Deutscher Bankensektor in tiefer struktureller Krise

Bain-Studie

Die Eigenkapitalrendite deutscher Banken lag laut Bain-Studie 2015 im Schnitt bei 2,3 Prozent und damit nur 0,2 Prozentpunkte höher als im Vorjahr. Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre verdienten sie erheblich weniger als ihre internationalen Wettbewerber.

Der deutsche Bankensektor steckt in einer tiefen strukturellen Krise. (Bild: JFL-Photography - fotolia.com)
Der deutsche Bankensektor steckt in einer tiefen strukturellen Krise. (Bild: JFL-Photography - fotolia.com)

Laut Langzeitvergleich der Analyse von Bain & Company verdienten die deutschen Institute deutlich weniger als ihre Wettbewerber im zweitgrößten Euroland Frankreich sowie in den weiteren führenden Währungsräumen USA, Japan, Großbritannien und der Schweiz. Insbesondere die US-amerikanischen Banken schafften es, an ihre Renditen aus Vorkrisenzeiten anzuknüpfen. Auch beim Wachstum hinken die hiesigen Anbieter deutlich hinterher. Seit 2004 konnten sie ihre Bilanzsumme durchschnittlich nur um 1 Prozent pro Jahr steigern, 2015 schrumpfte sie sogar. Im gleichen Zeitraum wuchsen die japanischen Institute pro Jahr um rund 3 Prozent, die britischen um 4 und die französischen, Schweizer sowie US-Banken gar um 5 Prozent und mehr.

Renditen nachhaltig unter internationalem Niveau (Bild: Bain & Company)

Strukturelle Defizite im deutschen Bankenmarkt

Die Institute in Deutschland leiden laut der Bain-Analyse vor allem unter strukturellen Defiziten im operativen Geschäft. Der Zinsüberschuss trägt hierzulande mit 73 Prozent signifikant mehr zu den Einnahmen der Banken bei als in anderen Ländern. Die weltweite Niedrigzinspolitik belastet die deutschen Häuser damit besonders stark. Höhere Provisionseinnahmen scheitern unter anderem am harten Wettbewerb in einem unverändert stark fragmentierten Markt. In Frankreich etwa vereinen die fünf größten Banken mit 85 Prozent einen nahezu doppelt so hohen Anteil der kumulierten Bilanzsumme auf sich wie in Deutschland (44 Prozent). Trotz aller Sparanstrengungen stagniert auch deshalb die Cost-Income-Ratio, das Verhältnis von Kosten und Erträgen, im Durchschnitt der letzten vier Jahre in Deutschland bei 69 Prozent. In Frankreich liegt dieser Wert bei 65, in den USA bei 62 Prozent.

Hierzulande klaffen Welten zwischen den verschiedenen Institutsgruppen. Insbesondere Spezialisten wie Automobil- und Direktbanken erwirtschaften mit mehr als 6 Prozent überdurchschnittliche Eigenkapitalrenditen. Die mehr als 1.000 Volks- und Raiffeisenbanken kommen im Schnitt auf 2,9 Prozent, die 415 Sparkassen auf lediglich 1,7 Prozent. Zusammen mit den vier deutschen Großbanken und den Bausparkassen bilden sie das Schlusslicht des Bain-Rendite-Rankings. Insgesamt verdienen nur 5 Prozent der mehr als 1.700 untersuchten Banken ihre Eigenkapitalkosten.

Genossenschaftliche Zentralbanken erwirtschaften die höchste Rendite (Bild: Bain & Company)

Kosteneinsparungen und Konsolidierung sind unumgänglich

Bain sieht den deutschen Markt vor einem tief greifenden Wandel: An radikalen Einsparungen und einer zügigen Konsolidierung führe kein Weg mehr vorbei. Bereits in der letztjährigen Studie hatte Bain gezeigt, dass im deutschen Bankensektor Kostensenkungen von bis zu 30 Prozent oder 25 Milliarden Euro möglich sind – und damit verbunden die Schließung von 10.000 Filialen sowie der Abbau von 115.000 Arbeitsplätzen. Einsparungen in diesen Dimensionen setzen indes voraus, dass Größenvorteile konsequent genutzt werden. Die Zahl der Banken in Deutschland könnte auch aus diesem Grund bis 2025 um ein Drittel auf rund 1.200 sinken, so die Einschätzung von Bain. 

Ein wichtiger Treiber für die seit Langem diskutierte Konsolidierung dürfte die verschärfte Regulierung sein. Die neuen Regelwerke fordern umfassende Investitionen in Personal und IT, die aber vor allem kleinere Banken kaum stemmen können. Tatsächlich fehle zahlreichen deutschen Banken im internationalen Wettbewerb die nötige Größe, um auf Dauer erfolgreich zu sein.

Neuausrichtung der Geschäftsmodelle und klare Positionierung

Dreh- und Angelpunkt für den zukünftigen Erfolg ist nach Einschätzung von Bain die Neuausrichtung der Geschäftsmodelle vieler Banken – und das in der Geschwindigkeit des digitalen Zeitalters. Für die Spezialisten geht es hierbei vor allem um die Schärfung ihrer Positionierung in der Nische. Regionalbanken wie Sparkassen und Volksbanken hingegen müssen sich auf ihre Rolle als Kunden- und Vertriebsbank konzentrieren. Bei den national und international tätigen Universalbanken wiederum steht die Fokussierung auf profitable Geschäftsfelder im Mittelpunkt.

Gleichzeitig müssen alle Institutsgruppen sämtliche Möglichkeiten ergreifen, ihr Geschäft weiterzuentwickeln. Dies bedeutet neue digitale Angebote und Services, Cross-Selling in den Filialen oder eine Vorwärtsintegration der Beratung in das Geschäft ihrer Kunden hinein. Die Digitalisierung eröffne den Banken völlig neue Geschäftschancen. Dabei müsse der Wettbewerb etablierter Institute mit Fintechs nicht unweigerlich zu einer Konfrontation führen. Vielerorts münde er in ein Miteinander im Rahmen von Kooperationen. Dies erhöhe die Innovationsgeschwindigkeit der Banken und erleichtere es ihnen, den Umbau ihrer Geschäftsmodelle und zeitgleich die Digitalisierung voranzutreiben. 

Zur Studie:
Im Rahmen der Untersuchung mit dem Titel
"Deutschlands Banken 2016: Die Stunde der Entscheider" wurden die Bilanz- und GuV-Strukturen von mehr als 1.700 deutschen Kreditinstituten ausgewertet. Hierfür wurden Zeitreihen der Deutschen Bundesbank, der Europäischen Zentralbank sowie der Datenbanken von Bankscope und Hoppenstedt genutzt. Dazu erfolgte eine Analyse der Renditen und Ertragstreiber von Institutsgruppen in fünf weiteren Bankenmärkten. Außerdem wurden über 7.400 Jahresabschlüsse und Datensätze der Bank of England, Bank of Japan, Banque de France, der British Bankers‘ Association, des Federal Reserve Systems, der Federal Deposit Insurance Corporation, der Japanese Bankers Association, der Schweizerischen Nationalbank und der Weltbank ausgewertet.

mr

Veröffentlicht am: 07.12.2016

 

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