Das Internet of Things und die Versicherungswirtschaft: Innovationstreiber für eine Branche im Wandel

Das Metier der Unternehmensberater floriert in Zeiten starker Veränderung. Den "steady-state" managen Unternehmen im Wesentlichen mit eigenen Kräften – das Reagieren auf neue und disruptive Herausforderungen erfordert dagegen eine ganz andere Qualität externer Unterstützung.

Das Internet of Things: neue Perspektiven für die Assekuranz? (Bild: chombosan - fotolia.com)
Das Internet of Things: neue Perspektiven für die Assekuranz? (Bild: chombosan - fotolia.com)

Von Dr. Dirk Siegel, Partner bei Deloitte

Der Versicherungswirtschaft, in der über die Jahrzehnte Kontinuität und Solidität die beherrschende Maxime waren, steht in den nächsten Jahren ein solch fundamentaler Wandel bevor, der die Rolle des Beraters signifikant erweitern und verändern wird.

Während in den vergangenen Jahren Berater in der Assekuranz vor allem im Bereich der Prozesse unterwegs waren – meist mit dem Blick auf Effizienz und Erhöhung des Automatisierungsgrads – stellt sich heute die viel fundamentalere Frage: Welche Geschäftsmodelle tragen überhaupt noch in einer durch Niedrigzinsen und rasant fortschreitender Technologie-Innovation geprägten Welt.

Wie sieht also die Tätigkeit als Berater im Bereich der Technologie-Innovation aus, welche Verschiebungen gibt es bei Beratungsschwerpunkten? Diese Aspekte werden beispielhaft deutlich bei der Betrachtung des  Innovationstreibers Internet of Things (IoT).

Die IoT-Technologie ist bereits real: Vernetzte Sensoren finden sich nach und nach im Alltag von immer mehr Menschen wieder. Für die Assekuranz eröffnet sich die faszinierende – aber auch alles auf den Kopf stellende – Möglichkeit, mittels Sensordaten gemeinsam Risiken zu managen und wirkungsvoll zu begrenzen. Mehr Kundennähe und intensivere Kundeninteraktion werden möglich, wenn die Versicherer diese disruptive Technologie meistern und ihre inhärenten Risiken begrenzen.

Mit dem "Internet of Things" ist es möglich, eine immer größere Zahl von Sensoren zu vernetzen und aus der gigantischen Menge der so gewonnenen Daten wichtige Informationen und Impulse abzuleiten.

Für Verbraucher ergeben sich aus der "Internet of Things"-Technologie eine Vielzahl von Anwendungsfällen, wie die Steuerung und Optimierung der Infrastruktur in der "Smart City" oder den "Smart Grids" der Energieversorger. Gleichzeitig muss hierbei jedoch die Bereitschaft gegeben sein, die eigenen Daten auch freizugeben. Hierfür ist eine hohe Transparenz der Versicherer zum Umgang mit Kundendaten notwendig, damit Verbraucher das notwendige Vertrauen haben.

Für die Assekuranz hingegen eröffnet die IoT-Technologie die Perspektive, Risiken zusammen mit ihren Kunden (und im gegenseitigen Interesse) zu erkennen und bereits im Voraus zu reduzieren, statt sie lediglich im Schadensfall zu kompensieren.

Dies sei am Beispiel von Car-Telematics erläutert, dem am weitesten fortgeschrittenen IoT-Anwendungsfall, der vor allem in Italien, Großbritannien und in den USA schon einen hohen Grad der Akzeptanz gefunden hat. Im Car-Telematics-Anwendungsfall werden mittels Sensoren im Kfz eine Reihe von Geschwindigkeits- und Beschleunigungs-Daten an den Versicherer gesendet, durch die dieser den Risikogehalt der Fahrweise bewertet. Der Fahrer hat Zugriff auf diese Auswertungen und kann seinen Fahrstil anpassen – somit das tatsächliche Unfallrisiko senken, was der Versicherer durch eine Reduktion der Versicherungsprämie honoriert. Weitergehende Maßnahmen zur gemeinsamen Risikoreduktion sind denkbar: Wenn zum Beispiel die Telematiksensoren registrieren, dass ein Fahrer häufig an unfallträchtigen Orten unterwegs ist, kann der Fahrer auf alternative Routen hingewiesen werden oder ähnliches.

Auf der Zeitachse noch nicht genau zu verorten, aber schon klar absehbar, werden diese weiteren IoT-Themen für die Assekuranz relevant:

  • Smart Home: der Einsatz von Sensoren zur Steuerung und Sicherung des Eigenheims
  • E-Health: das Monitoring von Vitalparametern, das derzeit vor allem im Fitness-Bereich boomt aber auch einen klaren Business Case beim Monitoring chronisch kranker Menschen hat.

Für beide Fälle ergeben sich Nutzungssituationen im Sinne des gemeinsamen Risikomanagements:

Smart-Home-Daten ermöglichen Anwesenheitssimulationen zur Einbruchsprävention, das automatische Einleiten von Rettungsmaßnahmen im Brandfall und das Monitoring, ob Fenster und Türen geschlossen sind.

E-Health-Techniken können genutzt werden, um den Versicherten zur Teilnahme an Fitnessmaßnahmen zu ermutigen und über die Umsetzung Feedback zu geben, sowie um bestimmte Krankheiten frühzeitig zu erkennen. Ein gesunder Lebensstil kann so identifiziert und durch Prämienreduktion honoriert werden. Dies in einem Kontext, im dem das Gros der Kosten in den Gesundheitssystemen der entwickelten Länder von chronischen – größtenteils durch die Lebensführung vermeidbaren – Erkrankungen verursacht wird.

Vor dem Hintergrund dieser sich abzeichnenden Entwicklung ist folgender, in hohem Maß erweiterter Beratungsbedarf bei Kunden der Assekuranz erkennbar:

  • Szenario-Planung: Die technologische Entwicklung ist keineswegs linear vorgezeichnet. Welche Szenarien sind denkbar und in sich schlüssig? Auf welche Szenarien hin sollte ich meine Unternehmensstrategie ausrichten? Im Fall des IoT sind zum Beispiel auch Szenarien denkbar, in denen Datenschutzaspekte einige auf den ersten Blick sinnvolle Use Cases im Keim ersticken.
  • Impact-Analysen: Was bedeutet die technologische Entwicklung für mein Unternehmen? Welche Geschäftsbereiche sind betroffen? Welche Chancen und Risiken ergeben sich?
  • Strategie-Entwicklung mit technologischem Fokus: Für welche sich abzeichnenden neuen Geschäfts-Chancen bin ich gut aufgestellt? Wo kann ich einen "Competitive Advantage" erreichen? Welche Capabilities zeichnen mich aus? Welche muss ich zusätzlich entwickeln oder ins Unternehmen holen?
  • Ökosystem-Management: Längst kann ich als Versicherer nicht mehr alles inhouse leisten. Selbst die größten globalen Player verabschieden sich von dieser Idee und verringern ihre Wertschöpfungstiefe. Umso mehr gilt dies für die Vielzahl der mittelgroßen Häuser in der deutschen Versicherungswirtschaft. Kernkompetenz wird also das Orchestrieren eines Ökosystems von Partnern aus der IT-Branche, von Beratern und von Start-ups. Gerade das Nutzbarmachen des enormen Innovationspotenzials der sogenannten "Fintechs" ist für die meisten deutschen Versicherer Neuland.
  • Change-Management: Es ist klar, dass die nötigen Neuausrichtungen auch mit einer Erneuerung der Unternehmenskultur einhergehen müssen. Bei Bewahrung des Markenkerns der Solidität und Verlässlichkeit ist die Fähigkeit zur schnellen Reaktion und zum Internalisieren innovativer Ideen auszuprägen. Für die IT hat man dafür bereits sehr treffend den Begriff der "IT der zwei Geschwindigkeiten" gefunden. Dies gilt aber für alle Geschäftsbereiche: Altes und Neues wird – schon aufgrund der Langfristigkeit vieler Produkte und Kundenbeziehungen – auf Sicht koexistieren. Die Kulturen und Managementsysteme sind aber notwendigerweise unterschiedlich. Diese auszubilden und unter einem gemeinsamen Dach zu versammeln ist eine gewaltige Herausforderung.

Aus Sicht der Unternehmensberatung ergibt sich also die Notwendigkeit und Herausforderung, bei hoher Technologiekompetenz neue Beratungsansätze zu entwickeln und auf die spezifische Situation der deutschen Assekuranz hin auszurichten und anzupassen. Diese Herausforderung geht einher mit der Chance, in immer relevantere Themen vorzudringen, zum "trusted advisor" zu werden und so die Geschäftsbeziehung zu vertiefen und zu erweitern.

Zur Person:

Dr. Dirk Siegel ist Partner bei Deloitte. Der Fokus seiner Arbeit liegt auf internationalen Transformationsprojekten im Bereich Financial Services – vor allem für Versicherungen. Dr. Siegel arbeitet meist an der Schnittstelle von Geschäftsprozessen und Informationstechnologie. Themen wie Blockchain, Analytics und Digitale Transformation gilt daher sein besonderes Interesse. Dr. Siegel verfügt über 25 Jahre Erfahrung in der Unternehmensberatung – 15 davon als Partner namhafter internationaler Beratungshäuser. Dr. Siegel hat 1992 an der Cambridge University über ein Thema der Angewandten Mathematik promoviert.

Veröffentlicht am: 12.07.2016

 

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