"Das Projektgeschäft ist komplex und teilweise unvorhersehbar"

Sonja Strich, Odgers Berndtson

Sonja Strich ist in der Position Head of Operations (HR, Personal- und Organisationsentwicklung, Recruiting) bei Odgers Berndtson tätig. Im Interview erläutert sie den Wandel in der Beratungsbranche und gibt Tipps, worauf junge Berater bei Projekten achten sollen.

Sonja Strich (Bild: Odgers Berndtson )

Sonja Strich (Bild: Odgers Berndtson )

Manche sagen, die Beraterbranche sei schon einmal attraktiver für junge Leute gewesen. Was versprechen Sie denen, die sich dennoch bewerben?

Sonja Strich: Die Beraterbranche ist im Wandel. Das bietet Optionen für den Nachwuchs, denn Mandate werden heutzutage nicht mehr nur über Seniorität, Erfahrung und die entsprechende Brand gewonnen. Ohne Content, ein entsprechendes Netzwerk und die Verknüpfung neuer, gestern noch irrelevanter Themen, ist Beratung nicht mehr zukunftsfähig. Das bietet den Silberrücken der Branche die Möglichkeit, kein Auslaufmodell zu werden und den Jüngeren gleichzeitig einen professionellen Einstieg in die Beratung. Ergo: Wir versprechen eine klassische WIN-WIN-Situation - von erfahrenen Beratern lernen und sich gleichzeitig selbst verwirklichen zu können.

Angenommen, Sie sollen eine Anzeige schalten und darin drei Gründe nennen, warum es großartig ist, bei Ihnen in der Firma zu arbeiten. Welche wären das?

Sonja Strich: Erstens bieten wir viel Raum, um sich persönlich und fachlich zu entwickeln und Themen zu treiben, die einem liegen. Zweitens können unsere Mitarbeiter aktiv an der Transformation zu Executive Search 4.0 mitwirken. Und drittens geht es in unseren Geschäft immer mehr um die Besetzung von neu entstandenen, hochklassigen Führungspositionen in den Bereichen Digital, Künstlicher Intelligenz etc., was gerade für junge Berater hochspannend ist.

Es heißt immer, die Consulting-Branche sei offen für AbsolventInnen aus allen Studienbereichen. Bei welchen Studiengängen schauen sie dennoch zwei Mal hin?

Sonja Strich: Wir sind tatsächlich offen für alle Studienbereiche, denn unsere Klienten sind in allen Branchen vertreten. Demzufolge finden Sie bei uns Betriebswirte, Juristen und Volkswirte ebenso wie Kunsthistoriker, Soziologen, Germanisten, Politikwissenschaftler, Physiker oder Psychologen. Wo wir genau hinschauen, ist bei der Art des akademischen Abschlusses. Wir stellen bevorzugt Absolventen mit Masterabschluss oder Diplom ein.

Wie sehen bei Ihnen die Auswahlverfahren aus?

Sonja Strich: Die eigene Peergroup der Consultants ist von Anfang an bei der Rekrutierung dabei. Regelmäßig finden unsere Consultants spannende potenzielle neue Kollegen in den Sozialen Netzwerken oder auch im Freundeskreis und sprechen diese teilweise noch während des Studiums an. Wir haben mehrere Einstiegsmöglichkeiten für junge Absolventen geschaffen. Idealerweise entwickeln wir unsere Talente vom Werkstudenten in die Rolle des Consultants und langfristig zum Berater. Wir haben gute Erfahrungen gemacht, potenzielle Mitarbeiter einen ganzen Tag lang in unseren Offices hospitieren zu lassen. Das machen wir übrigens auch mit unseren ProjektassistentInnen so. Nur so wird klar, ob wir die richtigen Menschen zusammenbringen. Auch wenn wir als Headhunter Profis in der Rekrutierung sind, kann es blinde Flecken geben, deshalb drehen wir gerne auch mehrere Interviewrunden mit den unterschiedlichsten Kollegen.

Unabhängig von Ihrem Studien-Background: Bei welchen Themen sollten BewerberInnen unbedingt fit sein?

Sonja Strich: Berufseinsteiger sollten keine Berührungsängste im Kontakt mit Menschen haben. Das klingt banal, ist aber nicht selbstverständlich. Denn irgendwann kommt es zu dem Moment, wo jeder Associate den ersten Kandidaten anruft, um ihm von einem spannenden Mandat zu berichten. So mancher Berufseinsteiger hat diese Situation unterschätzt und tut sich am Anfang schwer. Auch über ein hohes Maß an Selbststeuerungskompetenz sollte der Neuling verfügen. Denn das Projektgeschäft ist volatil, komplex und teilweise unvorhersehbar.

Was mögen Sie überhaupt nicht im Bewerbungsgespräch?

Sonja Strich: Wenn mein Gesprächspartner es nicht schafft, mein Interesse zu wecken, wenn er mich nicht fesselt. Dann kann es sein, dass ich mich schnell langweile. Meistens lasse ich mich aber begeistern und … auch gern mit schwarzem Humor.

Wie arbeiten Sie einen neuen Mitarbeiter ein, der bislang nur wenig Berührung mit Wirtschaftsthemen hatte?

Sonja Strich: Das funktioniert am besten direkt am Projekt, das heißt an einem konkreten Mandat. Jeder Neueinsteiger realisiert – ebenso wie unsere Berater – im Tandem mit erfahrenen Consultants und Beratern zwei bis drei Suchmandate. Dadurch lernen sie die Branche und den jeweiligen Markt am besten kennen. In der Regel dauert das ein gutes Jahr. In dieser Zeit erarbeitet sich der Neuling ein solides Basiswissen über wirtschaftliche Zusammenhänge sowie Markt- und Kundenbedürfnisse.

Warum arbeiten Sie gerne im Consulting?

Sonja Strich: Weil es eine spannende Arbeit am Menschen ist, die jeden Tag anders aussieht und mich in Sachen Professionalität und Kreativität immer wieder aufs Neue fordert.

Wie sieht der erste Tag eines Junior-Consultants bei Ihnen aus?

Sonja Strich: Am ersten Tag wird der oder die Neue von mir oder einem der Managing Partner am Empfang abgeholt. Danach geht es zum Mentor, einem erfahrenen Senior Consultant, der den Junior für die kommenden sechs Monate begleitet. Noch am Vormittag startet ein zweiwöchiges Onboarding, das Grundlagen zu internen Prozessen und Ansprechpartnern, unseren Systemen, der Organisation und unseren Werten vermittelt. Spätestens an Tag drei ist jeder Associate, so heißen bei uns die Junior-Consultant, Teil eines Projektteams, das mehrere Suchmandate verantwortet.

Nach einer Woche fragt ein Neuling nach Work-Life-Balance – frech oder erlaubt?

Sonja Strich: Das Thema klären wir eigentlich bereits im Bewerbungsgespräch. Falls die Frage dennoch kommt, würde ich im Gegenzug fragen, was er oder sie genau damit meint? Im schlimmsten Fall haben Organisation und Neuling nicht "gematched". Da muss man dann auch ehrlich miteinander sein.

Über Odgers Berndtson: Odgers Berndtson ist seit mehr als 50 Jahren eines der weltweit führenden Unternehmen für Executive Search und Leadership Assessment. Das Unternehmen sucht Führungskräfte und Spezialisten für Unternehmen in allen Branchen, öffentlichen Verwaltungen und Non-Profit-Organisationen. Odgers Berndtson Deutschland ist inhabergeführt und beschäftigt aktuell 100 Mitarbeiter in Frankfurt und München. Weltweit sind rund 1.000 Mitarbeiter an 58 Standorten in 29 Ländern für Odgers Berndtson tätig. Die Berater arbeiten in international vernetzten Industry Practices, die sich auf die branchenspezifischen Bedürfnisse ihrer Klienten konzentrieren.

Veröffentlicht am: 05.10.2018

 

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