Professionell im Homeoffice trotz Homeschooling?

Kniggewissen für Consultants

Home-Office kann ein motivierendes und gutes Mittel sein, um Mitarbeitern eine bessere Work-Life-Balance zu ermöglichen. Die Kombination Homeschooling und Homeoffice bringen aber ganz andere Anforderungen mit sich. Wie man damit umgehen kann, erklärt Knigge-Trainerin Sabine Lansing.

Auf einmal der Hometeacher zu sein, sich Fragen und Aufgaben gegenüber zu sehen, denen man unter Umständen gar nicht gewachsen ist. Fragen zu beantworten, deren Sinn man schon damals in der 6. Klasse nicht verstanden hatte. Das erhöht den Druck gewaltig. 

In diesem Artikel möchte ich eine Lanze für Sie brechen und Ihnen ein paar Tipps geben, wie Sie der Herausforderung entgegnen können. 

Welchen Anspruch habe ich an mich? 

Sie kennen Homeoffice schon aus Zeiten vor Homeschooling? Dann versuchen Sie nicht, den Anspruch, den Sie in normalen Homeofficezeiten an sich stellen, in diesen Zeiten realisieren zu wollen. 

Aber welchen Anspruch stelle ich nun an mich? Diese Frage ist die anspruchsvollste. Superwoman (oder Superman) will: 

  • das Beste fürs Kind, 
  • professionell arbeiten, 
  • den Haushalt wuppen 
  • und dann noch in dieser schwierigen Zeit als Seelentröster für Familie und Freunde da sein. 

Das geht aber nicht. Schrauben Sie Ihren Anspruch auf ein erträgliches Maß runter. Sie können nicht 8 Stunden Vollzeitmitarbeiterin sein, mit 100% Leistungserbringung, zu 100% die Lehrer Ihrer Kinder ersetzen, dabei noch den Haushalt auf einem guten Level halten und noch ein offenes Ohr für Ihre Familie und Freunde haben. 

Tipp: 

  • Klären Sie, was Priorität hat. 
  • Was müssen Sie tun, um die Mindestanforderung zu erreichen? 
  • Wen können Sie einbinden, um sich Unterstützung zu holen? 
  • Kann Oma per Zoom dem Kind Mathe erklären? Darin ist sie sowieso besser? 
  • Können Sie in der Nachbarschaft/Freunde/Familie Kochgruppen bilden? Einer kocht für die anderen mit, im Wechsel. 
  • Hat Ihr Kind einen Freund mit dem es spielt? Können die beiden vielleicht auch zusammen Homeschooling machen? Damit halbiert sich Ihre Hometeachingzeit pro Kind. (Bitte beachten Sie die gültigen Corona-Vorgaben.) 
  • Können noch weitere Arbeiten geteilt werden? 
  • Was können Sie tun, um Ihren Alltag zu entlasten? 
  • Erstellen Sie einen Essensplan für die ganze Woche. Das nimmt die lästige Frage, was koche ich heute. 
  • Kochen Sie größere Mengen und frieren Sie das ein. 
  • Es muss keine Gourmetküche sein, Kinder lieben einfache Gerichte. 

Welchen Anspruch darf das Unternehmen haben? 

Unternehmen werden von Menschen geführt. Menschen, die den gleichen Herausforderungen gegenüberstehen wie Sie und ich. Manche mehr - manche weniger. Diese Weisheit ändert aber nichts an der Tatsache, dass ein Unternehmen auf Ihre Arbeitsleistung angewiesen ist. 

Legt Ihr Unternehmen Wert auf guten Umgang miteinander? Übernimmt es Verantwortung für seine Mitarbeiter? Dann wird es auch Lösungen finden wollen, die für beide Seiten machbar sind. Sprechen Sie das Thema offen bei Ihrem Vorgesetzten an. Erstellen Sie gemeinsam eine Priorisierung und legen Termine fest. Bleiben Sie realistisch. Bauen Sie genügend Puffer ein. 

Was kann ich tun, um professionell zu wirken  

In einer der letzten Kolumnen gab ich Ihnen 55 Tipps für eine perfekte Videokonferenz. Dabei ist es kaum möglich alle umzusetzen. Versuchen Sie sich trotzdem danach zu richten, dann haben Sie die besten Chancen, sich professionell im Meeting zu präsentieren. 

Doch Planung und Realität gehen leider nicht immer Hand in Hand. 

Ist es professionell, wenn während einer Besprechung ein Kind ins Zimmer kommt? Vor einem Jahr hätte die Antwort sicher gelautet, nein. Doch jetzt heißt es, durchatmen und entspannen. Versuchen Sie es zu vermeiden, doch wenn es passiert, sind solche "Störungen" kein Beinbruch. 

Sie sind im Besprechungsmodus, also ohne Stummschaltung? Aktivieren Sie diese, klären die Situation mit Ihrem Kind und kehren Sie ohne weitere Erklärung in die Runde zurück. 

Sie sind der Moderator? Dann bitten Sie um eine kurze Unterbrechung und gehen Sie wie oben beschrieben vor. Vermeiden Sie langatmige Erklärungen und Entschuldigungen. 

Machen Sie aus Störungen, Probleme mit der Technik oder andere "Katastrophen" kein Drama. Je souveräner und entspannter Sie mit diesen Situationen umgehen, umso professioneller wirken Sie. Halten Sie es wie Frank Sinatra: "That's life." 

Was kann ich tun, um mich professionell zu fühlen? 

Als allererstes müssen Sie Ihr Mindset - Ihre Gedanken - danach ausrichten. Sehen Sie Homeoffice nicht als das Arbeiten von Zuhause, sondern als das Arbeiten aus einem anderen Büro an. 

So wie das Unternehmen Ihnen vertraut, dass Sie Ihre Arbeit professionell und gewissenhaft erledigen, so müssen auch Sie auf sich vertrauen. Nehmen Sie das Homeoffice ernst, aber verbeißen Sie sich nicht. Es wird was schief gehen, aber das passiert auch im Büro. 

Ein Vorteil bei Homeoffice wird darin gesehen, dass ich die Businesskleidung im Schrank lassen kann. Stimmt das? Jein. Sie sollten das nicht tun. Ich selber kann die Studien bestätigen, die besagen, dass es bei den meisten Menschen einen Unterschied macht, ob sie in legerer Freizeitkleidung oder professionell gekleidet im Homeoffice tätig sind. 

Eine kleine Geschichte dazu: Vor Jahren war ich für eine renommierte Schmuckfirma im Außendienst tätig. Bei einer Tagung stellten wir fest, dass zwei Kollegen sehr erfolgreich bei der telefonischen Akquise waren. Die anderen Kollegen, auch ich, taten uns schwer damit. Warum? Wir haben vieles besprochen, überlegt und erarbeitet, aber überzeugt hat uns das alles nicht. Dann erzählte der Kollege, wie er seinen Bürotag angeht. Der große Unterschied? Während ich in Jeans, Schlabberpulli, dicken Socken, zwischen Spülmaschine ausräumen und Wäsche waschen, meine Kunden angerufen habe, saß er, korrekt gekleidet, an seinem Schreibtisch und hat konzentriert und systematisch gearbeitet und telefoniert. Hm, ich fand es sofort einleuchtend, dass er erfolgreicher sein musste als ich. 

Mein Resümee daraus war, nicht nur feste Arbeitszeiten einzurichten, sondern auch meine Kleiderfrage danach auszurichten. Denn nicht umsonst heißt es: "Kleider machen Leute." Wir verändern uns und unsere Haltung mit der Wahl der Kleidung. Jeder? Nicht jeder, aber die meisten Menschen nutzen diesen Mechanismus um in der Rolle anzukommen, die die Kleidung ihnen vorgibt. 

Haben Sie im Anzug die Motivation, Sport zu treiben oder kommt die Lust darauf, wenn Sie sich die Laufschuhe angezogen haben? 

Tipps fürs Homeoffice 

Ich habe mit der Expertin für Zeitmanagement, Annette Christ, gesprochen. Sie gab mir weitere wertvolle Ratschläge für das Homeoffice in Kombination mit dem Homeschooling: 

  • Teilen Sie sich Ihre Termine gut ein. 
  • Planen Sie nicht zu viele Termine an einem Tag ein. 
  • Machen Sie kleine, gemeinsame Pausen, in denen Sie mit Ihren Kindern klären, ob alles OK ist. Das entspannt alle. 
  • Zusammen Mittagessen, es braucht nichts Großartiges sein, aber nutzen Sie die Zeit, um gemeinsam zu entspannen. 
  • Braucht eines Ihrer Kinder mehr Unterstützung? Nutzen Sie ein gemeinsames Büro, dann können Sie zwischendurch weiterhelfen, ohne den Raum verlassen zu müssen. 

Tipps fürs Homeschooling 

Doch nicht nur Ihr Homeoffice können Sie entspannter planen, auch für das Homeschooling gab mir Frau Christ einige Ratschläge: 

  • Laden Sie die Unterlagen der Schule schon am Sonntag runter und drucken Sie diese aus. 
  • Besprechen Sie Montag in der Früh mit den Kindern, was wann und wie erledigt wird. Erstellen Sie einen Zeitplan. 
  • Ab der 3./4. Klasse lassen Sie die Kinder erst einmal die Aufgaben selber lösen, aber fragen Sie regelmäßig nach, ob alles in Ordnung ist oder Unterstützung gebraucht wird. 
  • Die Älteren können mit einem Klassenkamerad gemeinsam per Videokonferenz lernen und sich unterstützen. 
  • Stellen Sie für jede Schulstunde einen Wecker. Vor allem für die Pausen. 
  • In der großen Pause, sollten die Kinder an die frische Luft. 

Denken Sie immer daran, diese Zeiten sind Ausnahmezeiten, auch wenn es sich schon wie eine neue Realität anfühlt. In Ausnahmesituationen gelten die üblichen Maßstäbe nicht. Deswegen: 

  • Schrauben Sie Ihren Anspruch runter. 
  • Klären Sie die Prioritäten. 
  • Seien Sie stolz auf Erreichtes. 
  • Ärgern Sie sich nicht über Dinge, die nicht geklappt haben. 
  • Nehmen Sie sich Zeit für sich. 
  • Lassen Sie sich helfen. 

Kommen Sie gut durch die Zeit und bleiben Sie zuversichtlich. 

Ihre, 

Sabine Lansing 

Über die Autorin

Sabine Lansing ist Gründerin von Knigge-Wissen. Es gibt einen Lebenslauf davor und einen danach. Der danach resultierte aus einer Gefahrensituationen, die Sabine Lansing im Vertrieb einer deutschen Schmuckmanufaktur im Ausland erlebte, die sie dazu brachte ihre berufliche Situation zu ändern. Dazu bildete sie sich zur Karriereberaterin weiter, ergänzte das mit einer Weiterbildung zur Personalreferentin und arbeitete im Bereich Outplacement für Konzerne, wie z.B. Siemens, Thyssen, Adobe, Vodafone aber auch KMUs. Doch ihre Leidenschaft war schon immer der Umgang miteinander, weshalb sie seit 2004 als Trainerin für Umgangsformen arbeitet, also Knigge. Und dabei geht es ihr nicht um veraltete Regeln, sondern darum, mit Knigge Sicherheit zu gewinnen und sich mit Menschen in der eigenen Gegenwart wohlzufühlen.

/cb

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