"Wenn Sie Honorare in Relation setzen zum Anstieg der Einstiegsgehälter, zeigt sich eine Schieflage"

Interview mit Jörg Hossenfelder, Lünendonk & Hossenfelder GmbH

Das Marktforschungsunternehmen Lünendonk & Hossenfelder hat im Rahmen einer Erhebung unter führenden Wirtschaftskanzleien in Deutschland herausgefunden, dass der Kampf um Nachwuchs inzwischen dramatische Formen annimmt und die Kanzleien belastet. Die Einstiegsgehälter sind schon recht hoch, also müssen sich die Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Anwälte etwas anderes einfallen lassen, um als Arbeitgeber attraktiver zu werden. Wir sprachen mit Jörg Hossenfelder, er ist geschäftsführender Gesellschafter und Autor der Studie "Führende Wirtschaftskanzleien in Deutschland".

Jörg Hossenfelder, Lünendonk & Hossenfelder GmbH

CONSULTING.de: Herr Hossenfelder, das Thema Personal habe inzwischen einen oberen strategischen Stellenwert in den Kanzleien eingenommen, fasst Ihre Studie das Problem zusammen. Hätte das nicht ein paar Jahre früher passieren müssen? 

Hossenfelder: Die Personalthematik hatte schon immer einen hohen Stellenwert für Wirtschaftskanzleien. Gerade die mittelgroßen und kleineren Häuser mussten neue Wege gehen, weil sie nicht von einem bekannten Brand profitieren konnten. In den zurückliegenden Jahren waren jedoch andere Strategiefelder wichtiger, zum Beispiel die Internationalisierung und der Margendruck. Das Thema Personal hat inzwischen an Brisanz gewonnen – sowohl im Hinblick auf die demographische Entwicklung als auch auf die gestiegenen Einstiegsgehälter. 

CONSULTING.de: Hohe Einstiegsgehälter würden die Kanzleien belasten, schreiben Sie. Die Kanzleien verdienen so gut wie nie, das kann doch nicht im Ernst das Problem sein, oder?

Hossenfelder: Das Business brummt in der Tat. Wenn Sie indes die Entwicklung der Honorare in Relation setzen zum Anstieg der Einstiegsgehälter, zeigt sich eine zunehmende Schieflage. Dies geht zu Lasten der Marge. Das führt teilweise so weit, dass Kanzleien ihre Partnerstrukturen überdenken, um nachhaltig erfolgreich zu sein. Dieses Phänomen beobachten wir auch in anderen Business-to-Business-Dienstleistungen.  

CONSULTING.de: Ist es nicht auch so, dass es gerade WPs sehr schwer fällt, ihr eigenes Arbeitsgebiet als attraktiv darzustellen? Schon Berater hatten es schon einmal leichter, an gutes Personal zu kommen, bei Wirtschaftskanzleien denken viele Menschen erst einmal an besonders gründliche Zahlenschieberei. Was sollten Kanzleien tun, um ihr Arbeitsgebiet interessanter zu machen?

Hossenfelder: Dieser Herausforderungen stellen sich die WP-Gesellschaften sowie die Verbände und Kammern schon seit mehreren Jahren. So hat das Institut der Wirtschaftsprüfer (IdW) eine Imagekampagne gestartet. Und wenn Sie die Internetauftritte der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungs-Gesellschaften mit denen von vor zehn Jahren vergleichen, erkennen Sie frappierende Unterschiede. Natürlich ist das Arbeiten mit Zahlen, Daten und Fakten noch ein Kernbereich. Und das ist auch gut so. Ich kenne viele Berufsträger, denen diese Arbeit sehr viel Freude bereitet, vor allem in der Optimierung und Beratung. Da sich aber das Leistungsspektrum ausweitet, benötigen die WP-Gesellschaften auch Wirtschaftsinformatiker, Programmierer und Data Scientists. Hier entsteht neben der Rechts- und Managementberatung ein ganz neuer, dynamischer Geschäftsbereich. Das erhöht die Attraktivität des Berufs ungemein, 

CONSULTING.de: Sie haben die Kanzleien auch gefragt, was sie über höhere Gehälter hinaus anbieten, um im Wettstreit um Talente mithalten zu können. Genannt wurden eine „adäquate Work-Life-Balance (z.B. 40-Stunden-Woche“ oder auch „Auslandseinsätze, interdisziplinäre Teams und interne Akademien“, auch eine Kinderbetreuung wurde genannt. Abgesehen davon, dass eine ganz normale 40-Stunden-Woche natürlich keine Hurra-Schreie auslöst – die Benefits gibt es in anderen Firmen schon lange oder locken keinen mehr hinterm Ofen hervor, oder? 

Hossenfelder: Es ist schwierig, den Beruf der Prüfer und Berater mit anderen Branchen zu vergleichen. In der Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung, aber auch in der Management- und Rechtsberatung wussten die Berufseinsteiger bisher stets, welche Anforderungen an sie gestellt werden – gerade zu Hochzeiten. Die Ansprüche haben sich aber geändert. Im Mittelpunkt steht innerhalb der genannten Berufsgruppe jedoch weniger eine 40-Stunde-Woche, sondern vielmehr Flexibilität und Work-Life-Balance. Das heißt zum Beispiel, dass auf intensive Business-Phasen geringere Arbeitszeiten und längere Auszeiten folgen. Darauf müssen sich die Professional-Services-Gesellschaften einstellen. 

CONSULTING.de: Vielen Dank!

Jörg Hossenfelder ist Kommunikationswissenschaftler und studierte bis 2000 an den Universitäten Mainz und Bologna mit den Schwerpunkten Public Relations, Öffentliche Meinung und Umfrageforschung. Parallel arbeitete er als Freier Journalist bei TV- und Printmedien. Nach seinem Studium beriet er als Kommunikations-Berater Business-to-Business-Unternehmen hinsichtlich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
2004 übernahm er die Leitung der Research-Abteilung bei der Lünendonk & Hossenfelder GmbH. Seit Juli 2005 ist Hossenfelder Geschäftsführer und seit 2009 Geschäftsführender Gesellschafter der Lünendonk & Hossenfelder GmbH.

Das Interview führte Tilman Strobel

 

 

 

Veröffentlicht am: 27.03.2018

 

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