Ist das ‚Sie‘ noch zukunftstauglich? - Anrede heute und in Zukunft

Knigge-Wissen für Consultants

Immer häufiger wird im Arbeitsleben geduzt. Knigge-Expertin Sabine Lansing setzt sich mit der Frage auseinander, ob die Anrede mit „Sie“ noch zeitgemäß ist oder ob die Zukunft der Arbeit tatsächlich kein „Sie“ mehr kennt.

Sabine Lansing, Knigge-Wissen
Sabine Lansing, Knigge-Wissen

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe in Zeiten des ♯stayathome viel Zeit im Internet verbracht. Dort habe ich Webinare besucht, war in sozialen Netzwerken unterwegs und habe neue Kontakte geknüpft. Und immer war das 'Du' die Anredeform. Ich fühlte mich auch wohl dabei; es fühlte sich in der Zeit der sozialen Distanz sehr angenehm an. Dann stieß ich auf den Artikel von Dr. Sabrina Zeplin, Geschäftsführerin der Businessplattform XING: "Die Zukunft der Arbeit kennt kein 'Sie'".

Was bedeutet dies für Knigge?

Das führte unweigerlich dazu, dass ich mir Gedanken darüber gemacht habe, wie das meine Arbeit als Knigge-Trainerin beeinflusst. Das Thema 'Du' oder 'Sie' und "Wer bietet es wem als erstes an?" stellt Teilnehmer immer wieder vor Probleme. Ich war gespannt, wie sich die reale Welt nach dem Lockdown zeigt. Und wie verhält es sich dann mit dem 'Sie'?

Und wissen Sie was? Es ist alles so wie vor Corona!

Mein Kundenkreis besteht aus unterschiedlichen Bereichen, von der IT-Branche über Verwaltung, Handwerk, KMUs, Vertrieb und Consulting. Und so unterschiedlich wie die Branchen, so unterschiedlich sind die Umgangsformen innerhalb der Unternehmen.

Sicher ist, dass in der jüngeren Generation das 'Du' üblich ist und dass in vielen Unternehmen, wie zum Beispiel der IT-Branche -aber auch in der Kreativ-Wirtschaft- das 'Du' als die übliche Anrede untereinander genutzt wird.

Aber wie halte ich es mit dem Kunden?

Doch bei allen ist eines gleich: Sobald es um Kunden geht, bleiben die Anredeformen bestehen. Das 'Sie' ist die erwartete Form und diese wird in jedem Unternehmen vorausgesetzt.

Ich möchte Ihnen von einem Beispiel erzählen:

Dem neuen Mitarbeiter in einem IT-Unternehmen wurde am ersten Tag gleich gesagt: "Hier duzen sich alle." Prima, damit war die Umstellung von der Uni zum Arbeitsalltag gar nicht so schwer. Nun ergab es sich einige Tage später, dass der neue Mitarbeiter - nennen wir ihn Tom - mit einem Kollegen zu einer Projektbesprechung bei einem guten und langjährigen Kunden des Unternehmens fuhr. Der Projektleiter und der Kollege duzten sich und so nahm Tom an, auch hier wäre es vollkommen in Ordnung seinerseits zu duzen. Das war leider ein Irrtum und hatte einen sehr erbosten Kunden zur Folge. Für Tom kam es ebenfalls zu Konsequenzen, denn er konnte nicht in dem Projekt eingesetzt werden, da der Kunde das Verhalten als respektlos empfunden hatte. Bis heute fühlt Tom bei der Nennung des Kundennamens ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Ein kleiner Fehler - eine lange Wirkungszeit.

Diese Begebenheit zeigt: In Deutschland ist das 'Du' selbst in der IT-Branche nicht selbstverständlich.

Wo ist es denn nun selbstverständlich, sich zu Duzen?

In Vereinen, oft in Interessengemeinschaften, auf dem Lande, wo man sich von Kindesbeinen an kennt, aber auch in sozialen Netzwerken, neuerdings auch bei Xing, und in internationalen Unternehmen wird häufig geduzt. Doch auch hier rate ich jedem, nicht einfach drauf los zu duzen. Das 'Sie' ist noch immer eine gesellschaftlich erwartete Norm und der Ranghöhere darf dem Untergebenen das 'Du' anbieten. Ich weiß, schon diese Formulierung "Ranghöher und Untergebene" hört sich nach verstaubter Arbeitswelt an. Doch es gibt immer jemanden, der den Hut aufhat und den Kopf hinhalten muss. Und genau dafür hat er oder sie Respekt verdient. Und die erste Form der Höflichkeit ist es, jemanden zu siezen bis einem das 'Du' angeboten wird.

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Das 'Du' kann auch grenzüberschreitend wirken

Stellen Sie sich vor, eine junge Mitarbeiterin wird von einem Kunden geduzt. Welcher Gedanke wird ihr wohl eher durch den Kopf gehen?

"Warum duzt der mich einfach? Glaubt er ich habe keine Ahnung?" oder "Das ist ja nett, dass der mich duzt! Er sieht mich auf Augenhöhe."

Meine Erfahrung lehrt mich, eher die erstere, denn in meinen Schulungen kommen oft genau solche Fragen zur Sprache. "Was tun, wenn mich jemand einfach duzt?" und "Ich möchte gesiezt werden, wie kann ich das meinem Gegenüber deutlich machen, ohne unhöflich zu sein?"

Ich arbeite viel für IT-Unternehmen und gerade dort legt man großen Wert darauf, dass Mitarbeiter mit Außenkontakt das "Duzen" und "Siezen" richtig einsetzen. Sie haben erkannt, dass es so für die Mitarbeiter einfacher ist, kompetent aufzutreten und sich sicher im Umgang mit Kunden zu fühlen.

Geprägt durch unsere Kultur und Erziehung sind wir noch nicht an dem Punkt, an dem das 'Sie' durch das 'Du' im beruflichen Kontext einfach ersetzt werden kann. Wahrscheinlich wird sich das in Zukunft wandeln, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Und um nicht in den Fettnapf zu stolpern, ist es einfacher vom 'Sie' zum 'Du' zu wechseln als vom 'Du' zum 'Sie'. Das eine ist normal, das andere peinlich.

Also, ich werde Sie auch in Zukunft siezen. Bis Sie mir das 'Du' anbieten!

Sabine-Lansing-Knigge-Wissen (Bild: snfv GmbH)
Zur Person: Sabine Lansing ist Gründerin von Knigge-Wissen. Es gibt ein Lebenslauf davor und einen danach. Der danach resultierte aus einer Gefahrensituationen, die Sabine Lansing im Vertrieb einer deutschen Schmuckmanufaktur im Ausland erlebte, die sie dazu brachte ihre berufliche Situation zu ändern. Dazu bildete sie sich zur Karriereberaterin weiter, ergänzte das mit einer Weiterbildung zur Personalreferentin und arbeitete im Bereich Outplacement für Konzerne, wie z.B. Siemens, Thyssen, Adobe, Vodafone aber auch KMUs. Doch ihre Leidenschaft war schon immer der Umgang miteinander, weshalb sie seit 2004 als Trainerin für Umgangsformen arbeitet, also Knigge. Und dabei geht es ihr nicht um veraltete Regeln, sondern darum, mit Knigge Sicherheit zu gewinnen und sich mit Menschen in der eigenen Gegenwart wohlzufühlen.

Veröffentlicht am: 16.06.2020

 

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