Industrie 4.0: Der wahre Wert liegt in produktionsfernen Bereichen

Oliver Wyman

Wie profitieren Industrieunternehmen nachhaltig von der Digitalisierung? Eine aktuelle Studie von Oliver Wyman beschäftigt sich mit den Erfolgspfaden und Risiken – auch für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau.

Der wahre Wert von Industrie 4.0 liegt in produktionsfernen Bereichen. (Bild: CONSULTING.de)
Der wahre Wert von Industrie 4.0 liegt in produktionsfernen Bereichen. (Bild: CONSULTING.de)

Die bisherige Diskussion um Industrie 4.0 greift der Studie nach zu kurz, weil sie die in Werkshallen genutzte Technologie in den Fokus stellt. Dabei liegen die entscheidenden Werthebel nicht in der Technologie, sondern in der klugen Interpretation der Daten, die entlang der Wertschöpfungskette entstehen, so Oliver Wyman. Damit zeichne sich ab: Wer strategische Kontrollpunkte entlang der Datenerhebung und Auswertung etablieren kann, wird am meisten von der nächsten industriellen Revolution profitieren.

Bis zu 1,4 Billionen US-Dollar an zusätzlicher, jährlicher Marge sind dank der "Digitalen Industrie" weltweit im Jahr 2030 zu heben, so Oliver Wyman. Der prognostizierte Mehrwert entstehe zum einen durch Kostensenkungen, zum anderen durch profitables Wachstum. Die größten digitalen Werthebel liegen nach Einschätzung der Managementberatung in teilweise produktionsfernen, indirekten Bereichen wie Vertrieb, Preissetzung, Planung, Controlling oder Einkauf.

Vom Kampf um die Datenhoheit

Zu den Gewinnern werden laut der Studie jene Marktteilnehmer zählen, die imstande sind, datengetriebene Entscheidungen zu treffen. Auf Unternehmen etwa im Maschinen- und Anlagenbau kommen dabei in erster Linie strategische Fragen zu, nicht technologische, so Oliver Wyman.

Die technischen Treiber hinter der rasanten Transformation sind weitgehend identifiziert: Vernetzte Maschinen halten Einzug in die Produktionsstätten, hinzukommen immer umfassendere 3D-Druckverfahren, Simulationssoftware und die Möglichkeit, praktisch in Echtzeit große Datenmengen zu erheben und zu analysieren (Big Data). Doch offen sind Fragen des digitalen Leadership: Wer betreibt und optimiert in Zukunft die Anlagen zum Beispiel in einem Automobilwerk? Etwa der Lieferant der Roboter, der Automobilhersteller selbst oder aber ein Schwergewicht aus der Softwarebranche? Und wem gelingt es, die Betriebsdaten so zu analysieren, dass er konkret anwendbare Handlungsempfehlungen und Prozessoptimierungen ableiten kann? Diese Fragen rund um das sogenannte Applikations-Know-how sind die wahren Kernthemen von Industrie 4.0 und bilden künftig auch die zentrale Grundlage der individualisierten Massenfertigung, so Oliver Wyman.

Gesamtlösungen aus einer Hand

In verschiedenen Branchen können die Maschinen- und Anlagenbauer aus Sicht der Studienautoren ihren Anteil an der Wertschöpfung erhöhen, indem sie die Prozessintegration in die Hand nehmen. Je nach Branche wurden im Rahmen der Studie entlang der Wertschöpfungsschritte neun unterschiedliche Werthebel identifiziert – von der Steigerung der F&E-Effizienz bis zur Optimierung des Produktionsnetzwerks. Als größter digitaler Werthebel hat sich dabei ein besseres Verständnis der konkreten Kunden-Nachfrage und eine intelligente Abschöpfung der Zahlungsbereitschaft erwiesen. Auf weltweit 600 Mrd. US-Dollar Margenzuwachs beziffern die Studienautoren dieses Potenzial im Jahr 2030 – und dessen Abschöpfung hat zum Beispiel in der Automobilindustrie bereits begonnen. Als zweitstärkster Effekt schlägt die Flexibilisierung der Fertigung samt individualisierter Massenfertigung mit 300 Mrd. US-Dollar Margenzuwachs zu Buche. Dieses Thema bewegt insbesondere Klein- und Miniserienfertiger mit noch eher niedrigem Automatisierungsgrad, etwa aus der Luftfahrt- oder der Bahnindustrie.

Unternehmen beklagen mangelnde Kreativität

Von Führungskräften werden zunehmend datenbasierte und transparente Entscheidungsprozesse gefordert. Gut gerüstet sehen sich bisher offenbar die wenigsten Manager: Im Rahmen der Studie gaben alle Entscheider der befragten Maschinen- und Anlagenbauer ausnahmslos an: Es fehle an "Kreativität, um über bestehende Betriebs- und Geschäftsmodelle hinauszudenken". 86 Prozent vermissten in ihren Unternehmen zudem "interne Software- und Datenkompetenzen" und noch 84 Prozent räumten selbstkritisch ein, es fehle an "Know-how bei der Analyse großer Datenmengen" und der Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen.

Oliver Wyman empfiehlt die digitale Transformation aktiv anzugehen, die Aktivitäten zu orchestrieren und den vielen Einzelprojekten einen Rahmen und eine Richtung zu geben.

Zur Studie:
Für die Studie "Digitale Industrie - Der wahre Wert von Industrie 4.0" hat Oliver Wyman mehr als 50 Unternehmen der Automobil-, Luftfahrt- und Bahnindustrie sowie des Maschinen- und Anlagenbaus in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Großbritannien und Nordamerika befragt.

mr

Veröffentlicht am: 29.03.2016

 

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