Deutsche Aufsichtsräte suchen nach mehr Fach- und Branchenexpertise

Spencer Stuart Board Index 2016

Die Aufsichtsräte großer deutscher Unternehmen sind zunehmend dem Druck ausgesetzt, ihre Aufsichtsgremien professionell zu besetzen. Fach- und Branchenkenntnisse werden dabei immer wichtiger, so eine Studie von Spencer Stuart.

Deutsche Aufsichtsräte suchen nach mehr Fach- und Branchenexpertise. (Bild: Rawpixel.com - fotolia.com)
Deutsche Aufsichtsräte suchen nach mehr Fach- und Branchenexpertise. (Bild: Rawpixel.com - fotolia.com)

Der Anspruch, den Gesetzgeber, Behörden, Investoren, Medien und Konsumenten an die Aufsichtsräte der großen deutschen Unternehmen haben, befindet sich den Studienergebnissen zufolge im Wandel: Gute Beratung und Überwachung erfordern eine professionelle Besetzung entsprechend der regulatorischen und strategischen Veränderungen. Neben der zunehmenden Bedeutung von Fach- und Branchenkenntnissen müsse die Vergütung der gestiegenen Komplexität der Aufsichtsratstätigkeit Rechnung tragen. Traditionelle Netzwerke reichen für die Neubesetzung nicht mehr aus, so die Studie.

Digitalisierung und Frauenquote verändern die Besetzung

Nach der Analyse von Spencer Stuart folgt der Erfahrungshintergrund der deutschen Aufsichtsräte der ökonomischen Entwicklung: Unter den derzeitigen Anteilseignervertretern in den Gremien ist laut der Analyse Erfahrung in der Leitung von Unternehmen mit einem 68-prozentigen Anteil nach wie vor die herausragende, allerdings leicht schwindende Voraussetzung für eine Mitgliedschaft. Die Kernkompetenz Finanzen in Aufsichtsräten ist mit knapp 48 Prozent nahezu stabil geblieben. Doch hat sich die Nachfrage nach Technik- und Digitalisierungskompetenz erneut erhöht – der Anteil von Aufsichtsratsmitgliedern mit dieser Expertise liegt nun bei fast 20 Prozent. Auch die Kenntnisse im Bereich Recht und Compliance sind jetzt mit neun Prozent stärker vertreten. Der Anteil von Mitgliedern mit Erfahrung in den Bereichen Medien und Beratung hat sich, wenn auch auf niedrigem Niveau, seit 2014 spürbar erhöht, bei weiblichen Aufsichtsräten sogar verdoppelt beziehungsweise verfünffacht. Bei den vom Quotengesetz betroffenen Unternehmen beträgt der durchschnittliche Frauenanteil auf der Anteilseignerbank bereits 26,4 Prozent und liegt damit nahe an der Mindestmarke von jeweils 30 Prozent. Allerdings: Nur noch 54 Prozent der Vertreterinnen der Anteilseigner im Aufsichtsrat und damit fünf Prozentpunkte weniger als vor zwei Jahren haben Erfahrung in der Unternehmensleitung – nach Einschätzung von Spencer Stuart ein möglicher Indikator dafür, dass der Pool an Kandidatinnen hier momentan ausgeschöpft sein könnte. 

Ein weiteres Indiz für die wachsende Bedeutung einer fachlich angemessenen Besetzung sei: Immer mehr Aufsichtsräte (aktuell 88 Prozent) haben einen Nominierungsausschuss installiert. Zudem ist es gängige Praxis, dass Unternehmen regelmäßig die Effizienz ihrer Aufsichtsräte evaluieren (97 Prozent gegenüber zuvor 90 Prozent). Im aktuellen Untersuchungszeitraum haben 22 Prozent einen externen Berater hinzugezogen; dies sind sieben Prozentpunkte mehr als 2014.

Mehr Branchen-Know-how gewünscht

Bei allem Professionalisierungsdruck müssen Anspruch und Wirklichkeit realistisch gesehen werden, so die Studienautoren. Denn kein einzelner Aufsichtsrat könne alle erforderlichen Kenntnisse und Erfahrungen auf sich vereinen. Wichtig sei die richtige Mischung im Gremium insgesamt. Und da werde vor allem ausreichend Branchenexpertise immer bedeutender. Laut Board Index besitzen gut 39 Prozent der Anteilseignervertreter entweder spezifische Expertise in der Branche des Unternehmens oder aber in einem verwandten Segment. Die Reform des Abschlussprüfergesetzes im Sommer 2016 habe das Gewicht der Sektor-Expertise betont, während aber nach wie vor die „Cooling-Off“-Vorschrift von 2009 als Bremse wirke – sie zwingt zu einer mindestens zweijährigen Pause zwischen einer Tätigkeit als Vorstand und einem Aufsichtsmandat im selben Unternehmen. Umso wichtiger sei die breite Suche nach passenden Kandidaten jenseits althergebrachter Netzwerke und die Definition klarer Anforderungsprofile.

Vergütung orientiert sich immer weniger an kurzfristigem Erfolg

Auch bei der Vergütung der Aufsichtsratstätigkeit hat sich die Entwicklung der vergangenen Jahre laut der Studie verstetigt. Mittlerweile verzichten 70 Prozent der Aufsichtsgremien auf eine erfolgsorientierte Vergütung ihrer Mitglieder. Bereits seit 2013 empfiehlt der Deutsche Corporate Governance Kodex eine deutlich aufgabenbezogene Vergütung, um die Unabhängigkeit der Aufsichtsräte zu wahren und die Wichtigkeit einer langfristig-nachhaltigen Unternehmensentwicklung zu betonen, so Spencer Stuart. Zudem sei die Arbeit in Aufsichtsräten deutlich anspruchsvoller und komplexer geworden, der Zeitaufwand und die Sitzungsintensität seien gestiegen – die Fixvergütung solle dies angemessen honorieren. So ist das Fixum seit der Voruntersuchung erneut gestiegen: Im Schnitt erhält ein Aufsichtsratsmitglied nun mit 64.346 Euro 18 Prozent mehr und ein Vorsitzender mit 160.756 Euro 19 Prozent mehr als im Jahr 2014. Die Mitarbeit in Ausschüssen honorieren 92,5 Prozent der Unternehmen zusätzlich und 72 Prozent zahlen ein separates Sitzungsgeld.  

Zum Board Index 2016:
Der Board Index ist eine Bestandsaufnahme der Tätigkeit von Boards in Europäischen Ländern und den USA. In Deutschland erscheint er seit 14 Jahren im zweijährigen Rhythmus; die Ergebnisse werden regelmäßig in den Internationalen Zusammenhang gestellt. Seit 2012 wertet Spencer Stuart öffentlich zugängliche Daten von Unternehmen aus. Für den diesjährigen Index wurden die Daten von 67 Gesellschaften erfasst. Das schließt alle Dax-Unternehmen sowie einige aus dem M-Dax, S-Dax und Tec-Dax sowie eine nicht börsennotierte Aktiengesellschaft, die Bertelsmann SE, ein. 

mr

Veröffentlicht am: 14.12.2016

 

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