Agile Unternehmen: Was sich bewegt, kann sich auch verbessern

Beitrag zum Event: "Einblick HR" am 20.9.2018 in Köln

Spannende Einblicke gab es am vergangenen Donnerstag auf der "Einblick HR" – veranstaltet vom Marktforschungsunternehmen SKOPOS View und dem Beratungsunternehmen managerberater. Die dort gezeigte Studie über den Vergleich eines agilen und eines klassischen Unternehmens stellen wir hier vor.

 

 

Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit dem Auto auf eine große Kreuzung zu. Die Ampel zeigt ihnen, wann Sie halten oder losfahren sollen. Auch alle anderen wissen genau, dass sie sich erst dann bewegen dürfen, wenn die Ampel Grün zeigt. Wie anders funktioniert dagegen ein Kreisverkehr: Jeder Teilnehmer kennt die Regeln und reagiert selbstbestimmt auf das aktuelle Geschehen. Wenn frei ist, können Sie fahren. Dabei achten Sie auch auf die anderen und fügen sich überlegt in den Verkehrsfluss ein. Der Vergleich einer Kreuzung mit der Struktur eines Unternehmens war die Idee von Hannah Rexroth, Organisationspsychologin und Consultant beim Marktforschungsunternehmen Skopos View aus Hürth bei Köln sowie der Doktorandin Elsa Breit von der Universität Siegen. Für eine Studie zur Agilität von Unternehmen befragten die beiden Mitarbeiter zweier unterschiedlicher Unternehmen zu internen Abläufen. Die Ergebnisse präsentierten sie im Rahmen der Veranstaltung "Einblick HR" Personalentscheidern und Managern. 

Eines der von ihnen untersuchten Unternehmen ist agil organisiert, das andere klassisch. Beide haben weniger als 100 Mitarbeiter und beschäftigen vorwiegend Büropersonal. Beim eingangs gewählten Bild steht die große Ampelkreuzung für das klassische Unternehmen, in dem Mitarbeiter erst agieren, wenn der Chef entschieden hat – also wenn die Ampel grün ist. Der Kreisverkehr symbolisiert dagegen das agile Unternehmen ohne starres Regelwerk. Hier hat jedes Team seine eigene Kompetenz und entscheidet selbstorganisiert und in enger Zusammenarbeit untereinander darüber, wie alltägliche Aufgaben gelöst werden. Dank informeller Netzwerke können sich die Mitarbeiter schnell abstimmen und sind nicht auf Vorgesetzte fixiert. In klassisch strukturierten Firmen wird dagegen von oben nach unten entschieden. Es gibt nur wenige Querverbindungen zwischen den Teams oder Abteilungen.

Agil handelnde Mitarbeiter sind zufriedener

Wie sich diese unterschiedlichen Strukturen in den beiden Unternehmen auf die Mitarbeiter auswirken, und damit auch auf Produktivität und Effizienz, dazu haben Elsa Breit und Hannah Rexroth den Mitarbeitern Fragen zur Rollendefinition, Agilität ihres Unternehmens und Arten von interner Zusammenarbeit gestellt. Bei der Auswertung der Antworten wurde schnell deutlich, dass die Einschätzungen der Mitarbeiter in beiden Unternehmen gar nicht so sehr voneinander abweichen. Allerdings gab es auffallende Unterschiede bei ihrer  Einschätzung der Rollen, die jeder einzelne im Teams und Unternehmen einnimmt: Die Mitarbeiter im agilen Unternehmen sehen sich in verschiedenen Rollen und damit Funktionen. Dabei nehmen sie sich eher als Experten und Kommunikatoren wahr als die Mitarbeiter im klassisch geführten Unternehmen. Auch sind die Mitarbeiter des agilen Unternehmens insgesamt zufriedener mit ihrer Arbeit – das zeigte sich vor allem bei den Themen Neues lernen, Fragen des Tagesgeschäfts beantworten, IT-Systeme anpassen und die Unternehmensstrategie oder -Vision zu kennen.

 

"Insgesamt wird in agilen Unternehmen auch schneller als anderswo deutlich, wo und warum es Probleme gibt. Dazu kommt ein größeres Bewusstsein des einzelnen Mitarbeiters, wie er auch zur Problemlösung beitragen kann", resümiert Skopos View-Expertin Hannah Rexroth.

Bedürfnisse des Mitarbeiters im Fokus – zum Wohle des Unternehmens

Moderne Organisationsformen wie Agilität und die darin immanenten informellen Netzwerke sind anfangs vor allem von IT-Unternehmen angewendet worden, weiß Arbeitspsychologin Rexroth: "Meist aus der Not heraus, weil Fachpersonal fehlte und man kontraproduktiv lange Produktzyklen vermeiden wollte." Mit straff geführten und hierarchisch organisierten Strukturen konnte man nicht schnell genug handeln, um auf wichtige Veränderungen in einem sich ständig wandelnden digitalen Markt zu reagieren. 

Längst haben auch andere Unternehmen die Vorteile einer agilen Organisationsform erkannt. Agilität ist kein kurzlebiger Trend mehr, sondern in der Realität vieler Unternehmen angekommen – wie z.B. beim deutschen Internet-Telefonie-Anbieter Sipgate. Dank neuer Organisationsstruktur mit kleinschrittigem Vorgehen, gleichgestellter Hierarchie und unterschiedlichen Kompetenzen in den Teams konnte sich das Unternehmen vor einigen Jahren vor dem wirtschaftlichen Aus retten. Mit "Scrum", dem bekanntesten Framework für agiles Arbeiten, begann auch die bislang erfolgreichste Firmengeschichte im Zeichen der Agilität: Der niederländische ambulante Pflegedienst BUURTZORG setzte dabei auf zwei neue Prinzipien: "Gib den Pflegekräften ihre Berufung zurück" und "Unterstütze die Patienten in ihrer Unabhängigkeit – nach Möglichkeit sogar von der Pflege". Was für Skeptiker klingt, als mache sich das Unternehmen damit letztlich überflüssig, hat tatsächlich zu einem doppelten Erfolg geführt: BUURTZORG fährt nicht nur seit Jahren die beste Patientenbewertung unter über 300 Mitbewerbern ein, sondern wurde seit 2011 viermal von seinen Mitarbeitern zum attraktivsten Arbeitgeber in den Niederlanden gewählt.

Auch große Unternehmen experimentieren mit offenen Strukturen

Agile Organisationsformen mit ihren informellen Netzwerken bieten also nicht nur gute Voraussetzungen für effizientes Arbeiten, schnelles Reagieren auf den Markt und damit unternehmerischen Erfolg, sondern auch für eine größere Zufriedenheit der Mitarbeiter. Die wiederum empfinden ihre Arbeit als sinnstiftend und ihren Einfluss auf Entscheidungen hoch ein. Das ermutigt inzwischen sogar große Konzerne wie die Deutsche Bahn oder das Technologie- und Dienstleistungsunternehmen Bosch, mit agilem Arbeiten zu experimentieren. Auch bei REWE digital, in der REWE Group für digitales Marketing verantwortlich, freut man sich über eine neu gewonnene Atmosphäre von Freiheit und Autonomie – wenn auch mit sinnvollen Regeln. Fakt ist auch: Aller Erfolg darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Transformation eines Unternehmens von der Starrheit hin zur Agilität auch ein langwieriger und schwieriger Prozess sein kann. Schließlich müssen sich vormalige Entscheider und Vorgesetzte damit abfinden, Teile ihrer Macht abzugeben und sich vielmehr als Teil eines Ganzen zu sehen. Ein begleitendes Coaching kann dann allen Beteiligten helfen, den Prozess zufriedenstellend abzuschließen.

Ein Bericht unserer Mitarbeiterin Heike Byn 

 

 

Veröffentlicht am: 24.09.2018

 

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