"Die Versicherungsbranche steht M&A-Aktivitäten wieder aufgeschlossener gegenüber"

Interview mit Rechtsanwalt Dr. Peter Etzbach

Dr. Peter Etzbach ist Partner der Sozietät Oppenhoff & Partner und berät schwerpunktmäßig die Versicherungs- und Finanzindustrie. Im Interview mit CONSULTING.de äußert er sich zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Geschäftsmodelle der Versicherer, zu aktuellen juristischen Herausforderungen für die Branche sowie zu Aktivitäten im Bereich Mergers and Acquisitions.

Dr. Peter Etzbach, Partner der Sozietät Oppenhoff & Partner
Dr. Peter Etzbach, Partner der Sozietät Oppenhoff & Partner

CONSULTING.de: Herr Dr. Etzbach, "Digitalisierung" ist derzeit das große Buzzword in zahlreichen Branchen. Das Thema spielt gerade auch bei Versicherungen eine große Rolle, da bestehende Geschäftsmodelle grundsätzlich ins Wanken geraten. Wie ist Ihre Beobachtung?

Peter Etzbach: Das ist richtig, die Digitalisierung macht auch vor dem an sich eher konservativen Versicherungswesen nicht Halt. Kunden erwarten von den Versicherern umfassende digitale Angebote bei der Beratung, beim Vertragsschluss und auch bei der Abwicklung von Schadenfällen. Das gilt für Privatpersonen sowie für gewerbliche Versicherungsnehmer gleichermaßen. Insgesamt herrscht natürlich große Konkurrenz auf dem Gebiet der Digitalisierung. Um hier mitzuhalten, sind in der vergangenen Zeit zahlreiche neue Geschäftsmodelle erarbeitet worden. So entwickeln Versicherer beispielsweise gezielt Marken für neue Kunden oder stellen auf applikationsbasierter Basis digitale Versicherungsordner bereit. Einige Versicherer arbeiten mit Plattformen zusammen, auf denen sich homogene Gruppen online den besten Tarif aushandeln lassen können. Nicht zuletzt erhöhen Online-Vergleichsportale den Kampf um die niedrigsten Prämien. Das gilt auch für den Bereich der Industrieversicherung.

Die Versicherer stellt die fortschreitende Digitalisierung vor große Herausforderungen. Um hier ein paar Beispiele zu nennen: Wenngleich Kunden die Nutzung digitaler Medien anfragen, liegt vielen Versicherungsnehmern nach wie vor eine persönliche Betreuung am Herzen. Hier kann es für die Versicherer mitunter schwierig sein, die richtige Balance zu finden. Ferner beobachten wir, dass  es für die Versicherer aufgrund der immens hohen Innovationsgeschwindigkeit schwierig ist, den Erfolg der neuen Medien vorab einzuschätzen, und mithin entsprechend zu budgetieren.

CONSULTING.de: Wie können die Versicherungskonzerne den Herausforderungen aus Ihrer Sicht begegnen?

Peter Etzbach: Zunächst einmal müssen die Versicherer die stetige Automatisierung als einen wesentlichen Eckpfeiler identifizieren und ihre Unternehmensorganisation entsprechend anpassen. Zahlreiche Versicherer verankern die Verantwortung für die Digitalisierung auf der Ebene der Geschäftsleitung, was ich auch für richtig halte. Zusätzlich kann die Begleitung der Ausweitung von digitalen Angeboten im Rahmen eines Change-Management-Prozesses sinnvoll sein, um herkömmliche Strukturen nach und nach zu ergänzen beziehungsweise zu ersetzen. Auf operativer Ebene gilt es dann, die Wünsche des Kunden in den Vordergrund zu stellen. Hier sollten digitale und analoge Angebote miteinander in Einklang gebracht werden, um die Bedürfnisse möglichst vieler Versicherungsnehmer zu erfüllen. Den meisten Kunden ist wie gesagt, trotz der Nachfrage nach digitalen Angeboten, die persönliche Betreuung sehr wichtig. Diese muss aber nicht in allen Fällen unbedingt im Rahmen eines Besuchs des klassischen Versicherungsvertreters erfolgen, sondern kann zunehmend durch neue Medien wie Videokonferenzen oder Online-Chats ersetzt werden. Auch sollten die Unternehmen ihre Vermittler bei der Verwendung von digitalen Medien unterstützen und die erforderlichen technischen Ressourcen bereitstellen.

Was die Geschwindigkeit der Digitalisierung anbelangt, müssen die Versicherer auf Veränderungen und neue Trends unmittelbar reagieren. Dies setzt eine kontinuierliche Marktbeobachtung voraus. Geschäftsmodelle müssen weiter entwickelt und gegebenenfalls auch kurzfristig angepasst werden. Hier ist also Flexibilität gefragt. Selbstverständlich muss auch die eigene IT stetig ausgebaut und weiter entwickelt werden, um den Neuerungen zu begegnen und hier wettbewerbsfähig zu bleiben. Erste Produkte, die eine Verknüpfung der digitalen Welt herstellen, sind zum Beispiel bei Krank- und Kfz-Versicherungen bereits auf dem Markt. Auch können die Versicherer durch den Einsatz neuer digitaler Technologien ihre Beiträge noch besser kalkulieren, dritte Anbieter stellen hierfür spezielle innovative Software bereit.

Versicherungsunternehmen können von branchenfremden Playern profitieren

CONSULTING.de: Wie bewerten Sie die Rolle branchenfremder Player in diesem Kontext?

Peter Etzbach: Insgesamt beobachten wir, dass die Automatisierung in anderen Branchen mit immens hoher Geschwindigkeit verläuft. Versicherer können da aufgrund ihrer Struktur und Größe nicht ohne weiteres mithalten - wenngleich zahlreiche Unternehmen hier zweifelsohne bereits recht weit sind. Nach meiner Einschätzung profitieren die Versicherungsunternehmen aber durchaus von branchenfremden Playern. Die Rolle von Online-Vergleichsplattformen habe ich vorhin bereits angesprochen. Einige sind am Markt fest etabliert. Ein Klick, und der Kunde kann die verschiedenen Angebote anhand der für ihn wesentlichen Eckdaten wie Preis, Leistungsumfang und Laufzeit ganz einfach miteinander vergleichen. Allerdings sind FinTechs im Versicherungsbereich noch nicht auf dem Vormarsch.

CONSULTING.de: Wird es aus Ihrer Beobachtung im Versicherungssektor verstärkt zu M&A-Aktivitäten kommen?

Peter Etzbach: Nachdem die M&A-Aktivitäten im Versicherungswesen während beziehungsweise nach der Finanzkrise stark eingebrochen sind, beobachten wir seit 2014 wieder vermehrt Akquisitionen. Nach meiner Einschätzung geht der Trend auch künftig in diese Richtung. Insgesamt steht die Branche M&A Transaktionen wieder aufgeschlossener gegenüber. Allgemeine Motive sind hier der wachsende Wettbewerbsdruck sowie der damit einhergehende Wunsch nach Umsatzwachstum und der Vergrößerung von Marktanteilen. Ein wichtiger Treiber sind die neuen regulatorischen Vorschriften ("Solvency II"), die zum 1. Januar 2016 in Kraft getreten sind. Aufgrund der insoweit strikteren Kapital- und Verwaltungsanforderungen ist davon auszugehen, dass die Marktteilnehmer zur Erfüllung der Anforderungen Größenvorteile anstreben, die Kapitaleffizienz ihrer Produkte überprüfen und ihr Portfolio gegebenenfalls anpassen wollen. Auch die vorhin bereits thematisierte Digitalisierung wird Fusionen und Übernahmen nach meiner Einschätzung eher vorantreiben. Versicherer, die beispielsweise bereits über moderne Vertriebswege verfügen, dürften aus Sicht zahlreicher Marktteilnehmer höchst interessante Targets darstellen. Ferner spielen Verkäufe von geschlossenen Beständen und Run-off-Geschäftsfeldern eine große Rolle, da das so gewonnene Kapital in andere Bereiche investiert werden kann.

Herausforderungen durch Solvency II

CONSULTING.de: Welchen juristischen Herausforderungen stehen die Versicherer angesichts der derzeitigen Marktsituation gegenüber?

Peter Etzbach: Wie gesagt gelten seit dem 1. Januar 2016 die neuen regulatorischen Vorgaben von Solvency II. Das Regelwerk enthält im Wesentlichen quantitative Vorgaben zu den Eigenmitteln, qualitative Anforderungen an das Risikomanagement sowie erweiterte Berichterstattungspflichten der Versicherungsunternehmen. Die Versicherer stellt die Implementierung der neuen Regeln vor riesige Herausforderungen, nicht zuletzt aufgrund der komplexen und teilweise auch unübersichtlichen Vorgaben. Erschwert wird der Prozess noch dadurch, dass viele der neuen aufsichtsrechtlichen Vorgaben noch nicht abschließend geklärt sind. Detailanforderungen unterliegen seitens der Aufsicht der Anpassung, die Umsetzung bei den Versicherungsunternehmen muss jedoch parallel erfolgen. Als "Moving Target" wird Solvency II die Branche nach meiner Einschätzung noch eine Weile beschäftigen.

Daneben bereitet den Versicherern das anhaltende Niedrigzinsumfeld größte Probleme. Die gegenwärtige Zinspolitik der Europäischen Zentralbank macht es nicht leichter, das Geld der Versicherungsnehmer gewinnbringend anzulegen. Die mit Solvency II einhergehenden strengen Eigenmittelvorgaben verschärfen die Situation hier noch. Vor besonderen Schwierigkeiten stehen die Lebensversicherer. Die den Kunden seinerzeit vertraglich garantierte Verzinsung kann am Kapitalmarkt jedenfalls mit den klassischen Anlagen wie Staatsanleihen kaum noch erzielt werden. Lang laufende festverzinsliche Wertpapiere sind rar, Zinsverpflichtungen können daher kaum vollständig kongruent bedeckt werden. Hier die regulatorischen Anforderungen einzuhalten, aber gleichzeitig ein vorzeigbares Anlageergebnis vorzuweisen ist schwierig.

CONSULTING.de: Beim Thema Datenschutz gibt es international große Unterschiede – sind ausländische Anbieter bei der Entwicklung neuer Modelle den deutschen Konkurrenten hier möglicherweise einen Schritt voraus?

Peter Etzbach: Europaweit mag es hier derzeit noch Unterschiede geben. Ab dem 25. Mai 2018 gilt aber in allen Mitgliedstaaten der EU die europäische Datenschutzgrundverordnung, die einen einheitlichen Datenschutzstandard etablieren wird. Die Regelungen gelten zunächst europaweit, der Anwendungsbereich wird jedoch durch das sog. Marktortprinzip erweitert. Ausschlaggebend ist, dass personenbezogene Daten von Nutzern aus einem EU-Mitgliedstaat verarbeitet werden. Die Vorgaben gelten damit für alle Unternehmen, die ihre Dienste auf dem europäischen Markt anbieten, auch wenn der Anbieter selbst in einem Drittstaat ansässig ist. Insoweit gehe ich davon aus, dass es auf dem europäischen Markt jedenfalls aus Rechtsgründen künftig keine großen Unterschiede bei der Entwicklung neuer Modelle geben wird.

Das Interview führte Claas Lübbert

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Veröffentlicht am: 29.08.2016

 

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