Einmal Indien & zurück

Traineeprogramm bei Tata Consultancy Services – ein Bericht

Wenn ein indischer IT-Dienstleister ein Traineeprogramm in Deutschland anbietet, dann ist das schon etwas Besonderes. Was die Teilnehmer erleben und was Kultur mit Karriere zu tun hat, schildert dieser Bericht.

Christoph Weitzel, Trainee bei Tata Consultancy Services
Christoph Weitzel, Trainee bei Tata Consultancy Services

Beim Verlassen des Flughafens schlägt Sherwan Barzange und Christoph Weitzel tropische Luft entgegen. Obwohl es mitten in der Nacht ist, beträgt die Temperatur rund 25 Grad Celsius. Dazu kommt die hohe Luftfeuchtigkeit in Trivandrum, einer südindischen Stadt mit rund 750.000 Einwohnern. Busse bringen die Beiden und ihre 17 Mitreisenden nach der Ankunft aus Deutschland vorbei an Palmen ins Hotel. 

Allerdings machen die Bachelor-Absolventen keinen Urlaub, sondern absolvieren ein Traineeprogramm bei Tata Consultancy Services (TCS). Der IT-Dienstleister hat seinen Hauptsitz im indischen Mumbai und mehr als 140 weitere Standorte im ganzen Land. In Deutschland ist das Unternehmen seit 1991 aktiv und bietet seit 2017 ein einjähriges Traineeprogramm für Bachelor- und Masterabsolventen an, bei dem die Teilnehmer verschiedene Weiterbildungen in Indien absolvieren. 

Pragmatisch gelöste Anfangsprobleme

"Als wir in der Nacht gelandet sind, mussten wir im Hotel feststellen, dass die Zimmer noch nicht fertig waren",  sagt Sherwan Barzange. Erst am Nachmittag wäre der Check-in möglich gewesen. "Für uns eine unglückliche Situation nach dem langen Flug. Aber unser Ansprechpartner vor Ort hat das pragmatisch gelöst und die Übernachtung für alle 19 Teilnehmer im Gästehaus des Unternehmens organisiert." 


Es gilt nicht als unhöflich, etwas zu drängeln

Die Vorbereitung des Indien-Aufenthalts fand in Deutschland statt. Das Traineeprogram startete im Oktober, neben der organisatorischen Planung mit Visa-Anträgen und Flugbuchungen gehörten dazu auch Workshops für Soft Skills und interkulturelles Arbeiten. Drei Wochen später ging es bereits nach Südindien, um an Weiterbildungen mit den dortigen Kollegen teilzunehmen. "Die unterschiedlichen Herangehensweisen merkt man schon", sagt Sherwan Barzange. "Der Umzug ins Gästehaus ist ein gutes Beispiel." Aber auch in der Kantine gab es unerwartete Unterschiede. "Es gilt nicht als unhöflich, etwas zu drängeln. Daran mussten wir uns erst gewöhnen", erzählt Christoph Weitzel. 

Agenda: flexibel

Auch deshalb haben die sechs weiblichen und 13 männlichen Trainees an weiteren Workshops für interkulturelles Arbeiten in Indien teilgenommen und hatten Kursleiter, die bei Fragen weiterhelfen konnten. Weitere Schwerpunkte waren fachliche Trainings zu Software-Entwicklung, Projektmanagement und eine Case Study einschließlich Entwicklung eines Prototypen für das Internet der Dinge. Wobei der angekündigte Ablauf nicht immer eingehalten wurde: "Wer einen Stundenplan wie in der Schule erwartete, war verloren", sagt Christoph Weitzel.

Die indischen Kollegen haben sich mit solchen Veränderungen leichter getan

"Die Termine änderten sich teilweise mehrmals täglich." Für die deutschen Teilnehmer trotz interkultureller Trainings ungewöhnlich, für Inder weniger: "Die indischen Kollegen haben sich mit solchen Veränderungen leichter getan", ergänzt Sherwan Barzange. "Aber das lernt man dann vor Ort und gibt auch einen Anlass für Gespräche mit den Kollegen." 

Aber auch außerhalb der Workshops wurden die Trainees häufig angesprochen, deren Anwesenheit sich am Standort schnell herumgesprochen hat. "Die indischen Kollegen waren sehr offen und interessiert", sagt Christoph Weitzel. So waren auch die gemeinsamen Workshops am beliebtesten. In kleinen Teams haben die indischen und deutschen Berufseinsteiger Prototypen für einen intelligenten Kühlschrank entworfen, der mittels Sensoren verschiedene Daten sammelt und über das Internet vernetzt ist. "Bei den gemeinsamen Projekten habe ich gelernt, dass es mehr als einen Lösungsweg gibt", sagt Sherwan Barzange. "Ich war von Anfang ziemlich gestresst, die indischen Kollegen im Team deutlich gelassener." Trotz engem Zeitplan wird der Prototyp rechtzeitig fertig und funktioniert bei der Präsentation wie vorgesehen. "Sich selbst wegen der Deadline unter Druck zu setzen, war also unnötig," so Barzange.

Steile Lernkurve

Seit März sind die Trainees wieder in Deutschland und arbeiten inzwischen in ersten Kundenprojekten von TCS mit. Sherwan Barzange und Christoph Weitzel entwickeln dabei gemeinsam mit erfahrenen SAP-Beratern kundenspezifische Erweiterungen für die Software zur Unternehmenssteuerung. Koordiniert wird die Entwicklung in Deutschland, umgesetzt von den Teams in Indien. "Durch den Aufenthalt in Indien kann ich besser einschätzen, welche Informationen die Kollegen dort benötigen", sagt Christoph Weitzel. 

Neben den Fachrichtungen SAP- und IT-Beratung bietet TCS das Traineeprogramm auch für Digital Technology an. Dabei geht es um die die Umsetzung digitaler Unternehmensstrategien für Kunden aus verschiedenen Branchen mittels agiler Methoden für Software-Design und -entwicklung, wie beispielsweise DevOps. Bei jedem der drei sogenannten "Streams" verbringen die Teilnehmer acht bis zehn Wochen in Indien. Dort absolvieren sie Trainings in internationalen Teams, lernen verschiedene Rollen und Aufgaben in der IT-Beratung kennen und erhalten Einblicke in Projekte von Kunden aus unterschiedlichen Branchen.

"Die Lernkurve war steil, nicht nur fachlich"

"So kurz nach dem Jobbeginn für mehrere Monate nach Indien zu gehen, ist schon ungewöhnlich", sagt Christoph Weitzel. Den Aufenthalt in Indien bewerten Beide positiv, trotz nicht verfügbarer Hotelzimmer, wechselnder Stundenpläne und Hektik bei bevorstehenden Deadlines. "Die Lernkurve war steil, nicht nur fachlich. Ich habe erfahren, wie internationale IT-Projekte umgesetzt werden, konnte vom Wissen der Kollegen dort profitieren und habe viel über kulturelle Unterschiede gelernt." 

Das freundliche Drängeln in der Kantine haben sich beide in Deutschland wieder abgewöhnt. Auch sonst empfehlen sie, flexibel auf kulturelle Unterschiede zu reagieren und andere Herangehensweisen gelten zu lassen. "Es gibt mehr als einen Weg zum Ziel. Wer das gelernt hat und zudem offen auf die Kollegen zugeht, hat eine unvergessliche Zeit – im positiven Sinne," so Sherwan Barzange.

Veröffentlicht am: 26.06.2018

 

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