App-basierte Nachrüstlösungen für vernetzte Autos setzen Autobauer unter Druck

Roland Berger-Analyse zum "Connected Car"

Das Thema vernetzte Mobilität beschäftigt derzeit die Automobilindustrie. Doch obwohl die Branche bereits verschiedene im Fahrzeug integrierte Lösungen anbietet, können sich diese beim Kunden bisher kaum durchsetzen. Stattdessen drängen Drittanbieter in den Markt.


Die Drittanbieter, die zumeist aus der IT-, der Versicherungs- oder der Zuliefererbranche stammen, liefern mit einfachen Nachrüstlösungen – sogenannten Dongles – preisgünstige Alternativen zu den aufgrund der hohen Forschungs- und Entwicklungskosten oftmals teuren Produkten der Automobilbranche. "Ein Dongle wird einfach auf die standardisierte Schnittstelle für die Fahrzeugdiagnose (OBD II) gesteckt. Diesen Anschluss besitzen heute schon fast 94 Prozent aller Fahrzeuge in Deutschland", erklärt Jan-Philipp Hasenberg, Partner bei Roland Berger. Über diese Schnittschnelle können die Dongles Fahrzeugdaten für verschiedene Services ermitteln und an ein Smartphone senden.

Integrierte Lösungen sind meist zu teuer

Aus Sicht von Roland Berger handelt es sich um einen Wachstumsmarkt, der die integrierten Lösungen der Hersteller schon bald überflügeln könnte. "Wir erwarten, dass bis 2020 in ganz Europa mehr als 90 Millionen Autos über Nachrüstlösungen verfügen werden", prognostiziert Roland-Berger-Partner Philipp Grosse Kleimann. "Dagegen werden nur etwa 70 Millionen Fahrzeuge mit integrierten Systemen ab Werk ausgestattet sein.“ Verantwortlich für diese Entwicklung ist vor allem der enorme Preisunterschied zwischen den beiden Alternativen. So stellte sich in einer Roland-Berger-Studie heraus, dass zwar 80 Prozent der Autofahrer bereit wären, einen Aufpreis für zusätzliche Dienstleistungen wie Parkplatzsuche, Fahrzeugfinder oder automatischen Notruf zu zahlen, die Zahlungsbereitschaft allerdings nur bei etwa 50 Euro pro Jahr liegt. "Die Hersteller verlangen zum Teil mehrere Tausend Euro für die Vernetzung des Fahrzeugs ab Werk, dazu kommt noch die jährliche Nutzungsgebühr", berichtet Jan-Philipp Hasenberg. "Das ist weit mehr, als die Autofahrer heute bereit sind zu bezahlen." Dongles werden dagegen teilweise für unter 100 Euro angeboten – mit ähnlich komfortablen Lösungen und Services.

Hersteller und Drittanbieter liefern sich einen Wettlauf

Um nicht von Drittanbietern aus dem Markt gedrängt zu werden, sollten Automobilhersteller nach Ansicht von Roland Berger schnell an einer eigenen Dongle-Lösung arbeiten. "Mittelfristig werden sich die Anbieter auf dem Markt durchsetzen, die mehr Kunden für ihre Konnektivitätslösung überzeugen konnten", so Grosse Kleimann. "Erreicht ein Anbieter die kritische Masse, wird sich ein Lock-in-Effekt einstellen und das System so zum Marktstandard werden. Doch noch ist völlig offen, aus welcher Branche diese Anbieter kommen werden." Um selbst diese Marktdurchdringung zu erreichen, sollten Autobauer prüfen, ob sie die kritische Masse allein erreichen können oder Partnerschaften notwendig sind. Durch Kooperationen könnten aufgrund einer größeren Kundenbasis neue Produkte entwickelt werden, die den Kundenwünschen besser entsprechen. "Nur wenn die Hersteller die App-basierten Dongle-Lösungen als Zwischenlösung zum vernetzten Fahrzeug verstehen und nutzen, lässt sich damit langfristig ein eigenes geschlossenes Ökosystem auf dem Markt durchsetzen", merkt Hasenberg an.

Drittanbieter sollten hingegen branchenübergreifende Kooperationen etablieren, um mithilfe einer offenen Plattform für neue digitale Technologien Innovationen zügiger und kosteneffizienter umsetzen zu können. Dabei sollten sich die Firmen auf App-basierte Dongle-Lösungen konzentrieren, da diese durch die einfache Verfüg- und Bedienbarkeit für Kunden in allen Preissegmenten interessant sind. "Wenn es den branchenfremden Anbietern gelingt, ein standardisiertes Datenformat und eine einheitliche und branchenübergreifende Plattform zu etablieren, stehen ihre Chancen sehr gut", so Grosse Kleimann. "Ansonsten werden Automobilhersteller diesen Markt beherrschen.“

tt

Veröffentlicht am: 07.09.2016

 

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