Apple Pay und Co: Quo Vadis, Mobile Payment?

Aus den Startlöchern?

Seit Jahren wird das Bezahlen über das Smartphone als ganz große Zukunft beworben. In Deutschland wird ihm allerdings immer wieder ein schwerer Stand attestiert – jedoch gibt es Grund zur Hoffnung.

Kontakloses Zahlen per Handy
Deutschland gilt für mobiles Bezahlen als enorm hartes Pflaster. Doch sind die Deutschen wirklich so skeptisch und technikfeindlich? (Bild: Jonas Leupe – unsplash.com)

Es dürfte wohl zweifelsohne für jeden Unternehmensberater ein absoluter Jackpot sein. Ein Lotteriegewinn, ein One-in-a-Billion-Sieg: Eine von ihm konzipierte Problemlösung, die binnen wenig mehr als zehn Jahren eine Marktdurchdringungsrate extrem dicht an hundert Prozent erreicht.

Genau das ist es nämlich, was sich die Apples, Samsungs und andere Smartphone-Hersteller auf ihr Erfolgs-Kerbholz ritzen dürfen: Allein in Deutschland hat Mobiltelefonie in allen Altersgruppen U-60 eine Durchdringung von mehr als 95 Prozent. Selbst bei den Ü-60ern sind es 89,9 Prozent und noch die Ü-70er nutzen zu knapp 65 Prozent Mobiltelefonie; das fand die aktuellste VuMA-Touchpoints-Studie heraus. Zum Großteil sind es Smartphones – eine Technik, die bekanntermaßen erst Ende der 00er, nach der Veröffentlichung des ersten iPhones, Fahrt aufnahm.

Doch so rasend schnell sich die Geräte sowie zahllose Anwendungen darauf auch hierzulande zum unverzichtbaren Kassenschlager entwickelten, so sehr scheint es zumindest, dass Mobile Payment nicht so richtig aus den Startlöchern kommt. Stimmt es und wenn ja warum? Der folgende Artikel begibt sich auf Spurensuche.

Die deutsche Mentalität – Wurzel des Problems?

Für viele Leser von CONSULTING.de ist Deutschland, respektiver der deutschsprachige DACH-Raum ihr Kerngebiet. Das ist auch im Kontext dieses Artikels insofern wichtig, als dass es sich in Sachen Mobile Payment um einen gewissen Sonderfall handelt.

Vor allem medial wird immer wieder eine besonders geringe Akzeptanz der Deutschen gegenüber neuen Techniken beklagt – vielfach sogar eine regelrechte Technik- und Zukunftsfeindlichkeit. Zuvorderst muss festgestellt werden, dass diese groben Vorwürfe aus wissenschaftlicher Sicht weitgehend haltlos sind und deutlich abgemildert werden müssen.

Was bleibt ist, dass „der Deutsche“ technische Neuerungen weniger blind annimmt als es in vielen anderen westlichen, bzw. westlich geprägten Ländern der Fall ist. Er prüft stärker die Sinnhaftigkeit, akzeptiert nur, wenn etwas sein Leben tatsächlich bereichert – auch ein wichtiger Grund dafür, warum wir von Bargeldlosigkeit noch weit entfernt sind. Aber: Hier zeigen alle Studien auch ein deutliches Akzeptanzgefälle mit steigendem Alter. 

In diesem Sinne finden sich mit Mobile Payment gleich drei Problemstellungen:

  1. Es geht um Finanzen. Ein Thema, bei dem die Deutschen erwiesenermaßen konservativ und vorsichtig sind.
  2. Dahinter stehen keine etablierten finanziellen und/oder staatlichen Institutionen, sondern privatwirtschaftliche Unternehmen, etwa Apple. Gerade im Zusammenhang mit Geld herrscht hier eine bemerkenswerte „German Vorsicht“ vor – die sich für Experten mit dem soziokulturellen Background Deutschlands erklären lässt: Es fehlt eine so tiefverankerte Freimarkt-Kultur wie sie beispielsweise in den USA seit Jahrhunderten besteht.
  3. Deutsche Unternehmen, zwingend wichtig für die Annahme-Seite von Mobile Payment, sind ebenfalls vielfach weniger flexibel.

Daraus ergibt sich ein Mix, der vielfach als Grund dafür herangezogen wird, warum Mobile Payment noch keine erfolgsversprechenden Zahlen vorweisen könne.

Der deutsche Status Quo

Die USA werden gerne als Paradebeispiel für Offenheit zum Mobile Payment angeführt. Doch so, wie die vermeintliche deutsche Technikfeindlichkeit oft verzerrt dargestellt wird, verhält es sich auch hier. Die Statistik-Plattform Statista fand 2019 in einer eigenen Umfrage heraus, dass nur 29 Prozent aller US-Amerikaner jederzeit mit dem Smartphone zahlen möchten – 30 Prozent dagegen sagten, dass sie es gar nicht zum Zahlen nutzen möchten.

In Deutschland hingegen nutzen immerhin 25 Prozent der Verbraucher Mobile Payment. Zwar Schlusslicht im europäischen Vergleich; das liegt aber hauptsächlich daran, dass sich hier keine Low-Level-Struktur etablieren konnte wie etwa in Schweden, wo bis hinab zur öffentlichen Toilette schon seit Jahren vieles im Kleinformat mobil bezahlt wird. 

Folgendermaßen verteilt sich die deutsche Struktur:

  • Der größte Payment-Anbieter ist das seit 2004 hier vertretene PayPal.
  • Seit Juni 2018, respektive Dezember 2018 sind Google und Apple Pay in Deutschland verfügbar.
  • Mehrere Banken, etwa die Sparkasse, bieten ebenfalls eigene Mobile-Payment-Programme an.
  • Die Akzeptanz unter den stationären Händlern steigt; zwischen Tankstellen und Supermärkten ist diese Zahlung an immer mehr Points of Sale möglich. Ferner, das fand die SKOPOS-Studie jüngst heraus, steigt die verbraucherseitige Akzeptanz, diese Dienste auch zu nutzen, stark an. 
  • Auch immer mehr Online-Unternehmen arbeiten mit dem System. Gleich mehrere Apple Pay anbietende Casinos werden durch das Portal Echtgeldcasino.co gelistet. Im Bereich B2C-E-Commerce stellt PayPal in Deutschland den Marktführer dar. Das wird aber in aller Regel über den Apple-Konkurrenten Google Pay eingebunden. 
  • Insgesamt sind 2020 weit über 100.000 Bezahlterminals NFC-fähig. Nicht zuletzt deshalb, weil seitens der Banken seit 2017/2018 ein starker Rollout von Kontaktlos-fähigen Giro- und Kreditkarten stattfindet. Damit wird auch immer stärker die technische Grundvoraussetzung geschaffen, um Mobile Payment auch offline nutzen zu können.

Was bleibt, sind zumindest statistische Bedenken: Bei allen Umfragen zu dem Thema stehen in Deutschland immer wieder Sicherheitsbedenken im Fokus. Selbst für Verbraucherschutz-Experten eine vor allem gefühlte Unsicherheit, da die Schutzmechanismen des Mobile Payment nicht schwächer sind als die anderer beliebter, bargeldloser Zahlungsweisen – mit denen die Deutschen weit weniger Probleme zu haben scheinen; etwa Giro- und Kreditkarten. Bei ersteren hat sich das Nutzungsvolumen zwischen 2008 und -18 mehr als verdoppelt.

Ausblick für die Zukunft

Google Pay
Alle relevanten Payment-Anbieter sind nun auch in Deutschland vertreten. Die Basis ist damit gelegt. (Bild: Mika Baumeister – unsplash.com)

Wir fassen zusammen: So schlecht, wie es vor allem medial nach wie vor dargestellt wird, steht Mobile Payment in Deutschland keineswegs da. Einzig aus den genannten Gründen hatte diese Zahlungsweise hier mit mehr Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen als in anderen Ländern – allerdings hätte das für jede beliebige Neu-Zahlungsweise gegolten; auch als Kartenzahlung in anderen Nationen längst breitgesellschaftlich etabliert war, griffen Deutsche noch bevorzugt zu D-Mark- und Euroscheinen bzw. -Münzen. 

Festzustellen ist folgendes: Die Grundlagen sind nun gelegt.

  1. Alle global bereits etablierten Mobile-Payment-Anbieter sind nunmehr auch in Deutschland vertreten, der Bekanntheitsgrad wächst täglich.
  2. Die notwendigen Verknüpfungen zu Banken, Kreditkartenanbietern und dem Handel wurden gemacht. Die technische Basis ist vorhanden, auch auf legislativer Ebene steht man dem Thema offen gegenüber. 
  3. Vor allem unter den U-40-Deutschen sind Wunsch und Bereitschaft, per Handy zu bezahlen, nicht geringer als in anderen westlichen Ländern.

Vor allem aber das: Die Wirtschaftsprüfungs- und Unternehmensberatungsfirma PricewaterhouseCoopers konnte in ihrer 2019er Mobile-Payment-Studie vermelden, dass 57 Prozent der Deutschen in den kommenden fünf Jahren ihre Zahlungen auf mobilem Wege begleichen möchten. Für immerhin 41 Prozent käme das sogar für sämtliche Zahlungen infrage (an dieser Stelle abermals der Verweis auf nur 29 Prozent der US-Amerikaner, die so weit gehen würden).

Besonders gelobt wird dabei die mögliche Transparenz: Wo Kartenzahlungen für die meisten mangels direkter Kontrolle eine etwas abstrakte Handlung darstellen, empfinden viele die Option, mit dem Handy nicht nur zu zahlen, sondern die Zahlungen übersichtlich im Blick zu behalten, als vorteilhaft. 

Zusammengefasst

Mobile Payment in Deutschland ist besser als sein Ruf und weiter als es von den Medienmachern vielfach dargestellt wird. Vor allem die nächsten Jahre werden zeigen, dass hier auch bei den so skeptischen und sicherheitsbewussten Deutschen Steigerungen stattfinden werden.

SH

Veröffentlicht am: 30.04.2020

 

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