbare Ansätze können Technologien in Richtung "smart clothing" sein. Dabei ist für den Erfolg und die Verbreitung dieser Produkte eine vereinfachte Handhabung für die Kunden und eine kostengünstige Bereitstellung der benötigten Hardware notwendig.

Im Gesundheitssektor muss ein besonderer Fokus auf den Schutz persönlicher Daten gerichtet werden. Gerade in diesem Bereich kann man davon ausgehen, dass die Kunden skeptisch gegenüber der Herausgabe von persönlichen Daten sind. Ein sensibler und vertrauensvoller Umgang ist die Basis der Kundenbeziehung.

Produkte im Bereich des Wohnens

Die Anwendungen im Bereich des Wohnens setzen sich aus drei Komponenten zusammen: Die Hardware ("Devices"), die Plattformen bzw. "Ecosysteme", über die die Geräte miteinander vernetzt werden können, und die Services bzw. Dienstleistungen. Schadenminderung, Wartung oder Sicherheitsfirmen können dabei nachgelagert auf Meldungen der Devices reagieren. Versicherer sind derzeit bestrebt, bei den Services in den Markt einzusteigen und stehen somit in Konkurrenz zu zahlreichen spezialisierten Smart-Home-Anbietern.

Auf dem deutschen Versicherungsmarkt existieren bereits einige Pilotprojekte, die einen Einstieg  für Versicherer in den Markt von Smart Home ermöglichen. Diese unterscheiden sich dabei nach Versicherungsart, Geschäftsmodell und angebotenen Services.

Entwicklungen im Bereich der Smart Home Versicherungsprodukte finden sich zurzeit überwiegend auf dem europäischen und auf dem U.S.-Markt. Die Auswertung der vorherrschenden Produkte hat gezeigt, dass es derzeit zwei grundlegende Ansätze für Geschäftsmodelle gibt: Die Gewährung von Rabatten bei Anschaffung oder bei der Verwendung von Smart Home Devices sowie der Versuch, den Kunden über kostenpflichtige Schutz- und Serviceleistungen zu gewinnen. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass die Verbreitung dieser Modelle sehr regionsabhängig ist. Während der U.S.-Markt das Rabatt-Modell verfolgt, fokussiert sich der europäische Markt auf das Modell der Service- bzw. Rund-um-Leistungen.

Abb.4: Deutscher und internationaler VMarkt

Abb.4: Deutscher und internationaler VMarkt


Auch in diesem Bereich ergibt sich analog zum Thema der Mobilität die Herausforderung, Kooperationen mit Herstellern zu schließen. Ziel dabei ist es, dem Kunden direkt mit dem Kauf der Technik passende Angebote unterbreiten zu können. Darüber hinaus müssen auf technischer Seite, die bisherigen Probleme von Insellösungen behoben werden, da es derzeit keinen Standard gibt über den alle Geräte miteinander kommunizieren können. Nur so kann den Kunden eine ganzheitliche Nutzung und die Vernetzung aller Komponenten ermöglicht werden. Die Versicherer stehen in diesem Handlungsfeld vor der Herausforderung, sich Klarheit über potentielle Modelle und Intentionen der Nutzung von Smart Home zu schaffen.

Bereichsübergreifende Herausforderungen & Handlungsfelder

Bereichsübergreifend werden die Herausforderungen der Versicherer kurz- bis mittelfristig darin liegen, individuelle und flexible Produkte zu bieten, die den Anforderungen der Kunden entsprechen und mit den technischen Entwicklungen übereinstimmen. Es gilt Zusatzleistungen und echte Mehrwerte für die Kunden zu identifizieren und anzubieten. Die Herausforderung individueller und flexibler Produkte liegt insbesondere darin, den Kunden nicht zu überfordern, da diese Art der Produktgestaltung derzeit (zumeist) mit komplexen Strukturen, Auswahl- und Kombinationsmöglichkeiten verbunden ist.

Ansätze wie situativer Versicherungsschutz, Risikogemeinschaften wie Friendsurance oder Start-ups im Umfeld von "connected cars", "connected health" oder "connected living" zeigen auf, dass Versicherungsprodukte für die Kunden zunehmend als "by-side" Produkte statt als Hauptprodukt gesehen werden. Dabei steht der Versicherungsschutz nicht unbedingt im Fokus, sondern kann auf Basis anderer "Erlebnisfaktoren" oder im Zuge der Anschaffung anderer Produkte erfolgen. Denkbare Ansätze finden sich bereits im Ausland durch "give aways" wie kostenlose Wearables, die dem Kunden einen unmittelbaren und greifbaren Mehrwert bei Abschluss seiner Kranken- oder Lebensversicherung bieten. Serviceleistungen wie die Arztsuche, der Diebstahlschutz oder die automatische Hilfe bei Wasserschäden treten zunehmend in den Vordergrund und werden nur bedingt mit "klassischen" Versicherungsprodukten in Verbindung gesetzt.

Abb.5: Status Quo nach Bereichen

Abb.5: Status Quo nach Bereichen


Der Datenschutz und die Kalkulation sind weitere Handlungsfelder, die zu betrachten sind. Hier stehen sich der Unternehmens- und der Kundennutzen gegenüber, so dass es Konzepten bedarf, die diese beiden Bereiche in Einklang bringen. Vor allem gilt es, die Diskussion bezüglich des Solidarprinzips bei der Entwicklung künftiger Geschäftsmodelle zu klären. Gleiches gilt für den Datenschutz, um neue Konzepte und Regelungen für die Umsetzung von Big-Data-basierten Produkten gewährleisten zu können.

Betrachtet man die technologische Entwicklung und Trends der letzten Jahre wie zum Beispiel Social Media, so wird deutlich, dass die Akzeptanz, erfasste Daten weiterzugeben, deutlich gestiegen ist. Es ist zu erwarten, dass diese Entwicklungen langfristig auch Einzug in die Versicherungsbranche halten wird. Wie konkrete Modelle und Produkte tatsächlich aussehen werden, ist dabei nur kurzfristig vorhersehbar.

Des Weiteren haben die Erfahrungen der betrachteten Testfelder aufgezeigt, dass es strategisch nicht zwingend der Rolle des Vorreiters bedarf, um erfolgreich am Markt zu sein. Diese Sichtweise stützt sich darauf, dass Produkte neben den dargestellten Erfolgsfaktoren insbesondere dann Akzeptanz und Absatz am Markt finden, wenn sowohl die technischen Voraussetzungen ausgereift als auch die Kunden solchen Konzepten gegenüber offen sind.

Sämtliche hier aufgezeigten Produkte basieren lediglich auf der einfachen Auswertung gesammelter Daten. Die große Stärke und langfristige Zukunft von Big-Data-basierten Versicherungsprodukten liegt jedoch in der Verknüpfung von massenhaft gesammelten Daten und der Gewinnung völlig neuer Schlussfolgerungen daraus. Die Möglichkeiten und Risiken dieser grundsätzlich neuen Herangehensweise sind dabei heutzutage kaum abzuschätzen.

Abb.6: Big Data heute und morgen

Abb.6: Big Data heute und morgen

 

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