Flexible Arbeitszeiten, verkürzte Woche: So arbeiten die EU-Nachbarn

Arbeitsvergleich

In Deutschland ist die Diskussion zur Arbeitszeitgestaltung neu entfacht. Schon lange wird über flexiblere Arbeitszeiten und neue Arbeitszeitmodelle diskutiert, doch die Corona-Krise hat die Situation neu angeheizt. Homeoffice, flexible Arbeitszeiten und Mitarbeiterzufriedenheit stehen hoch im Kurs. Ein Blick über den eigenen Tellerrand zeigt, dass Arbeitnehmer in anderen Ländern anders arbeiten. Was können sich deutsche Arbeitgeber davon abschauen?

Deutsches System zu starr?

Der ehemalige Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer sagte bereits im Jahr 2016 sinngemäß, dass deutsche Arbeitnehmer auch einmal 10 Stunden Tage bewältigen müssten, um an anderen Tagen ausgleichend weniger zu arbeiten. Und auch der heutige Arbeitgeberpräsident Dulger sprach sich Anfang Juni 2021 gegenüber der Deutschen Presse Agentur im Angesicht der aktuellen wirtschaftlichen Situation für flexible Arbeitszeiten aus. Dies sei ein wichtiger Baustein, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Betriebe wirkungsvoll zu stärken und langfristig für konkurrenzfähiges Wachstum der gesamtdeutschen Wirtschaft zu sorgen. 

Bereits im Januar dieses Jahres wandte sich Dulger anlässlich der steigenden Corona-Infektionszahlen mit einem dringenden Appell an Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, für mehr Flexibilität hinsichtlich des Arbeitsplatzes zu sorgen. Zudem steht das Thema „flexible Arbeitszeiten“ auf Platz 2 der Liste mit den 10 wichtigsten Motivatoren für deutsche Arbeitnehmer. Ist es endlich an der Zeit, das starre deutsche Arbeitszeit-System auszubrechen?

Sorgfältige Arbeitszeiterfassung als Datenbasis unverzichtbar

Um alternative Arbeitszeitmodelle zu erproben ist es notwendig, ein zuverlässiges Zeiterfassungssystem zu installieren. Dieses darf nicht allein lokal auf dem betrieblichen Server liegen, sondern sollte in der Cloud installierbar ist. Es muss über mobile Endgeräte mit verschiedenen Betriebssystemen nutzbar sein, so dass jeder Mitarbeiter unabhängig vom eigenen Standort und von der genutzten Hardware die notwendigen Daten eingeben und abrufen kann. Die Software Timemaster ist eine solche Software, die weit mehr bietet als reine Zeiterfassung. Über die Arbeitszeiterfassung hinaus lassen sich beispielsweise Zeitkontenlisten und Auffälligkeitsprotokolle erstellen. Für Personalsachbearbeiter stehen spezielle Tools zur Verfügung, die die Erledigung typischer HR-Aufgaben erleichtern, es gibt Kontrollmöglichkeiten für Vorgesetzte und zahlreiche Auswertungsoptionen. Die digitale Zusammenarbeit aller Beteiligten lässt sich effizient  organisieren und spart Zeit und Geld – nicht nur, weil viele Ausdrucke und damit Druckkosten vermieden werden, sondern auch, weil zeitaufwendige manuelle Tätigkeiten mit physischen Formularen wegfallen.
 

Deutsche Genauigkeit, skandinavische Experimentierfreude

Eine Toyota-Werkstatt in Göteborg zeigt, dass bei sinkenden Arbeitszeiten mehr Umsatz erzielt werden kann. Hier arbeiten die Mitarbeiter bereits seit Anfang 2000 in 6-Stunden-Schichten. Kunden erreichen die Werkstatt nun 12 Stunden statt 8 Stunden täglich. Das bedeutet für beide Seiten Vorteile. Mitarbeiter haben mehr Freizeit, Kunden profitieren von längeren Servicezeiten. Und auch Krankenhäuser, Kindertagesstätten und Seniorenheime in Skandinavien experimentieren mit verkürzten Arbeitszeiten und Doppelschichten. 6-Stunden-Schichten machen Arbeitsplätze attraktiv für viele, die beispielsweise durch ihre familiäre Situation keinen Vollzeitjob nachgehen können. Die Versuche führen zwar nicht immer zum Erfolg, unter anderem deshalb, weil die finanziellen Mittel fehlen, um die neuen Arbeitszeitmodelle langfristig einzuführen und zu etablieren. Doch die Ansätze sind spannend und inspirieren auch andere Arbeitgeber zu neuen Modellen.

Ein weiteres skandinavisches Arbeitszeitmodell läuft unter dem Label „3+3“, was so viel wie „3 Tage arbeiten, 3 Tage frei“ bedeutet. Im Pflegebereich hat sich dies in Schweden bereits bewährt. Die Skandinavier gelten als Richtungsgeber hinsichtlich flexibler Arbeitszeiten. Auch für deutsche Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen wäre dieses Arbeitszeitmodelle eine Überlegung wert. Um qualifiziertes Personal zu gewinnen und langfristig zu halten ist die Neustrukturierung von Arbeitszeiten eine aussichtsreiche Möglichkeit. Wenn Mitarbeiter Privatleben und Arbeit besser miteinander vereinbaren können, wird die Zahl derer, die zu den potenziellen Arbeitskräften gehören, größer. In Schweden liegt die Frauenerwerbsquote mit über 80 Prozent im Vergleich zu anderen EU-Ländern sehr hoch. Homeoffice gehört außerdem zum Alltag, das erleichtert die Verbindung von Job und privaten Verpflichtungen für Männer und Frauen gleichermaßen.

Mehr Zufriedenheit und weniger Kosten mit dem 3+3-Modell

Das 3 + 3 – Modell bedeutet für Mitarbeiter des Karolinska-Universitätskrankenhaus in Stockholm, dass sie 85 Prozent einer Vollzeitstelle ausfüllen, jedoch volles Gehalt bekommen. Zuschläge für Wochenendarbeit fallen weg. Die Pflegedirektion hat genau ermittelt, wie sich das Arbeitszeitmodell auf die Krankheitsquote auswirkt. Die Kosten für Krankheitstage sind um mehr als 40 Prozent gefallen. Außerdem sind die Überstundenzahlen insgesamt deutlich gesunken, weil die einzelnen Dienstzeiten verlängert sind. Ein weiterer Vorteil für das Karolinska-Universitätskrankenhaus ist, dass die Recruiting-Kosten stark zurückgegangen sind. Grund ist, dass die Fluktuation wesentlich geringer geworden ist. Mitarbeiter arbeiten gerne zu den geltenden Bedingungen und wechseln seltener den Job als zuvor. Das Universitätskrankenhaus hat den Brake-Even-Point nach zwei Jahren erreicht. Ab diesem Zeitpunkt werden Gewinne erwirtschaftet.

Großbritannien: großzügige Elternzeitregelung 

Großbritannien fällt durch eine großzügige Elternzeitregelung auf. Bei einer durchschnittlichen Wochenstundenzahl von knapp 37 Stunden können Arbeitnehmer bis zu 50 Wochen Elternzeit nehmen. 37 Wochen werden bezahlt – sehr komfortabel und mit Blick auf die relativ niedrige wöchentliche Stundenzahl eine attraktive Gestaltung für Arbeitnehmer. Diese Situation verschafft Arbeitnehmern mehr Spielraum uns sorgt dafür, dass sie Beruf und Privatleben besser koordinieren können.

Niederlande: Das Land der Teilzeit-Arbeitsplätze

Die Niederlande sind das Land, das in punkto Teilzeit-Arbeitsplätze den ersten Rang einnimmt. Vor allem Frauen besetzen Teilzeitstellen, was zu einer hohen Frauenerwerbsquote von fast 70 Prozent führt. Das sind viel mehr als in den allermeisten EU-Mitgliedstaaten und auch mehr als in den USA. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Frauen liegt bei rund 34 Stunden. Männer hingegen arbeiten im Schnitt 35 Stunden und lediglich 25 Prozent arbeiten in Teilzeit.
 

Die Teilzeitarbeit ist für die Niederländer ein stabiles Engagement, das sich seit Jahrzehnten bewährt hat. Viele Frauen nutzen Teilzeitstellen, unabhängig davon, ob sie Kinder haben oder nicht. Wer mehr arbeiten will, kann sich auf ein gut organisiertes staatliches System zur Kinderbetreuung verlassen. Es gibt Kindertagesstätte, in die Kinder wenige Wochen nach der Geburt aufgenommen werden. Es gibt Krippen für 2-bis 3-jährige Kinder und Tagesstätten für Schulkinder ab dem vierten Lebensjahr. Die Niederländer probieren in Punkto Kinderbetreuung verschiedene Modelle aus. So gibt es in Amsterdam die „Communityschool“, in der Kinder zwischen 7.30 Uhr und 23 Uhr bleiben können. Auch Modellversuche, bei denen Kindertagesstätte und Schule unter einem Dach angesiedelt sind, sorgen für eine tägliche umfangreiche Betreuung, die über die normale Schulzeit hinausgeht. Das ermöglicht es den Eltern, die eigenen Arbeitszeiten flexibel zu gestalten, weil die Abhängigkeit von den festen Öffnungszeiten einer Schule abgekoppelt werden kann.

Fazit: Arbeitgeber und staatliche Kinderbetreuung sollten bestenfalls Hand in Hand arbeiten

Um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen sind flexible Arbeitszeitmodelle ideal. Sie erhöhen die Mitarbeiterzufriedenheit auf der einen Seite und sparen bei sorgfältiger Planung viel Geld im Betrieb. Natürlich eignen sich Arbeitszeitmodelle wie 3 + 3 nicht für jede Branche, aber sie dienen als Anstoß, Arbeitszeit neu zu denken. Doch die beste flexible Arbeitszeitgestaltung lässt sich nicht voll ausreizen, wenn die Kinderbetreuung nicht zufriedenstellend organisiert werden kann. Wenn Schulen und Kindergärten Eltern ihre möglichen Arbeitszeiten diktieren, lässt sich das ruhende Potenzial nicht ausschöpfen.

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/pj

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