Unternehmer, Bürger, Politik: Städtischen Mobilitätswandel gemeinsam anpacken

Verkehrswende

Eine Stadt autogerecht zu gestalten, ist mittlerweile Geschichte. Sie stattdessen von hohem Verkehrsaufkommen zu befreien, nachhaltige Verkehrskonzepte zu entwickeln und Stadt-Terassen zu schaffen, um dessen Attraktivität sowie die Lebensqualität zu sichern, bestimmt heute die Zukunft. Wie kann ein solcher Stadt- und Mobilitätswandel also gelingen?

Was müssen Unternehmen, Politik sowie Bürger und Bürgerinnen tun, damit ein urbaner Mobilitätswandel gelingt? (Bild: picture alliance/dpa | Jörg Carstensen)

Innenstädte sind Begegnungsorte und Wirtschaftsfaktor: Wo sie veröden, geht dies zulasten des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Um heute die Zentren von morgen zu gestalten, braucht es kreative Konzepte und Innovationsgeist. Stadt- und Mobilitätswandel, der nur in gemeinsamer Kraftanstrengung sämtlicher Akteure gelingt - wie nicht zuletzt durch Unternehmen vor Ort.

Einzelhandelsunternehmer: Zukunft sichern, Verkehrswandel fördern

Das Ziel städtischen Mobilitätswandels: Erfolgreiche Handelsstandorte und attraktive Lebensräume. Doch was braucht es dazu? Für lebendigen Handel, Kultur, Gastronomie und Verwaltung muss eine Innenstadt jederzeit mit jedem Verkehrsträger erreichbar sein - für Kunden- und Lieferverkehr gleichermaßen.

Nachhaltig punktet dabei nur eine Mobilitätswende, die auf Faktoren wie Stadtgröße oder Einzugsgebiet zugeschnitten ist, weil sie Verkehrslasten in den Zentren reduziert. Der Handelsverband Deutschland (HDE), Spitzenorganisation deutscher Einzelhandelsunternehmer, packt unter der Überschrift "Zeit zum Handeln" die Stärkung der Zukunftsfähigkeit des Einzelhandels an. Konzepte, die über den Tellerrand schauen, weil sie nicht nur den Neustart nach der Pandemiekrise thematisieren, sondern auch Position zum Verkehrswandel in den Zentren beziehen. Denn nicht nur dort hat man erkannt: Wer die Vielfalt im innerstädtischen Handel erhalten und Lebensqualität vor Ort sichern will, erreicht dies nur durch eine breite Allianz aller Akteure einer Stadtgesellschaft.

Stadtumbau braucht passende Rahmenbedingungen

Wie sieht ein Stadtumbau aus, der den Stellenwert des Einzelhandels als Versorgungsquelle würdigt? Städtebauliche Maßnahmen müssen positive Effekte auf Versorgungsdichte und Versorgungsqualität entfalten - nicht zuletzt, indem Städte das Thema Leerstände endlich angehen. Denn nur eine lebendige City ist attraktiv - und macht Lust, sich dort aufzuhalten. Aber wie bekommt man dies hin?

Gut geplanter, intelligenter Mobilitätswandel sichert die Erreichbarkeit für Kunden, Besucher und Lieferverkehr - weil nur solche Zentren florieren. Der Transformationsprozess von Handel und Innenstädten hat begonnen: Die Politik ist aufgefordert, für die richtigen Rahmenbedingungen zu sorgen, damit der Wandel gelingt.

Verkehrsinfarkte durch bedarfsgerechte Mobilität vermeiden

Angesichts des Klimawandels sind Planungen zum Thema autogerechte Stadt Geschichte. Was es jetzt braucht, ist ein Umbau in Richtung bedarfsgerechter Mobilität - Schritt für Schritt. Derzeit konkurrieren hier unterschiedlichste Verkehrsmittel miteinander - im Verkehrsnetz selbst, aber auch im Bereich von Flächen, wo der Verkehr ruht. Neue Verkehrsarten wie der wachsende Lieferverkehr durch zunehmenden Online-Handel schafft neue Probleme - lärmlastiges Zweite-Reihe-Parken ist nur eines davon. Die Niederlande machen vor, dass es auch anders geht - z. B. mit flüsterleisen Lieferfahrzeugen in den Nachtstunden. Geht das auch bei uns? Um solche Nachtlogistik einzuführen, ist der Gesetzgeber gefragt. Allerdings greift es zu kurz, nur weniger Lärm und CO2 zu produzieren: Nicht nur die Treibstoffart, auch die Verkehrsmittel müssen sich ändern! Der motorisierte Verkehr steht als Verursacher von CO2-Emissionen an dritter Stelle, die Städte ächzen unter dem Verkehrsaufkommen. Lösungen, die in Beteiligungsprozessen mit Bürgern, Wirtschaft und Verwaltung auf Augenhöhe auszuhandeln sind.

Mobilität On-Demand: Schnelles Bikesharing erleichtern

Wie sehen solche Änderungen aus? Indem z. B. On-Demand an die Stelle von Eigenbesitz tritt. Als einer der ersten erkannte die Deutsche Bahn schon 2001 das Potenzial von Sharing-Economy. Heute sind Flinkster-Carsharing und Call a Bike mit mehr als 13.000 Rädern in über 50 Städten bundesweit etabliert. Bei der Bahn versteht man On-Demand-Mobility als Thema der kommenden Jahre - und rechnet damit, dass die Grenzen zwischen Individual- und öffentlichem Verkehr fallen. Sharingangebote sollen das Kundenbedürfnis bedienen, unkompliziert, günstig und schnell mobil zu sein, ungebunden an ein bestimmtes Verkehrsmittel. Stattdessen greift jeder auf einen - frei kombinierbaren - Mix aus Mobilitätsangeboten zu, um in der Stadt mobil zu sein. Dabei unterstützt die Deutsche Bahn Startup Unternehmer, die in Kooperation mit ihrer lokalen Gemeinde den Grundstein für eine Bikesharing-Flotte legen möchten. Bikesharing und E-Bike-Nutzung werden weiter wachsen: Nicht nur viele Pendler wünschen sich, auch weitere Strecken zum Job unkompliziert zurückzulegen - auch Lastenräder können bei der Bandbreite an Transportoptionen noch aufholen. On-Demand-Anbieter von Lastenrädern machen sich bereit - und stellen Ihr Verleihkonzept so auf, dass Bürger diese Transportalternative künftig ebenso unkompliziert wie ein klassisches Pedelec mieten können.

Lastenräder sind da - doch wo sollen sie fahren?

Geeignete Radwege müssen her - und eine verlässliche Ladeinfrastruktur. Fahrrad-Aktivisten begrüßen die Tatsache, dass viele Städte den reduzierten Autoverkehr während der Pandemie zur Einrichtung von Radwegen genutzt haben. Provisorien zwar, aber dennoch ein erster Schritt zur verkehrspolitischen Wende. Schon jetzt ersetzen Lastenräder mancherorts Autos und Dieseltransporter. Kommt die passende Infrastruktur, holt dies die innovativen Transportmittel aus dem Randbereich ins Licht, damit sie auf breiter Front ihren spürbaren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Längst wollen Unternehmen und Hersteller moderner Lastenräder ihre Produkte auf die Straße bringen. Was noch fehlt, sind breitere Radverkehrsanlagen, die Nutzer in sicherem Abstand zum Autoverkehr befahren - und ggf. Rad-Schnellstraßen, die den urbanen Transport beschleunigen. All das macht den Wechsel aufs Rad attraktiv. Neue Verkehrskonzepte, die dies berücksichtigen, schaffen auch die nötige öffentliche Infrastruktur für E-Cargobikes. Die Städte sind aufgefordert, Hürden für den Bau von E-Tankstellen für urbane Mikromobilität zu beseitigen sowie einen Rechtsrahmen für die gewerbliche Nutzung von Lastenrädern zu schaffen.

Gewusst wie: E-Bike und Lastenrad einfach am Poller aufladen

Ist das ein Poller? Ja, aber er kann noch mehr, nämlich urbane Outdoorbereiche mit Wasser und Energie versorgen. Dort, wo das öffentliche Leben tobt, wo Bürger zusammenkommen, Sommer wie Winter, von Freiluftkino bis Weihnachtsmarkt. Nichts geht hier ohne eine gesicherte Versorgung, rund ums Jahr. Dazu setzen viele Städte noch immer auf temporäre Lösungen wie teure Mietgeneratoren. Das muss doch kostensparender gehen? Geht es auch - indem man eine auf Dauer angelegte Versorgungs-Infrastruktur entwickelt, von der auch der wachsende Individualverkehr profitiert. Sprich, E-Bikes und Lastenräder können es gar nicht erwarten, überall in der City anzudocken, um unkompliziert E-Saft zu tanken. Doch beim verfügbaren Angebot ist noch Luft nach oben - oder, besser gesagt, zu allen Seiten im urbanen Raum. Hier kommt der besagte Poller zum Aufladen von E-Bikes ins Spiel.

Ob Radfahrer oder Veranstalter: Überall Strom zapfen

Poller trennen, strukturieren und sichern Verkehrszonen - eigentlich. Dabei beanspruchen sie wertvolle Fläche. Poller grenzen Fahrradstellplätze und Fußgängerzonen von Straßen ab - Orte, die Radfahrer naturgemäß passieren. Die innovative Idee setzt exakt hier an. Wer einen dieser Poller öffnet, erlebt eine Überraschung: Sein Innenleben birgt nämlich Leitungssysteme - für Strom oder Wasser, mit Steckern und Steckdosen, Wasserhähnen und Abwasserleitungen, auf Wunsch auch beides gleichzeitig. Selbstverständlich ist jeder Poller gegen unbefugten Zugriff gesichert; nur Auserwählte wie Stadtgärtner oder Veranstalter besitzen einen Schlüssel. Aber damit jeder E-Biker dort auch bei verriegelter Klappe Strom zapfen kann, ist eine Kabelrutsche integriert. Ihren Dienst tun diese Poller praktisch überall in der Stadt, wo Wasser- und Stromanschluss in der Nähe sind - von Wochenmarkt über Radstation bis Bootsanleger. Objekte aus Stahl, die ohne Stilbruch auch im Design zu städtischem Standort und Ambiente passen.

Der Newsletter der Consultingbranche

News +++ Jobs +++ Whitepaper +++ Webinare

Aufs E-Bike umsteigen? Gern - dank staatlicher Förderung

Städtischer Mobilitätswandel kostet - und wird deshalb durch staatliche Förderung befeuert. Um Lieferwege umweltfreundlicher zu gestalten, fördert die Bundesregierung die Anschaffung elektrisch unterstützter Lastenräder und Anhänger für Unternehmen seit dem 1.3.2021 verstärkt - mit maximal 25 Prozent der Anschaffungskosten oder bis zu 2.500 Euro. Aber auch Unternehmer im Segment Dienstrad-Leasing profitieren indirekt: Bereits seit dem 1.1.2020 werden Arbeitnehmende, die sich dafür entscheiden, steuerlich begünstigt. Nur 0,25 Prozent vom Kaufpreis sind an geldwertem Vorteil zu versteuern - im Vergleich zum Firmenwagen mit einem Prozent. Mehr noch: Die Nutzung des Dienstrades ist nicht nur zu Hause, sondern auch bei einem Auslandsurlaub erlaubt. Entsprechend erhofft sich der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) von der neuen Bundesregierung einen verstärkten Ausbau flächendeckender Radverkehrsförderung. Die Chancen dafür stehen gut: Die SPD hat versprochen, bis 2030 das klimafreundlichste Mobilitätssystem Europas aufzubauen und in Zuges dessen mehr Raum für Radfahrer, Fußgänger und ÖPNV zu schaffen. Schon jetzt steht in jedem achten Haushalt ein E-Bike - eine Zahl, die sich durch unternehmerisches Engagement, eine verbesserte Infrastruktur und mehr Förderungen für Privatleute noch in dieser Legislaturperiode deutlich erhöhen könnte.

Stadt-Terrassen: Stadtmobiliar schafft Platz für Bürger im Straßenraum

Weniger Lärm, bessere Luft, mehr Lebensqualität: Die Mobilitätswende in der eigenen Kommune mitzugestalten, kann sich lohnen. Die Zeit ist reif für Alternativen zur langetablierten autozentrierten Denkweise. Eine Vision, die über die einfache Ausweitung von E-Mobilität hinausgeht, sondern Straßenräume für Menschen neu entdeckt - im eigenen Wohnumfeld als lebenswertem Freizeitort. Das Zukunftsnetz Mobilität NRW für die EMW (Europäische Mobilitätswoche) 2021 legte den Schwerpunkt auf Straßenraum-Umgestaltung und Lebensqualität im öffentlichen Raum. Neben der - beim Thema Poller bereits erwähnten - Gemeinde Nottuln ist z. B. Dortmund mit dabei: Das dortige Leihangebot Stadt-Terrassen ist ein gutes Beispiel dafür, wie Städte und Unternehmen Platz für Bürger im Straßenraum schaffen.

Mit vereinten Kräften: Potenziale für Mobilitätswandel und Lebensräume ausreizen

Straßen können viel mehr sein als Verkehrsadern und eine Aneinanderreihung von Stellplätzen. Sondern Treffpunkte für Anwohnende, Kinderspielraum und Flaniermeilen für Besuchende einer Stadt. Stadt-Terrassen stellen einer Kommune die Ausstattung dazu bereit. Stadtmobiliar, das es ermöglicht, bis zu 150 Meter Straßenraum neu zu gestalten. Straßenräume und Parkplätze laden zum Sitzen, Liegen und Verweilen ein. Und was zunächst temporär gedacht ist, hat das Potenzial für dauerhafte Umgestaltung. Wie sich zeigt, braucht erfolgreiche Stadtentwicklung zahlreiche Akteure: Unternehmen und Verwaltung sind genauso in der Verantwortung wie jeder Einzelne von uns. Nur mit vereinten Kräften und innovativer Perspektive wird das Großprojekt Mobilitätswende ein Erfolg!

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Kommentare geben ausschließlich die Meinung ihrer Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht oder gekürzt zu veröffentlichen. Das gilt besonders für themenfremde, unsachliche oder herabwürdigende Kommentare sowie für versteckte Eigenwerbung.

Über CONSULTING.de

consulting.de ist das zentrale Informationsportal für Unternehmensberatungen. Unser breites Informationsangebot rund um Consulting richtet sich sowohl an Management- und Strategieberatungen, Personalberatungen, Controlling- und Finanzberatungen, Wirtschaftsprüfungen, Marketing- und Kommunikationsberatung und IT-Beratungen als auch deren Kunden aus Industrie, Handel sowie Dienstleistung.

facebook twitter xing linkedin linkedin