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Fachkräftemangel: Die Probleme der Branchen

Das Verzeichnis der vom Fachkräftemangel betroffenen Branchen ist lang. Lokführer und Ärzte gehen in Rente, für den Beruf des Bäckers fehlen Auszubildende, bei Pflegefachkräften herrscht Notstand. Informieren Sie sich über die spezifischen Probleme der Branchen, Gründe für den Fachkräftemangel und Berufe, für die laut Statistik Engpässe bestehen.

Für die MINT-Berufe ermittelt das iwd einen Bedarf von 315.000 Arbeitskräften. (Bild: Pashminu - pixabay)
Für die MINT-Berufe ermittelt das iwd einen Bedarf von 315.000 Arbeitskräften. (Bild: Pashminu - pixabay)

Was versteht man unter Fachkräftemangel?

Der Begriff "Fachkräftemangel" wird allgemein verwandt, um zu beschreiben, dass in einer Branche mehr Stellen offen sind, als Bewerber existieren, um diese Stellen zu besetzen. Um das Verhältnis zwischen der Zahl von Bewerbern zu offenen Stellen zu ermitteln, wird oft die Statistik der Bundesagentur für Arbeit zur Hilfe genommen. Allerdings muss davon ausgegangen werden, dass zusätzlich offene Stellen existieren, die der Bundesagentur nicht gemeldet werden. Diese Stellen werden nur intern oder auf alternativen Stellenportalen ausgeschrieben. Die Agentur für Arbeit geht davon aus, dass nur jede vierte Stelle für Akademiker und nur jede zweite für einen technischen Beruf bei ihr gemeldet wird.

Das Institut der Deutschen Wirtschaft, das ebenfalls regelmäßig eine Statistik zum Fachkräftemangel verfasst, geht daher von einem insgesamt höheren Bedarf aus und multipliziert entsprechend die von der Bundesagentur als offen gemeldete Stellen. Hier liegen die Gründe für den von ihr höher bezifferten Fachkräftemangel. Aus der errechneten Differenz von qualifizierten
Bewerbern und ermittelten Vakanzen leitet die idw dann ihre Zahlen zum Fachkräftemangel ab. Die Zahl offener Stellen ist für sich noch kein Zeichen für einen Mangel an Bewerbern.

Fluktuationen am Arbeitsmarkt sind normal. Arbeitnehmer wechseln die Arbeitsstelle oder gehen in Rente. Das sorgt kontinuierlich für frei werdende, offene Stellen. Kann eine Stelle aber nur mit erheblicher Verzögerung wieder besetzt werden, ist das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt offensichtlich gestört. Es liegt eine Mangelsituation vor. Die Bundesagentur für Arbeit misst den Fachkräftemangel über eine Matrix verschiedener Faktoren und rückt vor allem die Vakanzzeit in den Mittelpunkt ihrer Analysen. Mit der Vakanzzeit wird die Zeit beschrieben, die es braucht, um eine freie Stelle zu besetzen. Eine überdurchschnittlich lange Vakanzzeit ist Indikator für einen bestehenden personellen Engpass und einen Fachkräftemangel.

Arbeitsmarkt: Fachkräftemangel - Mythos oder reale Gefahr für die Wirtschaft?

Gründe, davon auszugehen, dass es sich beim Fachkräftemangel um eine von der Wirtschaft erzeugte Fiktion handelt, die eine brummende Konjunktur suggerieren und Eigenwerbung für eine vermeintlich besonders stark nachgefragte Branche mit hohem Personalbedarf machen soll, gibt es nicht. Die
wirtschaftliche Situation ist viel zu dynamisch und der Aufwand zu hoch, einen Fachkräftemangel nur herbeizureden, um dadurch mit jahrelanger Verzögerung arbeitgeberseitig künstlich auf das Lohnniveau einwirken zu können.

Richtig ist vielmehr: Wenn die Arbeitslosenzahl sinkt, sinkt damit auch das allgemeine Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen, da Betriebe durch die gute Konjunktur insgesamt einstellungswillig sind. Der Mangel an Fachkräften in der Pflege, im Bereich von Logistik oder der Geburtshilfe wird auch durch die Lebenswirklichkeit vieler Menschen regelmäßig bestätigt. Laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft kostet der Fachkräftemangel die deutsche Wirtschaft 30 Milliarden Euro. Die Wirtschaftsleistung könnte mit mehr Arbeitskräften deutlich höher ausfallen. Die Zahlen für zugewanderte Fachkräfte belegen dies: Fachkräfte, die z.B. aus Eritrea, Irak, Afghanistan und Syrien nach Deutschland kamen, trugen 2016 mit einem Wertschöpfungsbeitrag von 170,4 Milliarden Euro bei.

Dass der Fachkräftemangel besteht und Schäden für die Wirtschaft und die Gesellschaft erzeugt, kann mit absoluter Gewissheit gesagt werden. Fraglich ist nur die genaue Höhe des Fachkräftemangels in den einzelnen Branchen.
Insgesamt geht das Institut der deutschen Wirtschaft Köln aktuell von 440.000 fehlenden Fachkräften, vorwiegend im produzierenden Gewerbe aus. Für die MINT-Berufe in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik ermittelt das iwd einen Bedarf von 315.000 MINT-Arbeitskräften und konstituiert zugleich einen strukturellen Wandel. Während vor wenigen
Jahren noch vorwiegend Hochschulabsolventen gesucht wurden, sind heute vor allem Facharbeiter, Meister und Techniker gefragt. 64 Prozent aller gemeldeten offenen Stellen sind derzeit für Nicht-Akademiker ausgeschrieben. Damit hat sich der Fachkräftemangel von den "Experten" zu den "Spezialisten" und "Fachkräften" verschoben.

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Fachkräftemangel: Was bedeutet Fachkraft, Spezialist und Experte?

Wer eine zwei- bis dreijährige Berufsausbildung abgeschlossen hat, gilt in seinem Beruf als "Fachkraft". Hierzu zählen beispielsweise Bäckerinnen und Bäcker, Erzieherinnen, Pfleger oder auch Beamte im mittleren Dienst.
Wer über einen Hochschulabschluss (B.A.) in seiner Branche verfügt, wird als "Spezialist" bezeichnet. Aber auch Meister eines Handwerks, Fach- und Betriebswirte oder Beamte des gehobenen Dienstes werden als "Spezialisten" bezeichnet. "Experten" führen in ihrem Beruf hochkomplexe Tätigkeiten aus. Sie haben ein mindestens vierjähriges Studium absolviert (M.A.), sind Beamte im höheren Dienst oder Verwaltungswissenschaftler.

In welchen Branchen gibt es in Deutschland einen Fachkräftemangel?

Die aktuellste Statistik der Bundesagentur für Arbeit zum Thema Fachkräftemangel liegt mit der Engpassanalyse von Dezember 2017 vor. Die Vakanzzeit einer Stelle beläuft sich laut dieser Statistik durchschnittlich auf 102 Tage. Seit 2010 ist die Vakanzzeit kontinuierlich gestiegen. Bis zur Besetzung einer Stelle dauert es heute gut einen Monat länger als 2011. Trotzdem kommt die Bundesagentur für Arbeit nach Auswertung der Statistik zu dem Ergebnis, dass von einem flächendeckenden Fachkräftemangel nach wie vor nicht auszugehen sei. Dem stimmt auch das Institut der Deutschen Wirtschaft zu. Die Engpässe haben stark regionale Ausprägung.
Beispielsweise warten Stellen für Softwareentwickler und Programmierer im Schnitt 148 Tage auf eine Neubesetzung. Daher wurde insgesamt ein Fachkräftemangel in der IT-Anwenderberatung festgestellt. In Berlin gibt es z.B. in der IT-Branche aber keinerlei Anzeichen für einen Engpass. Im Gesundheitswesen fehlt es in allen Region Deutschlands an Podologen, Physiotherapeuten, Apothekern und Pflegefachkräften. Die Vakanz einer Altenpflegerstelle besteht mit 171 Tagen durchschnittlich 67 Prozent länger als bei anderen offenen Stellen.

Die Vakanzzeit für Fachkräfte und Spezialisten in der Mechatronik- und Automatisierungstechnik liegt bundesweit mit 135 Tagen deutlich über dem Durchschnitt. Ein feststellbarer Fachkräftemangel besteht in diesen Branchen besonders im Osten Deutschlands und Bayern. Die Vakanzzeit für Fachkräftestellen in der Elektrotechnik und den verwandten Branchen liegt bei 154 Tagen. Im Bausektor sind die guten Konjukturbedingungen Gründe für eine gestiegene Nachfrage an Fachkräften. Im Hoch- und Tiefbau fehlt es an Meistern, so die Statistik.Fachkräfte und Spezialisten werden in der Klempnerei und der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik gesucht.

Fachkräftemangel: Wie können sich Unternehmen für die Zukunft ausrichten?

Insgesamt können Unternehmen ihr Employer Branding verstärken, um sich im Wettstreit um die besten der verfügbaren Bewerber als attraktiver Arbeitgeber gegen die Konkurrenz durchzusetzen. Interessante, auch duale Ausbildungsangebote für einen Beruf können Gründe sein, die Bewerber
frühzeitig an ein Unternehmen binden und Personalmangel langfristig vermeiden. Im IT-Bereich könnten Unternehmen, auch die individuellen Fähigkeiten von Bewerbern prüfen, die über einen Quereinstieg in der Branche arbeiten wollen.

Fehlt einem Bewerber nur der einschlägige Abschluss zum Beruf, existieren vielfältige Weiterbildungssysteme, die eine nachträgliche Qualifizierung eines Mitarbeiters während seiner Beschäftigung ermöglichen. Unternehmen können gleichzeitig über ihre Verbände den Druck auf die politisch Verantwortlichen erhöhen, damit arbeitspolitische Maßnahmen intensiviert werden, die den bestehenden Herausforderungen effektiv begegnen. Die Gründe dafür, dass junge Leute keine Ausbildung antreten, sind wohl auch in der personellen und materiellen Infrastrukur der Berufsschulen zu suchen. Die Weiterbildung vorhandener Fachkräfte kann insgesamt besser gefördert werden. eine Möglichkeit wäre die finanzielle Unterstützung von Unternehmen, die intern Ausbildungen oder Qualifizierungsmaßnahmen anbieten.

Veröffentlicht am: 01.08.2018

 

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