Besser Digitalisieren mit Günter

Deutscher Beratertag 2016 in Wiesbaden

Kaum ein Kongress oder Branchenevent kommt dieser Tage ohne das Schlagwort "Digitalisierung" aus – auch nicht der Deutsche Beratertag 2016, der am vergangenen Freitag in Wiesbaden stattfand. Kein Wunder, denn das Thema ist Wachstumstreiber der Branche.

Der Deutsche Beratertag 2016 des BDU fand am 25. November in Wiesbaden statt. (Bild: CONSULTING.de)
Der Deutsche Beratertag 2016 des BDU fand am 25. November in Wiesbaden statt. (Bild: CONSULTING.de)

Ein grasgüner Golf I mit 50 PS: Am Beispiel seines ersten Autos illustrierte BDU-Präsident Hans-Werner Wurzel in seiner Keynote zur Eröffnung des diesjährigen Deutschen Beratertages den Wandel in einer Gesellschaft, in der immer mehr Prozesse und Lebensbereiche digitalisiert werden. War die Leistung des Autos früher noch maßgeblich und dementsprechend seinem Besitzer bekannt, stehen heute durch Digitalisierung getriebene alternative Mobilitätskonzepte im Vordergrund – in Zeiten von Shared Economy haben Programmier-Code und Geschäftsmodell eine höhere Relevanz als PS.

Aber gerade die sich durch die Digitalisierung wandelnden Geschäftsmodelle haben wiederum entscheidenden Einfluss auf die Consulting-Branche, deren Beratungsleistung in zunehmenden Maße gefragt sein wird. "Die Komplexität in der Gesellschaft nimmt zu, die Beraterbranche wird davon profitieren", so Wurzel. Dass sie sich dabei allerdings auch selbst hinterfragen muss, ließ der BDU-Präsident bei allem Optimismus durch aktuelle Wachstumszahlen keinesfalls aus. So betonte er, die Ausbildung der Mitarbeiter müsste ebenso angepasst werden wie Vertriebsmodelle. Und nicht zuletzt würde durch den massiven Bedeutungszuwachs virtueller Kommunikation das Arbeitsverhalten signifikant beeinflusst. Daraus entstünde zudem ein anderer Wettbewerb, weil Tagessätze in Deutschland mit denen anderer Länder gemessen würden, wenn nicht zwangsläufig die Anwesenheit eines Consulters vor Ort erforderlich ist. Wurzel stellte abschließend aber auch heraus, dass bei aller Technisierung menschlicher Verstand nicht zu ersetzen sei. "Das, was nicht durch Maschinen zu lösen ist, was nur Menschen können, ist eine Definition von dem, was ein Unternehmen für eine Vision hat, was es wirklich will", so der BDU-Präsident. 

Googles Mission

Wie wichtig die Vision eines Unternehmens für die Strategie tatsächlich ist, wurde im anschließenden Vortrag von Oliver Rosenthal von Google Germany deutlich. Rosenthal, als Industry Leader, Creative Agency beim Konzern aus Mountain View tätig, schilderte anschaulich "How Google works". Der Leitsatz des Unternehmens: "Google's mission is to organize the world's information and make it universally accessible and useful". Das "Wissen der Menschheit" verfügbar zu machen, könne keine Redaktion, so Rosenthal. Er wies allerdings auch auf ethische Problemstellungen hin, wenn allein Algorithmen darüber entscheiden, welche Information die Relevanteste bei einer konkreten Fragestellung sein kann. Die gute Nachricht: Auch Unternehmen, die hochtechnisierte Services anbieten, können bislang nicht auf menschliche Arbeitsleistung und Entscheidungskompetenz verzichten. Im Übrigen gelingt auch im Hause Google längst nicht alles: Auf jedes erfolgreiche Produkt kommen rund 30 totale Flops – was aber unter dem Leitsatz "Fail well!" akzeptiert ist. Also: Fehler zulassen, um Innovationen zu befördern.

Consulting als "Great Place to Work"

Neben Google haben auch andere Firmen aus dem Silicon Valley Themen wie Mitarbeiterführung und Unternehmenskultur revolutioniert. Welche Faktoren wichtig sind, um ein Unternehmen zu einem attraktiven Arbeitgeber zu machen, erörterte Great Place to Work-Geschäftsführer Andreas Schubert. Mit Blick auf die Consulting-Branche hob er hervor, das "Vertrauen" ein ganz wesentliches Element in der Zusammenarbeit sei. Aber auch Faktoren wie Wertschätzung sowie die Nachhaltigkeit des Geschäfts würden eine große Rolle spielen. Interessant: Gehälter werden laut Schubert vor allem dann ein Thema, wenn die anderen Faktoren problematisch seien. Eine gute Unternehmenskultur ist demnach also auch im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit einer Firma von entsprechender Bedeutung.

Vertriebskanäle im Wandel: Vertrauen bleibt wesentlicher Faktor

Im Anschluss an die Vorträge widmete sich der Deutsche Beratertag in mehreren Fokus-Foren unterschiedlichen, für die Praxis der Consulting-Branche relevanten Aspekten. Hierzu gehörten beispielsweise Honorar-Entwicklung, Virtualisierung von Unternehmensberatung oder auch Fragen zur Ausgestaltung des Vertriebs.

Wie die Akquise von Kunden und Projekten in der Zukunft aussehen kann, war auch Thema in einer von absatzwirtschaft-Redakteur Martin Puscher moderierten Podiumsdiskussion. Hier spiegelten BDU-Vizepräsident Ralf Strehlau, Comatch-Gründer und Geschäftsführer Dr. Christoph Hardt, Tilo Ferrari (Management Angels GmbH) sowie Christoph Rammé, Gründer und Geschäftsführer von Consocium, ihre Erfahrungen insbesondere mit Vermittlungsportalen.

Ralf Strehlau hatte zur Eröffnung der Diskussion aus einer BDU-Studie zitiert, nach der die Kosten für Marketing und Vertrieb in den letzten drei Jahren tendenziell zugenommen haben. Interessant dabei allerdings: die Bedeutung persönlicher Direktansprache hat der Studie zufolge abgenommen, relevanter geworden ist hingegen die Empfehlung an potenzielle Neukunden durch bestehende Klienten.

Diese Aspekte tangieren zwar nicht unbedingt den Umgang mit Vermittlungsplattformen, zeigen aber, dass sich die Akquise von Beratungsprojekten durchaus im Wandel befindet. Tilo Ferrari betonte hierzu, Vertrieb müsse vor allem in verschiedenen Phasen differenziert betrachtet werden. Ob diese digital seien oder nicht, wäre nicht die entscheidende Frage. Einig waren sich die Panelteilnehmer vor allem darin, dass das Thema "Vertrauen" weiterhin einen ganz wesentlichen Faktor im Beratergeschäft ausmacht – unabhängig vom Vertriebskanal.

Raus mit dem inneren Schweinehund

Den launigen Abschluss des diesjährigen Beratertages bildete ein Vortrag von Dr. Stefan Frädrich. Der studierte Mediziner und Motivationsexperte schilderte unter dem Titel "Das Günter-Prinzip – So überwinden Sie Ihren inneren Schweinehund", wie Routinen entstehen und wie sich diese negativ auf Motivation und Lernbereitschaft auswirken. Sein Credo: wenn man versteht, warum man etwas tun soll, kann man auch die komplexesten Dinge schaffen. Man brauche ein Ziel, um zu wissen, wofür man etwas tue. Das funktioniere auch als kleinster gemeinsamer Nenner in einem Team, welches komplexe neue Aufgaben bewältigen soll. Der "innere Schweinehund" – bei Frädrich auf den Namen Günter hörend – entstehe hingegen aus Routinen und Langeweile. "Man kommt in eine Falle, wenn alles funktioniert. Wenn wir Routinen haben, machen wir den Denkfehler, diese für gegeben zu halten. Man genügt nur noch Automatismen", so Frädrich. Um Neues zu erreichen, müsse man immer wieder Veränderungen herbeiführen – und dabei auch akzeptieren, dass Fehler passieren.

Frädrich warb dafür, Angst vor Misserfolg zu überwinden und sich neuen Dingen mit Leidenschaft zu widmen. Vermutlich kein schlechter Rat mit Blick auf die anstehenden Herausforderungen in Sachen Digitalisierung – und eine interessante Analogie zur Firmenkultur eines ziemlich erfolgreichen Digitalkonzerns aus dem kalifornischen Silicon Valley. 

cl

Veröffentlicht am: 28.11.2016

 

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