Versicherer stehen vor Beitragsanpassungen und fordernder Zukunft

Marktentwicklung

2020 war auch für die Versicherungswirtschaft ein schwieriges Jahr. In vielen Branchen müssen die Beiträge künftig wohl abgeändert werden. Das liegt aber nicht nur an der Corona-Krise. Ebenso erzwingen Klimawandel, Politik und Online-Wettbewerb neue Geschäftsmodelle. Langfristig-dynamische Strategien sind bei der Kostenkalkulation der Versicherer immer stärker gefragt.

Versicherungsunternehmen müssen ihre Konzepte für die Zukunft rüsten. (Bild: stock.adobe.com © Jo Panuwat D)

Dass sich das zurückliegende Jahr dank Corona für die Versicherungsbranche allgemein als Belastung erwiesen hat, dürfte nicht überraschen. Allerdings hat das Virus mit seinen Folgen 2020 letztlich in vielen Bereichen nur einen Trend verschärft, den es schon vorher gab:

Die Versicherer geraten mit ihren bisherigen Geschäftsmodellen zunehmend unter Druck. Daran haben noch weitere äußere Faktoren ihren Anteil, aber auch die Branche selbst, die in ihrer Angebots- und Preiskalkulation noch zu oft in der Vergangenheit lebt. Gefragt sind neue Strategien, die unerwartete Einschnitte wie Corona abfedern können und den Anbietern auch in weniger bewegten Zeiten mehr Spielraum zum Erreichen ihrer Kunden erlauben.

Lage im Rechtsschutzbereich früh angespannt

Der Branche wurde früh im Verlauf des letzten Jahres klar gemacht, dass Veränderungen unumgänglich sein werden. Bereits im Mai empfahl der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) innerhalb seiner jährlichen Ermittlung eine Beitragserhöhung bei Rechtsschutzversicherungen. Diese Treuhand-Prüfung bezifferte den Anstieg, je nach Vertragsart, auf bis zu fünf Prozent. Zu den Gründen gab es keine offizielle Angabe, doch Experten vermuten, dass allein Streitigkeiten im Dieselskandal mit betroffenen Autoherstellern zu einem Versicherungsschaden von über 660 Mio. Euro bis Mai 2020 beitrugen.

Hinzu kamen dem Vernehmen nach Arbeits- und Vertragsschutzfälle im Zusammenhang mit Corona. Diese hätten schon allein vom Beginn der Krise im März bis zum April für über 35.000 Beratungsfälle gesorgt und seien im Laufe des Jahres schließlich noch um ein Vielfaches angestiegen.

Einnahmeausfälle bei Autoversicherungen

Der Markt der Kfz-Versicherungen wurde von den Corona-Auswirkungen ebenso wenig verschont. Ein Rückgang des Verkehrsgeschehens infolge der Lockdown-Monate sorgte 2020 für weniger Autounfälle, was wiederum Auswirkungen auf die Versicherungsprämien 2021 haben dürfte. Ein indirekter Zwang zum Absenken der Prämien und ein damit einhergehender Margenverlust könnten der Branche Probleme bereiten.

Zudem hat sie schon alleine deshalb weniger Beitragseinnahmen in diesem Jahr zu erwarten, da vergangenes Jahr mehr Fahrzeuge als üblich in Folge der Corona-Beschränkungen stillgelegt wurden. Inwiefern sich dies in den kommenden Jahren wieder durch Neuzulassungen abmildern wird, ist noch nicht abzusehen - die Lage bleibt volatil.

Noch stärker als im Bereich der Privatversicherungen wird der Einnahmenverlust für die Kfz-Versicherer jedoch in Sachen Flottenversicherungen ausfallen. Viele Unternehmen haben durch Corona offenbar erkannt, dass sie ihre Mitarbeiter nicht unbedingt überall herumschicken müssen. Viele Gespräche mit Kunden oder Geschäftspartnern lassen sich eben auch per Videoschalte über das Internet erledigen. Entsprechend wird der Fuhrpark verkleinert, bevor die Firmenwagen nutzlos herumstehen und unnötig Geld kosten.

Kfz-Versicherer leiden unter begrenzter Mobilität während der Pandemie. (Bild: stock.adobe.com © Pormezz)

Lebens- und Reiseversicherer zum Umdenken gezwungen

Schon in den vergangenen Jahren sahen sich die Anbieter von Lebensversicherungen aufgrund der niedrigen Zinsen der Europäischen Zentralbank einem erschwerten Geschäft ausgesetzt. Potenziell interessierte Kunden schreckten oft zurück, wenn sie feststellten, wie gering die Zinsen ausfallen sollen, die die Versicherungsunternehmen ihnen auf ihre geplanten Ansparungen versprechen. Was bei den Banken die Tages- und Festgeldkonten unattraktiver macht, gilt seit Beginn der Niedrigzinsphase auch für Kapitallebensversicherungen.

Da nun durch Corona samt Folgen erst recht keine Zinserhöhung auf absehbare Zeit mehr zu erwarten ist, prognostiziert die Ratingagentur Fitch speziell den deutschen Lebensversicherern eine weiterhin schwierige Situation. Die bereits begonnene Strategieänderung, mit riskanteren Investments und einem breiteren Produktmix den niedrigen Zinsen entgegenzuwirken, sieht Fitch kritisch. Sie koste die Versicherer zu viel Zeit. Vertrauen und Verständnis der Kunden dürften dadurch ebenfalls gefährdet werden. Durch die wegbrechenden Einnahmen sieht es für die gesamtwirtschaftliche Lage vieler Lebensversicherer düster aus. Zukunft: Ungewiss.

Bei den Unternehmen, die verstärkt Reiseversicherungen im Portfolio führen, war das Geschäft seit Beginn der Corona-Reisebeschränkungen ebenfalls in Turbulenzen geraten. Vielfach fielen Abschlüsse von Reiseabbruch- oder Reisekrankenversicherungen schlicht weg. Andererseits mussten manche Unternehmen mit unzureichenden Absicherungsklauseln in ihren Verträgen höhere Versicherungssummen für ausgefallene Reisen und Flüge auszahlen.

Wie sich all das mittelfristig auf die Preise von Reiseversicherungsprodukten auswirkt, steht derzeit noch in den Sternen. Das hänge von mehreren Faktoren ab, betonen betroffene Versicherer. Etwa vom Zeitpunkt der dauerhaften Wiederaufnahme der Geschäfte der Reiseanbieter. Zudem auch von der Entwicklung der Reisebereitschaft von Urlaubern und Geschäftsleuten nach dem Abflauen der Pandemie.

Katastrophenjahr knackt Rekord (noch) nicht

Erwartungsgemäß war das Katastrophenjahr 2020 für die Versicherungsbranche weltweit ein besonders kostspieliges Jahr. Ersten Hochrechnungen des Schweizer Rückversicherers Swiss Re ist der globale Versicherungsschaden schon jetzt auf rund 83 Milliarden US-Dollar zu beziffern. Das aber hat noch nicht einmal mit Corona zu tun, denn die Schadensberechnungen für Covid-19 brauchen noch einige Zeit und werden erst im Laufe des Jahres 2021 vorliegen. Schließlich sind einige Daten erst mit Verzug einkalkulierbar.

Die 83 Milliarden beziehen sich allein schon auf Umweltschäden und zahlreiche Naturkatastrophen wie Waldbrände oder Stürme. Bereits damit ist 2020 das fünftteuerste Jahr seit Erhebungsbeginn im Jahr 1970 für die Versicherungsindustrie. Womöglich werden die Corona-Nachberechnungen das zurückliegende Jahr dann auf die Spitzenposition heben.

Zugleich ist zu vermuten, dass die Pandemie auch dem Jahr 2021 noch eine vordere Platzierung in diesem Ranking bescheren wird. Immerhin werden einige Versicherungsschäden erst nach der Krise sichtbar. Beispielsweise in der Branche der Kreditversicherungen, die bislang noch durch großzügige Staatshilfen indirekt mit unterstützt wurde. Hier erwarten Insider aus dem Consulting noch Anfang 2021 erste Insolvenzhäufungen.

Klimawandel in Kalkulationen einbeziehen

Der Klimawandel fordert die Versicherungsbranche immer stärker heraus. (Bild: stock.adobe.com © NicoElNino)

Die Zahlen von Swiss Re zeigen, dass längst nicht nur unvorhersehbare Krisen wie die Corona-Pandemie den Versicherern neue Wege aufnötigen. Der Klimawandel samt Umweltkatastrophen stellt die Branche mittel- und langfristig viel berechenbarer vor Herausforderungen. In der weltweiten Risikobewertung diverser Versicherungskonzerne sicherten sich Klimaaspekte zuletzt immer häufiger einen priorisierten Stellenwert. Insofern wird klar, dass immer weniger Versicherer ihre Preise noch auf Basis vergangenheitsbezogener Daten ermitteln können.

Es braucht analytische Rechenmodelle mit Prognosefunktion. Regionale Klimaunterschiede und künftige Umweltentwicklungen müssen mitbedacht werden, etwa durch Methoden des Predictive Modelling, die digital und vernetzt neue Datenmodelle bieten. "Grüne Tarife" sind das Modell der Zukunft für viele Versicherungszweige, beispielsweise in den Bereichen Immobilien, Tourismus oder Versorgungswirtschaft.

Spannungsfeld zwischen Online-Plattformen, Überalterung und Regulierung

Abseits des Zukunftsthemas Klima machen sich auch im Hier und Jetzt diverse Widrigkeiten der Versicherungswirtschaft bemerkbar. In der Studie "Versicherung 2030" stellen die Strategieberater von Oliver Wyman fest, dass der demographische Wandel zentraler Treiber für künftiges Produkt- und Preismanagement ist. Die Alterung der Gesellschaft erfordert flexiblere, passgenaue Konzepte bei der privaten Altersvorsorge, damit diese im Wettbewerb des gesättigten Marktes gegen gesetzliche Rente und Betriebsrentenwerke bestehen kann.

Zudem macht die Studie einen zweiten entscheidenden Wettbewerb aus: Plattformen – wie z.B. Preisvergleichsportale – im Internet. Diese kontrollieren demnach bis 2030 über 60 Prozent des Neukundengeschäfts im ungebundenen Vertrieb und könnten damit Versicherungsunternehmen teilweise obsolet machen. Auf der Flucht vor dem Preisdruck und der Bedeutungslosigkeit in neue Betriebsfelder vorzustoßen, kann für klassische Versicherer nur bedingt eine Lösung sein. Eine konsequente Präsenz auf Plattformen, etwa durch Beteiligungen an Insur-Tech-Firmen, wäre ratsamer.

Darüber hinaus offenbart etwa das Feld der Krankenversicherungen eine weitere Herausforderung für die Zukunft: Staatliche Regulierungen. Zwar sind diese für viele Versicherer ein altbekanntes Grundproblem, doch gerade durch die Corona-Krise bieten sie privaten Krankensversicherungen zusätzliche Schwierigkeiten. Während die gesetzlichen Krankenkassen in der Folge der Pandemie ihre Beiträge ohne Einwände der Politik erhöhen dürfen, obliegen die privaten Versicherer Regularien. Wie auch in normalen Zeiten dürfen sie ihre Beiträge erst dann erhöhen, wenn vorgegebene Schwellenwerte überschritten werden.

Diese starre Vorgabe sorgt gerade nach Krisen mit einem Mal zu einem stärkeren Anstieg der Beiträge bei einigen Versicherern. Kunden haben in solchen Fällen die Möglichkeit für einen Wechsel des privaten Anbieters oder in einen anderen Tarif. Da die Krankenkassen durchaus sehr unterschiedliche Finanzierungsstrukturen aufweisen, können einige Anbieter ihre Tarife weiterhin noch günstiger halten. Dennoch ist hier die Politik gefragt, gegenzusteuern und den privaten Krankenversicherern künftig eine flexiblere Preisgestaltung zu ermöglichen.

Zukunftsfähige Modelle evaluieren

Insgesamt steht die Versicherungsbranche also vor gewaltigen Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft, die sie nur mit neuen Denkansätzen und Handlungsmustern bestehen kann. So empfiehlt beispielsweise Ernst & Young einige Maßnahmen zum Corona-Handling, von denen manche auch insgesamt nutzen können:

  • Eine Task Force im Unternehmen einrichten, die wichtiges Know-how zum Krisenmanagement bündelt.
  • Regelmäßige Reviews der Geschäftsstrategie im Marktumfeld durchführen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
  • Eine ganzheitliche Unternehmensbetrachtung vornehmen, mit holistischer Koordination aller Maßnahmen zur Ressourceneffizienz.

Die Wirtschaftsprüfer von Deloitte empfehlen der Versicherungswirtschaft für die Transformation in die Zukunft einen neuen Risiko- und Compliance-Ansatz: Es brauche in der Governance eine branchenübergreifende Verortung und Bewertung von ethischen, operativen und organisatorischen Risiken, qualitativ wie quantitativ. Mitarbeiter müssten entsprechend geschult und Prozesse mit modernen Technologien wie Künstlicher Intelligenz automatisiert werden, um das Geschäft wirkungsvoller zu gestalten. Ein kontinuierliches Monitoring mit ununterbrochener Risikomessung in Echtzeit ist demnach für die erfolgreiche Zukunft eines Versicherungsunternehmens unabdingbar.

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Veröffentlicht am: 13.01.2021

 

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